Ein Rechtsexperte sagt: „Die Verwaltung verschanzt sich hinter Einhaltung abstrakter Normen.“
Vier Unfälle an SeverinsbrückeGefährdet Verhalten der Kölner Verwaltung die Gesundheit der Bürger?

An dieser Stelle zog sich Babara Steinbach-Zander bei ihrem Fahrradsturz im November 2022 einen Oberschenkelhalsbruch zu. Ihr Mann Klaus wundert sich, dass die Stadt anschließend einen Schildermast entfernt hat - viel mehr aber auch nicht.
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Der schwere Unfall eines Radfahrers, der am Abend des 16. Dezember 2025 auf der rechtsrheinischen Rampe zur Severinsbrücke in Deutz an der Auffahrt „An der Bastion“ gegen ein Drängelgitter krachte, das für ihn im Dunkeln nicht zu erkennen war, ist für die Stadtverwaltung kein Anlass zum Handeln.
Carsten Brennecke hatte sich dabei eine Sprengung des Schultereckgelenks zugezogen und Prellungen im Gesicht erlitten. „Es war stockdunkel. Dass der Radweg kurz vorher nach rechts abzweigt, war für mich einfach nicht zu erkennen. Ich bin diesen Weg vorher noch nie gefahren.“
Was Brennecke damals noch nicht ahnen konnte: Er ist nicht der Einzige, der an dieser Stelle zum Unfallopfer wurde. „Mir ist im November 2022 exakt das Gleiche passiert“, sagt Barbara Steinbach-Zander. Sie meldet sich, nachdem sie über den Unfall von Brennecke im „Kölner Stadt-Anzeiger“ gelesen hat. „Ich habe mir einen Oberschenkelhalsbruch zugezogen, der mein Leben verändert hat. Ich leide heute noch darunter.“
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Ich habe mir einen Oberschenkelhalsbruch zugezogen, der mein Leben verändert hat
Wie Brennecke ist auch Steinbach-Zander eine erfahrene Radlerin und an jenem Abend im November 2022 zum ersten Mal auf diesem Radweg unterwegs. Auch sie übersieht das Drängelgitter. Nach dem Unfall steigt sie im ersten Schock sogar noch aufs Rad, fährt unter Schmerzen nach Hause. „Das war ein Fehler. Wir haben erwogen, die Stadt zu verklagen, aber ich habe ja keinen Zeugen.“ Auf einen Aushang, den ihr Mann an der Unfallstelle aufhängt, meldet sich niemand.
Steinbach-Zander wendet sich nach ihrer Genesung im Februar 2023 per E-Mail an Kölns Fahrradbeauftragten, hat aber außer einer automatischen Eingangsbestätigung bis heute keine Antwort erhalten. „Ich wollte unbedingt verhindern, dass so ein Unfall noch einmal passiert.“

Am 16. Dezember 2025 an der Severinsbrücke bei einem Radunfall schwer verletzt: Carsten Brennecke.
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Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ hat die Stadtverwaltung auch mit diesem zweiten Fall konfrontiert. Die Reaktion des Verkehrsdezernats macht beide Opfer fassungslos. Die Beschilderung 50 Meter vor der Auffahrt zur Brücke sei eindeutig. „Links ist ein Fußgänger-Piktogramm und rechts ein Radweg-Piktogramm auf dem Schild abgebildet. Das legt für den Bereich links des Schmalstrichs die Gehwegnutzung und rechts des Schmalstrichs die Radwegnutzung fest. Rad- und Fußverkehr sind mit einer weißen durchgezogenen Linie voneinander getrennt. Der Rad-Wegweiser gilt für die Radwegfläche“, heißt es wörtlich.
Man habe in „den letzten Jahren bereits Verbesserungen vorgenommen. Die Beleuchtung wurde verbessert und der Schmalstrich, der den Fuß- und Radwegbereich voneinander abgrenzt, wurde nachgezogen und besser sichtbar gemacht. Weitere Möglichkeiten zur Optimierung sind in Arbeit. Die Unfallkommission beobachtet und bewertet regelmäßig das Verkehrsgeschehen in Köln. Wird eine Stelle auffällig, gibt die Kommission eine Handlungsempfehlung ab. Für diese konkrete Stelle wurde bislang keine Auffälligkeit festgestellt.“
Keine Auffälligkeit? „Was muss denn noch passieren, damit sich an dieser Stelle etwas ändert?“, sagt Steinbach-Zander am Mittwoch bei einem Treffen vor Ort. „Hier hat nach dem Unfall noch ein Schildermast gestanden“, sagt ihr Mann Klaus Zander. „Der ist entfernt worden. Warum auch immer.“
Beleuchtung verbessert, Schmalstrich nachgezogen
Mit der „verbesserten Beleuchtung“, von der die Stadt schreibt, können nur völlig verdreckte Lampen in der Decke der Unterführung gemeint sein. Auch der beschriebene Schmalstrich ist keineswegs bis zum Abzweig durchgezogen.
Carsten Brennecke ist zuletzt noch einmal an der Unfallstelle vorbeigefahren, weil er sich immer noch fragt, warum ihm das passieren konnte. „Man ist zusätzlich irritiert, weil der rechte Streifen abknickt und anscheinend von der Brücke wegführt. Er macht halt einen großen Bogen.“ Das alles könne man im Dunkeln so schnell gar nicht realisieren. „Ich verstehe nicht, warum die Stadt das nicht eindeutiger beschildert“, sagt auch Barbara Steinbach-Zander. Einen „nachgezogenen Schmalstrich“ als Verbesserung zu bezeichnen, könne sie nur als Hohn empfinden.

