Drei Schrauben verweigern kurzzeitig ihre Mitarbeit, doch dann ist das Flügelauto auf dem Zeughaus-Turm Geschichte. Und die Ford-Werke haben vorübergehend wieder einen Fiesta. Aber nur zu Besuch.
Abflug vom Zeughaus-TurmDas Flügelauto muss runter vom Sockel – und verursacht Stau

Das goldene Flügelauto des Aktionskünstlers HA Schult wird von einem Kran vom Turm des historischen Zeughauses gehoben.
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Irgendwann wird selbst ein Lkw-Fahrer wie Rolf Leimgruber nervös. Was ungewöhnlich ist, weil er erstens Schweizer und zweitens seit zwölf Jahren Experte für Schwertransporte ist. Für einen Fachmann wie ihn ist das Abseilen und Verladen des Flügelautos vom Zeughaus-Turm in 24 Metern Höhe, das vier Tonnen wiegt, keine große Kunst. Sondern nur eine Frage der Präzision. Aber das sagt er nur unter vier Augen, schließlich ist der Künstler persönlich anwesend.
HA Schult hockt seit einer Stunde an der Burgmauer in seinem Auto, strahlt vor Vorfreude übers ganze Gesicht, sichtlich begeistert darüber, dass „seine Kölner“ das Spektakel so zahlreich verfolgen wollen, was am Tag nach einer Sonnenfinsternis, bei dem auch alle auf den Beinen waren, so selbstverständlich nicht ist.

Rolf Leimgruber nimmt das Flügelauto in Empfang. Der Fahrer des Schwertransporters sichert das Kunstwerk vor seiner Reise zu den Ford-Werken.
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35 Jahre habe er den Kölnern mit seinem „Goldenen Vogel“ eine Freude gemacht. Eineinhalb habe er an dem Umzug gearbeitet. „Und was kann ein Künstler Besseres tun, als den Menschen Freude zu bereiten? Jetzt brauchen wir ein halbes Jahr für die Restaurierung in den Ford-Werken und dann wird es die nächsten 35 Jahre auf dem Maritim stehen.“ Nicht mehr als „Fetisch Auto“, sondern als Symbol für die Weltoffenheit und Gastfreundschaft Kölns.
Doch irgendetwas stimmt nicht. Alle starren noch oben, im Scheinwerferlicht bewegt sich nichts. Kein Flügel, kein Auto.
„Wir müssen noch drei Schrauben entfernen, die schon gelockert sind und dann kann man es langsam anziehen“, erklärt Leimgruber und muss gestehen, von der Existenz des Kunstwerks bis vor wenigen Tagen gar nichts gewusst zu haben. „Ich bin jetzt zwölf Jahre bei der Colonia und habe mir erst bei der Vorbereitung die alten Fotos angesehen. Wir haben das Auto schon einmal transportiert. Aber da war ich noch nicht dabei.“

Erleichtert und voller Pläne: HA Schult nach der Landung seines „Goldenen Vogel“ an der Burgmauer
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Die Schrauben sind das Problem. Sie sitzen bombenfest. Jetzt beginnt die Suche nach einem 40er Schlüssel. Leimgruber kramt in den großen Werkzeugkisten des Tiefladers. Fehlanzeige. „Eigentlich war die Stadt für das Lösen der Schrauben zuständig. Aber das wurde offenbar versäumt“, sagt er. Benjamin Gruschka, Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats bei Ford, telefoniert, aber in Niehl gibt es schon lange keine Nachtschicht mehr. Also auch keinen Zugriff auf einen 40er Schlüssel.
Um gute Ratschläge sind die Kölner bekanntlich nie verlegen. Man könnte es bei der Bahn versuchen. Oder bei der KVB. Was ist mit der Feuerwehr? Oder der Rhein-Energie?

