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„Ich werde gebraucht“Leonore Kalmes ist Kölns älteste Messdienerin

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29.08.2026. Köln: Leonore Kalmes ist 90 Jahre alt und mutmaßlich Kölns älteste Ministrantin. Jeden Samstag dient sie in St. Mauritius Messe. Hier mit Pater Stephan Kessler SJ. Foto: Martina Goyert

Jeden Samstag dient Leonore Kalmes in St. Mauritius Messe, hier mit Pater Stephan Kessler.

Immer samstags ministriert Leonore Kalmes in St. Mauritius – mit 90 Jahren. Die Kölnerin betrachtet den Dienst als „Kontaktpflege nach oben“.

Dunkelblauer Regenmantel, bunte Handtasche, farblich passende Brille und weiße Hipster-Turnschuhe. So steht Leonore Kalmes an diesem Augustsamstag vor dem Eingang zu St. Mauritius. Die Haare trägt sie raspelkurz, sie steht sehr aufrecht, man kann an dieser Haltung sehen, dass sie lange getanzt hat. Kalmes begrüßt schnell ein paar Gemeindemitglieder, die im Innenhof sitzen, weist zwei jungen Schwestern aus dem Ausland den Weg und verschwindet dann in der Sakristei. Als sie wieder herauskommt, trägt sie Messdienerkleidung: weißes Über-, grünes Untergewand – und die Turnschuhe. Kalmes nimmt ihren Platz ein und macht ihren Job. Ruhig und routiniert – so, wie die 90-Jährige es seit vielen Jahren tut.

01.09.2026, Köln: Außenansicht der Pfarrkirche St. Mauritius. Foto: Arton Krasniqi

In St. Mauritius ist die Seniorin regelmäßig.

In Deutschland engagieren sich einer aktuellen Auswertung der deutschen Bistümer zufolge rund 300.000 Menschen als Ministrantinnen und Ministranten. 54 Prozent von ihnen sind weiblich. Eine detaillierte Altersverteilung auf Bundesebene liegt nicht vor. Nach Angaben der Deutschen Bischofskonferenz waren bei einer früheren Erhebung rund 98 Prozent der Ministrierenden höchstens 25 Jahre alt. Im Erzbistum Köln gibt es rund 11.300 Messdienerinnen und Messdiener. Im Kölner Stadtgebiet sind etwa 3000 Personen im Einsatz, davon knapp 500 Leiterinnen und Leiter ab 16 Jahren und rund 2500 Kinder von acht bis 15 Jahren. Messdiener im Erwachsenenalter sind die Ausnahme. Mit ihren 90 Jahren ist Kalmes die Ausnahme der Ausnahmen.

„Ministrieren ist keine Wissenschaft“

Seit wann genau sie Ministrantin ist, weiß Kalmes nicht mehr. Einige Jahre nach 2000 muss es gewesen sein. Ein Priester sprach sie damals an, sagte: „Mach erst mal nur das, was ich mache – direkt nachmachen.“ „Ministrieren“, sagt Kalmes, „ist wirklich keine Wissenschaft, aber man muss wissen, wann man was zu tun hat.“ Los ging es für sie in St. Michael am Brüsseler Platz, bis ein Jesuitenpater sie nach Mauritius „gelotst hat“, wie sie sagt.

29.08.2026. Köln: Leonore Kalmes ist 90 Jahre alt und mutmaßlich Kölns älteste Ministrantin. Jeden Samstag dient sie in St. Mauritius Messe. Foto: Martina Goyert

Leonore Kalmes im Innenhof von St. Mauritius.

Dort ist sie fest eingeteilt. Jeden Samstagabend ist um 17.30 Uhr Messe, und wenn Kalmes nicht gerade im Urlaub ist, ist sie dort. Dann macht sie alles, was ein Messdiener, egal welchen Alters, machen muss: dem Priester bei der Gabenbereitung helfen, Messbuch, Kelch und andere liturgische Gegenstände bereitstellen, bei der Händewaschung Wasser und Schale reichen. Nach St. Gereon wird sie gerufen, wenn Not ist. Das heißt: wenn es nicht genügend Kinder und Jugendliche gibt für eine Messe.

Messdiener-Duo in St. Mauritius

In Mauritius ministriert sie normalerweise mit einem anderen Mann. Der ist auch schon etwas im Alter fortgeschritten, aber noch weit entfernt von 90. „Aber wer ist schon 90?“, fragt Kalmes und lächelt. Die beiden sind ein gutes Team: Wenn einer weg ist, macht der andere es allein, zu zweit und symmetrisch sei es aber schöner. „Sagen wir mal: Ich werde gebraucht“, sagt Kalmes. Ein gutes Gefühl. Wenn sie in St. Gereon doch mal mit Kindern und Jugendlichen ministriert, hält Leonore Kalmes sich zurück. „Ich will nicht die Oberministrantin sein“, sagt sie. Die Kinder sollen das selbst machen.

01.09.2026, Köln: Außenansicht der romanischen Kirche St. Gereon. Foto: Arton Krasniqi

In St. Gereon ministriert Kalmes nur, wenn nicht ausreichend Kinder und Jugendliche da sind.