Mit diesem Aufruf suchte das Unfallopfer im November 2022 nach Zeugen. Der Schildermast ist inzwischen abgebaut.
Copyright: Klaus Zander
Vier Unfälle, zwei davon mit schweren Verletzungen innerhalb von drei Jahren an der gleichen Stelle und das Verkehrsdezernat sieht keinen akuten Handlungsbedarf: Setzt die Stadt wider besseres Wissen die Gesundheit ihrer Bürger aufs Spiel?
Fest steht: Schon im September 2022, hat der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC) bei der Stadt angeregt, die Fahrradwegweisung zur Severinsbrücke zu verbessern, „um es auch ortsunkundigen Radlern zu ermöglichen, die Brücke effektiv zu nutzen“.
Das ist bis heute nicht der Fall. Dabei wäre es ohne großen Aufwand machbar. „Das defekte und vergammelte Drängelgitter müsste ersetzt und mit fluoreszierender Farbe gestrichen werden“, schlägt ein Leser vor. Zusätzlich sollte die Stadt auf dem Radweg ein Piktogramm aufbringen, auf dem eindeutig zu erkennen ist, dass Radfahrer rechts abbiegen müssen, um auf die Brücke zu gelangen. Einen ähnlichen Vorschlag hatte ein weiterer Radfahrer und auf der städtischen Meldeplattform „Sag’s uns“ exakt die gleiche Situation beschrieben. „Ich bin dagegengeknallt, weil ich es zu spät gesehen habe.“ Der Unfall sei aber glimpflich ausgegangen.
Die Anregung des ADFC und eine Bürgereingabe haben immerhin dazu geführt, dass sich die Bezirksvertretung Innenstadt im Jahr 2023 mit dem Thema befasste. Damals beschloss man, den kombinierten Fuß- und Radweg an der südlichen, linksrheinischen Brückenrampe zu verbreitern. Die Verwaltung hatte damals zugesichert, sie werde die Eingabe berücksichtigen. Schließlich sei die Verbesserung des Radverkehrs auf der Brücke im Radverkehrskonzept für die Innenstadt schon enthalten. Immerhin: Auf der linken Rheinseite gibt es bereits ein neues Drängelgitter.
Für Klaus Zander gibt es nur eine schnelle Lösung. „Offensichtlich ist es nicht möglich, durch Beschilderung die Radfahrer davon abzuhalten, die steile Rampe an der Brücke zu befahren. Aufgrund der Unfälle wird es wohl die sicherste Lösung sein, oben und unten an der Rampe ein richtiges Drängelgitter anzubringen, damit auch die Geisterfahrer abgehalten werden den Weg zu nehmen.“ Man müsse davon ausgehen, dass dort noch andere Radfahrer Unfälle erlitten haben. „Die melden sich wahrscheinlich nicht, weil sie die Schuld bei sich suchen.“
Aus Sicht des Rechtswissenschaftlers Markus Ogorek, Professor an der Universität Köln, hätte die Stadt längst handeln müssen, „gerade weil es an der Severinsbrücke bereits zu mehreren schweren Unfällen gekommen ist. „Die Energie, die nun darauf verwendet wird, die eigene Untätigkeit zu rechtfertigen, steht in keinem vernünftigen Verhältnis zum vergleichsweise geringen Aufwand, mit dem sich eine offensichtliche Gefahrenquelle beseitigen oder zumindest entschärfen ließe.“
Das untergräbt das Vertrauen der Bürger in die Regelungskompetenz und die Schutzfunktion des Staates
Rechtsnormen und technische Regelwerke könnten zwar nicht jede denkbare Gefahr im Voraus erfassen. „Wenn sich jedoch zeigt, dass diese Standards in der Praxis nicht ausreichen, um Leib und Leben wirksam zu schützen, ist eine Verwaltung gut beraten, tätig zu werden und nachzusteuern“, so Ogorek. „Das ist vielleicht nicht immer eine strikt einklagbare Rechtspflicht, aber jedenfalls ein Gebot des gesunden Menschenverstands.“
Problematisch werde es, wenn sich eine Verwaltung hinter der bloßen Einhaltung abstrakter Normen verschanzt, obwohl sich eine konkrete Gefahrenlage längst gezeigt hat. „Das untergräbt das Vertrauen der Bürger in die Regelungskompetenz und die Schutzfunktion des Staates. Es wirkt zudem zynisch, wenn Unfallopfern – zumindest indirekt – vorgehalten wird, sie hätten sich nur regelkonform verhalten müssen“, sagt Ogorek.
