Ein Blick auf das Leben und Vermächtnis von Fritz Schramma.
Oberbürgermeister der BürgerWas Fritz Schramma für Köln geleistet hat

Der frühere Kölner Oberbürgermeister Fritz Schramma, ist im Alter von 78 Jahren verstorben.
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Einer seiner letzten Auftritte im Kölner Karneval war charakteristisch für Fritz Schramma: „Ich bin guten Mutes, dass ich die Krankheit besiegen werde, auch wenn es länger dauern sollte, als ich mir das wünsche“, sagte Fritz Schramma beim Prinzenessen im Februar dieses Jahres mit unverdrossener Hoffnung. Gleichwohl war die Prognose keine gute, die ihm die Ärzte einige Monate zuvor mitgeteilt hatten.
Dass sich diese nun bewahrheitet hat, sorgt bei unzähligen Kölnerinnen und Kölnern, Verbänden, Vereinen und Initiativen für große Trauer. Mit Fritz Schramma, der am Montag im Alter von 78 Jahren verstarb, verliert Köln einen Mann, der die Stadt über viele Jahre hinweg geprägt hat – nicht durch Machtgehabe, sondern durch die Überzeugung, dass ein Oberbürgermeister vor allem eines sein muss: der erste Bürger seiner Stadt. Einer, der Menschen mochte, die Geselligkeit liebte und daher nicht nur im Karneval sehr gern gesehen wurde.
Fritz Schramma: Bürgernah und offen
37 Jahre lang war Fritz Schramma mit Köln verflochten. Seit 1989 im Stadtrat, übernahm er 2000 das höchste Amt in der Stadt – zu einem Zeitpunkt, als die Gemeindeordnung neu gefasst wurde und die Rolle des Oberbürgermeisters neu definiert werden musste. Schramma deutete diese Unsicherheit in eine Chance um: Er verstand sein Amt nicht als Verwaltungshandeln, sondern als Dienst am Menschen. Mit regelmäßigen Bürgersprechstunden und – damals revolutionär – mit Internet-Chats prägte er einen neuen Stil der Bürgernähe. Er war nicht nur zugänglich, er wollte ein offener erster Bürger der Stadt sein.
Fast 28 Jahre hatte er als Gymnasiallehrer Latein und Geschichte unterrichtet, bevor er in die Politik ging – diese Erfahrung vergaß er nie. Er trieb die Sanierung der Kölner Schulen voran, ebenso den Ausbau der Ganztagsbetreuung und die Ausweitung der Betreuung für unter Dreijährige: Das waren keine technokratischen Projekte für ihn, sondern Investitionen in die Zukunft der Stadt – auch wenn sich in den Folgejahren zeigte, dass der Bedarf noch größer war.
Neugestaltung des Rheinauhafens
Daneben standen große städtebauliche Vorhaben unter seiner Regie: Die Neugestaltung des Rheinauhafens, der Ausbau der Kreativ- und Medienwirtschaft in Köln, der strittige Bau der Nordhallen der Kölner Messe, der Kampf um RTL, die Zusammenarbeit in der Region, die Neugestaltung des Bahnhofsvorplatzes, Initiativen für ein sauberes Köln oder die Ansiedlung von Weltunternehmen wie Microsoft und der Ehrenamtspreis „KölnEngagiert“ sind mit der Amtszeit von Fritz Schramma verbunden.
Es war nicht nur das Handeln, das Schramma prägte. Es war auch seine Haltung. Der Bau der Moschee in Ehrenfeld war für ihn ein Zeichen von Integration – nicht als abstrakte Forderung, sondern als gelebte Wirklichkeit. Für sein Engagement verlieh ihm die Deutsch-Türkische Gesundheitsstiftung 2008 den ersten Genç-Preis. Im selben Jahr erhielt er den Muhammad-Nafi-Tschelebi-Friedenspreis.

Grundsteinlegung der Zentralmoschee im Jahr 2009
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Schramma handelte als Mittler, „auch gegen Widerstände und politische Intoleranz“, wie der amtierende Oberbürgermeister Torsten Burmester (SPD) am Dienstag würdigte. „Damit hat er einen wichtigen Beitrag zur Integration und zum Frieden in unserer Stadt geleistet.“
Schrammas Einsatz für die Moschee war keine Selbstverständlichkeit in einer polarisierenden Zeit – es war auch Mut. Schramma scheute keine Konflikte – im Gegenteil: Mit seinem „Parteifreund“, dem 2008 verstorbenen Düsseldorfer Oberbürgermeister Joachim Erwin, lieferte er sich medienwirksame Konflikte. So scheiterte eine Sparkassen-Fusion, da beide Seiten auf ihre Vormachtstellung pochten. Auch bei der gemeinsamen Bewerbung für die Olympischen Spiele 2012 kam es zu offenen Reibereien.