Das Ministrieren ist nicht ihr einziger Kirchendienst. Kalmes ist auch Lektorin, in Mauritius übernimmt sie regelmäßig Lesungen. In St. Gereon hat sie außerdem einmal in der Woche Kirchendienst, passt auf, dass sich hier niemand danebenbenimmt, zeigt Besuchern und Besucherinnen schon mal den Weg zur Toilette oder beantwortet Fragen zum Gebäude.

Beständigkeit formt eine Gemeinde

Mauritius, das ist für Kalmes ein Stück Zuhause. Normalerweise, wenn er nicht im Urlaub ist, leitet Jesuitenpater Klaus Jochum die Messe. „Hier ist nicht andauernder Wechsel“, sagt sie. Konstanz und Beständigkeit gehören für sie zu einer lebendigen, echten Gemeinde. Im Anschluss an die Messe stehen die Gottesdienstbesucher hier oft noch zusammen. Im grünen, wunderschön bepflanzten Innenhof oder unter den Dächern am Rand. Der Kühlschrank in der Sakristei ist voll mit Gouda in Würfelchen, Schinken und Salami, Fruchtsäften, Sekt, Wasser und Wein. „Wir kennen uns hier, jeder bringt mal was mit, wir tauschen uns dann noch aus“, erzählt Kalmes. So versteht sie Gemeinschaft. „Und für die muss jeder was tun, auch darum mache ich das hier.“

Als überfromm würde Leonore Kalmes sich nicht bezeichnen, als gläubig sehr wohl. Ministrieren, das ist für sie auch „Kontaktpflege nach oben“, sagt sie und zeigt mit dem Finger Richtung Himmel. „Wir wissen alle: Wenn man Kontakte nicht pflegt, ebbt das ab, man entfremdet sich. Und so ist das mit Gott für mich auch. Dieser regelmäßige Dienst in der Kirche bedeutet für mich eine wichtige, kontinuierliche Kontaktpflege.“ Kalmes glaubt an einen liebenden Gott, nicht an einen strafenden. Sie erinnert sich an einen Pfarrer in St. Aposteln, der zu Beginn ihrer Kölner Zeit mit ausgestrecktem Zeigefinger einmal von der Kanzel predigte: „Ihr müsst nicht meinen, dass der liebe Gott euer Kollege ist.“ Den Satz hat Kalmes nicht vergessen. Seitdem ist sie dort nicht mehr hingegangen. Wenn sie betet und mit Gott spricht, macht sie das so, wie sie auch sonst redet. Dann sagt sie: „Was hast du dir denn jetzt dabei gedacht?“

„Ein Beruf, der mir auf den Leib geschnitten war“

Ob denn nichts in ihrem Leben ihren Glauben erschüttern konnte? Kalmes schüttelt den Kopf. „Ich habe so viel Glück gehabt. Ich bin gesund, ich hatte einen guten Mann, ich hatte einen Beruf, den ich gelebt habe, zwei gesunde Kinder“, sagt sie. Bei Kriegsbeginn war Kalmes drei Jahre alt, im Verlauf wurde sie mit ihrer Mutter fünf Jahre lang nach Burgsinn bei Würzburg evakuiert. Aufgewachsen ist sie in Düsseldorf-Oberkassel, zum Studium kam sie nach Köln. Sie war 40 Jahre lang Grundschullehrerin in Leverkusen-Schlebusch. „Das war ein Beruf, der mir auf den Leib geschnitten war“, sagt sie. Auch Religionsunterricht hat sie gegeben.

Ihren Mann lernte sie auf einer Jugendfreizeit in der Eifel kennen. Sie war zum Spülen eingeteilt, er zum Kartoffelschälen. Für ihn war sofort klar: Die ist es. Sie brauchte noch ein Weilchen. Nach neun Jahren heirateten sie. „Er war mein Goldstück“, sagt Kalmes, „ich kam für ihn immer an erster Stelle, das war ungewöhnlich für die damalige Zeit.“ Irgendwann, als die beiden Töchter aus dem Haus waren, zog das Ehepaar von Gremberg in die Kölner Innenstadt. Kalmes lebt auch nach dem Tod ihres Mannes „in der Wohnung im Schatten der Domtürme“.

Von dort hat sie kurze Wege: zu St. Mauritius, zu St. Gereon, zum Dom, aber auch zu den vielen Kölner Museen, die sie so gern besucht. Seit 30 Jahren interessiert sie sich intensiv für Kunstgeschichte und engagiert sich ehrenamtlich in einem Museumskreis. „Da hab ich noch ein Pöstchen“, erzählt sie. Kalmes verwaltet den Beitrag der Teilnehmenden, von dem der Kunsthistoriker bezahlt wird, der die Truppe einmal im Monat durch Ausstellungen in Köln und der Umgebung führt.

„Religion und Kunstgeschichte sind eigentlich meine zwei Säulen“, sagt die Seniorin. Die eine führt sie regelmäßig an den Altar, die andere in die Museen, und beide hängen zusammen. Langeweile ist ihr fremd. Und wenn die Gemeinde sie braucht, kommt sie.