Bei den Kölnern ist das Flügelauto sehr beliebt. Entsprechend groß war das Interesse an dessen Abschied vom Zeughaus-Turm.
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Zeit für ein Gespräch mit Matthias Hamann. „Das ist schon ein Stück Stadtgeschichte“, sagt der Direktor des Kölnischen Stadtmuseums. „Das Flügelauto ist Teil des kollektiven Gedächtnisses der Stadt und insofern ist auch ein wenig Wehmut dabei, dass es uns verlässt.“
Das Flügelauto ist Teil der Stadtgeschichte und ihrer Streitkultur
Der jahrelange Nachbarschaftsstreit, den der ehemalige Regierungspräsident und vehemente Gegner des Flügelautos, Franz-Josef Antwerpes, mit der Stadt ausgetragen hat, habe dessen Ruhm nur gemehrt. „Das ist Teil der Stadtgeschichte und ihrer Streitkultur. Das macht das Kunstwerk spannend und wertvoll“, sagt Hamann. Dennoch sei „der Vogel“ nie Teil des Gebäudes gewesen und stehe deshalb auch nicht unter Denkmalschutz. Der hatte dafür gesorgt, dass es abmontiert werden musste. Weil sonst das Denkmal Schaden nehmen könnte.
Ein paar Minuten später ist es so weit. Irgendwer gibt Entwarnung. Irgendwie haben die beiden Arbeiter auf dem Dach des Zeughaus-Turms doch eine Lösung gefunden.
Und was machen die Schaulustigen? Sie vertreiben sich an diesem tropischen Sommerabend die Wartezeit damit, HA Schult um gemeinsame Erinnerungsfotos zu bitten. Einem fällt auf, dass das eigens für den Abtransport eingerichtete Halteverbot schon um 22 Uhr abläuft, obwohl die Aktion bis 23 Uhr dauern soll. Kriegt das Flügelauto nach der Landung gleich ein Knöllchen?
Der Kranführer zieht an – Zentimeter für Zentimeter entfernt sich das Flügelauto von seinem exklusiven Parkplatz.

Millimeterarbeit: Vor dem Absetzen auf dem Tieflader musste das Kunstobjekt um 90 Grad gedreht werden.
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Jetzt ist Leimgruber an der Reihe. Mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks setzt er seinen Plan um. Kurz vor der Landung auf dem Tieflader dreht er das Flügelauto um 90 Grad, um es quer zur Zugmaschine abzusetzen. Mit den Flügeln, die eine Spannweite von sechs Metern haben, ließe es sich anders kaum über die Straßen in die Ford-Werke an die Emdener Straße bringen. 10.000 Euro, so wird gemunkelt, soll die Aktion kosten.
Das Spektakel wollen die Kölner hautnah erleben. Bisher haben sie sich nur gewundert, dass die Burgmauer während dieses Manövers nicht abgesperrt ist, sind dennoch brav auf dem Bürgersteig geblieben. Noch.
Jetzt stürmen sie die Fahrbahn. Flügelauto filmen, Flügelauto knipsen, mit Künstler, ohne Künstler. „Ich werde es vermissen“, sagt eine Anwohnerin mit Tränen in den Augen. „Jeden Tag habe ich es aus meinem Fenster angeschaut.“
Von der Polizei, die die Demontage begleiten sollte, ist nichts zu sehen. Ein Taxifahrer und zwei seiner Kollegen von Uber kommen keinen Meter mehr voran. „Eine Sauerei ist das. Ich kann auch das Ordnungsamt rufen“, brüllt er in die Menge. Das ist zum Glück auch nicht da.

An der denkmalgeschützten und baufälligen Bastei führte der Weg des Flügelauto über das Rheinufer zu den Ford-Werken nach Niehl.
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HA Schult zückt seine Geldbörse, will ihm die Standzeit bezahlen, kommt in dem Tohuwabohu aber nicht dazu. Wenig später gibt er mitten in der Menge vor der goldenen Motorhaube in aller Ruhe Interviews. „Das ist das erste Mal, dass das Flügelauto einen Stau verursacht. Und das nach 35 Jahren.“ Applaus brandet auf.
Am Maritim beginnt jetzt eine neue Geschichte
Nach einer Viertelstunde beruhigt sich die Lage. Während sein Kunstwerk auf dem Tieflader vertäut wird, richtet HA Schult den Blick nach vorn. „Am Maritim beginnt jetzt eine neue Geschichte. Ich schaue mir an, was die Stadt jetzt aus dieser Sache macht. Sie behauptet ja, dass sie der Besitzer des Kunstwerks sei.“ Aus seiner Sicht sei das nicht richtig. „Es war seinerzeit eine Stiftung von Ford an den Freundeskreis des Stadtmuseums mit der Prämisse, dass es hier auf diesem Turm steht. Die ist jetzt nicht mehr erfüllt. Ford könnte das Auto zurückverlangen. Daran hat aber niemand ein Interesse.“

Am Freitagmorgen wird der Fiesta bei den Ford-Werken vom Tieflader geholt.
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In der Nacht zum Freitag ist das Flügelauto zur Halle 6 von Ford gebracht worden. Von Rolf Leimgruber, dem Schweizer, den so schnell nichts aus der Ruhe bringt. Vorbei am Ebertplatz, über den Theodor-Heuss-Ring und das Rheinufer, das Niehler Ei bis zur Emdener Straße. Dort, in der Halle 6, wird man sehen, wie aufwendig die Restaurierung ist. Die Flügel werden bleiben. Ob die Karosserie noch zu retten ist, weiß keiner.
Und was, wenn das nicht der Fall ist? „Dann müssen wir eine andere besorgen“, sagt Betriebsratschef Gruschka. „Auf dem Gebrauchtwagenmarkt. Bei uns haben wir keine mehr.“