Fritz Schramma im Jahr 2009, unweit der Einsturzstelle des Historischen Stadtarchivs
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Das schwerste Unglück der Nachkriegsgeschichte, der Einsturz des Kölner Stadtarchivs am 3. März 2009, wird immer mit Schrammas Amtszeit verbunden bleiben. Bei der Katastrophe am Waidmarkt starben zwei Menschen in den Trümmern, die Bilder schockierten das ganze Land. Blass und entsetzt stand der OB an diesem Tag vor der Baugube an der Severinstraße. Er rang um Worte für das Unfassbare. Die Suche nach den Verantwortlichen trieb ihn in den Wochen und Monaten immer mehr in die Enge.
Sein Krisenmanagement wurde öffentlich angezweifelt, zwischenzeitlich gab es Ermittlungen gegen den OB wegen Tonbandmitschnitten aus einer geheimen Sitzung, Verletzung der Vertraulichkeit, sie wurden später wieder eingestellt. Doch sein Ruf war da längst angekratzt, der Druck auch aus der eigenen Partei wuchs vor der OB-Wahl im Herbst des gleichen Jahres. Am Ende zog sich Schramma zurück, verletzt und enttäuscht aufgrund des fehlenden Rückhalts.
Parteiaustritt aus der CDU
Aber seine Stimme in der Stadt wollte er auch danach nutzen, auch innerhalb der eigenen Partei. In den vergangenen Jahren hat sich Fritz Schramma mit seiner CDU überworfen. Fast ein halbes Jahrhundert war er Mitglied der Partei, er hat mit ihr gelebt und gelitten. Seine Meinung zählte auch nach seinem Ausscheiden aus dem Rathaus etwas, in den Debatten im Kreisverband konnte er mit seiner mitunter harschen Tonalität die Richtung vorgeben. Nur den Kurs der aktuellen Führung der Partei, den konnte er schon lange nicht mehr akzeptieren.
Die aus seiner Sicht fehlende Aufarbeitung der krachenden Niederlage bei der Kommunalwahl 2025 brachte das Fass zum Überlaufen. Bevor man ihn mit Auszeichnungen für 50 Jahre Mitgliedschaft ehren konnte, trat er aus der Partei aus. „Ich habe die Nase voll von dem Getue“, sagt er unserer Redaktion. Auch seine Frau und seine Tochter gaben ihr Parteibuch zurück.
Schon 2021 hatte er den Titel des Ehrenvorsitzenden abgelegt. Grund dafür war die Stadtwerke-Affäre. Im Hinterzimmer hatten damals Spitzenpolitiker von CDU, SPD und Grünen Personalabsprachen getroffen und Posten verteilt. Die Konsequenzen und Schuldeingeständnisse blieben überschaubar, aber es wurden immer mehr Details der Deals bekannt.
Kritik an Kölner CDU-Führung
Der Alt-OB sagte damals zu seinem Schritt: „Ich schäme mich – nicht nur für diese jetzt bekannt gewordene und leider fortgesetzte Art von Politik – und hoffe , dass sich viele meiner anständigen und engagierten Parteifreunde über diesen meinen Schritt Gedanken machen.“
Zu diesem Zeitpunkt war der Konflikt mit dem damaligen Parteichef Bernd Petelkau offen ausgebrochen. Schramma engagierte sich mit dem früheren Personalvorstand der Rhein-Energie, Thomas Breuer, in der innerparteilichen Initiative „Zukunft jetzt“.
Durch eine Serie von Niederlagen sah der Alt-OB die Partei auf dem falschen Kurs, wiederholt mahnte er Konsequenzen an. Dass Karl Mandl Petelkau vor drei Jahren an der Parteispitze ablöste, hat der Partei nun wenig geholfen, inzwischen ist die Bundestagsabgeordnete Serap Güler Kölner CDU-Chefin. Sie arbeitete mit Schramma in einer Findungskommission der Partei für die OB-Wahl. Ein Ruhmesblatt war die Arbeit nicht: Sie endete ergebnislos, Mandl krönte sich mehr oder weniger selbst zum Kandidaten und musste nach heftigem Widerstand noch vor der Wahl gehen.
Vorwürfe auch an Serap Güler
Trotz der heftigen Niederlage bei der Kommunal- und OB-Wahl habe es keine Selbstreflexion oder Kritik gegeben, sagt Schramma im Herbst 2025 unserer Redaktion. „Bei dieser katastrophalen Wahl sind alle Ziele verfehlt worden“, sagte der Alt-OB und meinte damit, stärkste Fraktion zu werden und den Oberbürgermeister zu stellen – die Position, die er selbst neun Jahre lang innehatte. „Ich mache das einfach nicht mehr mit“, so Schramma. Seinen Austritt wollte er nicht als persönliche Resignation, sondern als Appell vor allem an jüngere Parteimitglieder verstanden wissen: „Ich habe nicht mehr die Kraft, mich da noch einmal großartig zu engagieren.“
Vorwürfe richtete er auch an die Vorsitzende Güler: „Diese Kölner CDU wird nicht geführt.“ Jetzt müsse die „schweigende Mehrheit in der Partei“ sich zu Wort melden: „Dazu gehören die ganz normalen Leute, die Ehrenamtlichen in den Bezirken.“ Viele von denen würden ihm „tagtäglich ihr Leid klagen“. Schramma wünschte sich wieder Begeisterung in der Partei, das ewig Alte wollte er aufbrechen, aber er wirkte dabei zuletzt sehr ernüchtert. Zu oft hatte er erlebt, dass seine Worte verhallten.

