Vor 30 Jahren kam sie aus Nigeria nach Köln. Heute verdient sie mit ausgedienten Reifen Geld – und hilft anderen beim Start in die Selbstständigkeit.
Reifen-Reich in KölnBisi Olusoga hat expandiert und gibt ihr Know-how weiter

Bisi Olusoga handelt mit Altreifen. Inzwischen gibt sie ihr Know-how in Schulungen weiter.
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„Jeder Autoreifen ist für mich wertvoll – ganz egal, ob er noch neun Millimeter Profil hat, vier, einen oder gar keines mehr. Aus jedem einzelnen mache ich Geld.“ Bisi Olusoga sagt diesen Satz mit einer Selbstverständlichkeit, die ihr Geschäftsmodell auf den Punkt bringt. Die Unternehmerin hat sich in einer Branche etabliert, die bis heute von Männern dominiert wird. Vor fast 30 Jahren kam die Nigerianerin als 25-jährige Biologiestudentin nach Deutschland.
„Ich hatte große Sehnsucht nach meinem Lieblingsbruder, der damals in Düsseldorf lebte. Aus dem Besuch wurde für mich ein völlig neues Leben.“ Die ersten Jahre waren hart. Sie besuchte Deutschkurse und arbeitete als Reinigungskraft. Gleichzeitig wollte sie unabhängig werden und ihren beiden Töchtern eine gute Ausbildung ermöglichen. Auf der Suche nach einer Marktlücke stieß sie auf ausgediente Autoreifen – und machte daraus ein Geschäft. 2004 gründete sie ihre Firma „Corporate Shipper GmbH Köln“. Als „Reifenkönigin“ bezeichnete sie der „Kölner Stadt-Anzeiger“ vor sechs Jahren in einem Porträt.

Die nicht mehr verkäuflichen Reifen kommen in eine Pressmaschine, die Olusoga gerade angeschafft hat.
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Inzwischen ist ihr Unternehmen weitergewachsen. Neben ihrem Standort in Köln-Godorf hat Olusoga ein rund 10.000 Quadratmeter großes Gelände mit mehreren Hallen in Hürth-Fischenich gepachtet. „Man muss konsequent sein, jeden Tag dranbleiben und bereit sein zu investieren. Ich habe keine Angst vor Risiken. Und ich habe immer einen Plan A, B und C.“
Noch gut erhaltene Reifen verkauft die Kölnerin nach England und Benelux
Gut erhaltene Reifen verkauft sie nach England, Belgien und in die Niederlande, wo andere Mindestprofiltiefen gelten. Reifen mittlerer Qualität nach Afrika und Puerto Rico. Reifen ohne jedes Profil musste sie bislang teuer entsorgen, ein Kostenfaktor, der die Geschäftsfrau ärgerte. In Indien und Pakistan entdeckte sie neue Abnehmer und eine zusätzliche Einnahmequelle. Anstatt für die vollkommen unbrauchbaren Reifen bei deutschen Recyclingfirmen zu zahlen, erhält sie nun noch Geld dafür.
„Ich habe in eine leistungsstarke Presse investiert. In zwei Minuten sind die Reifen platt und es passen bis zu 25 Tonnen in einen Container. Von Köln aus gehen sie über Antwerpen per Schiff nach Indien. Dort werden sie zu Rohstoffen für Straßenbeläge und Schuhe verarbeitet.“ Mit diesem Konzept hat sie sich auch bei Autohäusern einen Namen gemacht. „Ich arbeite unter anderem mit BMW und Ford zusammen. Ich nehme nicht nur die guten Reifen mit, sondern auch den Schrott. Das spart den Betrieben Entsorgungskosten.“

Bisi Olusoga (Mitte) hat zwei Reifenhändler aus England zu Gast, mit denen sie ihre Erfahrungen und ihr Wissen teilt.
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In den sozialen Medien zeigt sie ihren Arbeitsalltag. Auf Instagram und TikTok verzichtet sie bewusst auf Hochglanzbilder. „Ich bin in Arbeitskleidung unterwegs und stehe mitten zwischen den Reifen. Das ist mein echtes Leben – real life. Kein bla, bla wie bei vielen Influencern.“
Reifenhändlerin gibt ihr Wissen an Neulinge im Geschäft weiter
Seit einem halben Jahr gibt sie ihre Erfahrungen weiter, will anderen helfen, erfolgreiche Geschäftsmodelle aufzubauen. Zu ihren Schülern gehören vorwiegend Afrikaner aus verschiedenen europäischen Ländern, die selbst in den Reifenhandel einsteigen wollen. „Viele scheitern nicht am Geschäft, sondern an der Buchhaltung oder an den Steuern. Ich erkläre ihnen die Grundlagen: Wie führe ich eine Firma? Wo bekomme ich Unterstützung? Wann brauche ich einen Steuerberater? Die meisten kommen komplett naiv und wissen gar nicht, was alles dazugehört.“
Parallel schreibt sie ihr erstes Buch. „Rise With Me“ erscheint im Oktober als E-Book. „Dann werde ich 56. Das Buch ist mein Geburtstagsgeschenk an mich selbst“, sagt sie und lacht. Auch ihr Heimatland Nigeria hat sie nicht vergessen. Drei junge Frauen unterstützt sie dort beim Aufbau eines eigenen Unternehmens. Das Startkapital für ihre kleinen Unternehmen finanzierte sie mit rund 750 Euro. Zusätzlich unterstützt sie die Gründerinnen jeden Monat mit 30 Euro. In Lagos hat sie außerdem ein Zimmer angemietet, in dem junge Menschen vom Land vorübergehend kostenlos wohnen können.
„Die Leute brauchen oft keine großen Summen, keine 10.000 Euro, meistens reichen 500 Euro. Sie benötigen Wissen und einen kleinen Schubs.“ Vor fast 30 Jahren kam Bisi Olusoga mit einem Touristenvisum nach Deutschland. Heute ist sie alleinerziehende Mutter, erfolgreiche Unternehmerin und Mentorin. „Meine Töchter sind mein ganzer Stolz. Die eine hat gerade Abitur gemacht, die andere ihr erstes Staatsexamen in Jura.“ Regelmäßig geht die gläubige Unternehmerin in den Kölner Dom und zündet eine Kerze an. Dort kann sie durchatmen und findet Ruhe. „Man darf nicht nur glauben und schlafen. Man muss glauben und arbeiten“, sagt sie und stürzt sich in ein neues Projekt.