Fritz Schramma und seine Frau Ulla 2019 beim Oktoberfest am Südstadion
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Halt gab ihm bis zuletzt seine Familie. Schramma, aufgewachsen in Ossendorf und Bickendorf, Messdiener in St. Rochus und Fußball-Fan des 1. FC Köln, heiratete 1969 seine Ehefrau Ulla. Mit den Kindern Stephan und Ulla wohnten sie zunächst in der Frohnhofstraße in Ossendorf in einem verklinkerten Reihenhaus. Beim Bau half Schramma selbst mit. „Das hat mich ein paar Semester zusätzlich an der Uni gekostet“, erinnerte er sich 2019 gegenüber dieser Redaktion.
Einer der schwersten Tage seines Lebens war der 31. März 1999. Schrammas Sohn Stephan kam infolge eines illegalen Straßenrennens in der Kölner Innenstadt ums Leben – der 31-Jährige wartete als Fußgänger auf einer Verkehrsinsel am Rudolfplatz, als er von einem Auto erfasst wurde. Die Fahrer kamen mit Bewährungsstrafen davon. „Dieser Schmerz vergeht nie“, sagte Schramma später. Doch aus dem Schmerz entstand etwas Neues: Das Ehepaar Schramma gründete ein Jahr nach der Tragödie die „Kölner Opferhilfe“, um Menschen, die Opfer von Straftaten geworden sind, schnell und unbürokratisch zu unterstützen. Schramma nannte es später selbst „eine Form von Trauerbewältigung“. Aus Trauer wurde Tat, aus Verlust Verantwortung. 2025 wurde die Opferhilfe zu einer dauerhaft abgesicherten Stiftung umgewandelt.

Gerhard Richter (l.) und Fritz Schramma unterhalten sich 2010 im Rathaus vor dem Richter-Porträt, das Schramma zeigt.
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Nach seinem Ausscheiden aus dem OB-Amt ließ sich Fritz Schrama von Gerhard Richter für die Galerie im Rathaus porträtieren. Mit dem Maler und Ehrenbürger Richter verband Schramma eine respektvolle Beziehung. Für das Bild wählte Richter nicht die Malerei, sondern die Fotografie als Medium, anders als bei allen Amtsvorgängern in der Porträtgalerie. Das Foto wurde aufgenommen am geöffneten Übergang vom Hansasaal zur Prophetenkammer, in der die Tugenden dargestellt sind, die den Rat leiten sollten: Gerechtigkeit, Bescheidenheit oder Mut. Richter, dessen Arbeiten zu den weltweit teuersten eines lebenden Künstlers gehören, sagte, er habe den Auftrag „aus Spaß an der Sache“ angenommen. „Das Bild sollte den OB in der Würde seines Amtes, so ähnlich wie möglich und passend in der Reihe seiner Vorgänger darstellen.“
Oberbürgermeister Torsten Burmester hat Trauerbeflaggung angeordnet, Kondolenzbücher liegen ab dem heutigen Mittwoch im Historischen Rathaus und im Rathaus Spanischer Bau aus. Die Stadt Köln sei Fritz Schramma zu großem Dank verpflichtet, würdigte Burmester den Verstorbenen. Seine innere Haltung und sein Wirken seien heute noch in vielen Bereichen beispielhaft. „Mit Fritz Schramma verliert Köln einen ehemaligen Oberbürgermeister, dem die Menschen, die ihm begegneten, abnahmen, dass sein Amt für ihn nie nur ein Beruf, sondern – wie er selbst oft sagte – die Erfüllung eines Traums war.“ Wohl das ist das Vermächtnis Fritz Schrammas: der Traum vom Dienst und nicht von der Macht. Und ein Traum, dass Politik die Nähe zu den Menschen nicht vergessen darf.
