Kölner Paar verwahrlost, niemand hilftPflegedienst und Reiniger weigern sich, verseuchte Wohnung zu betreten

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Müllsäcke und Pakete prägen das Bild in dieser Wohnung.

Peter und Iris K. leben in einer zugemüllten Wohnung, die laut Gutachten ihre Gesundheit gefährdet. Hilfe erhalten sie bislang nicht.

In Köln-Weiden lebt ein pflegebedürftiges Paar in menschenunwürdigen Verhältnissen. Zuständig fühlt sich offenbar niemand. 

Iris und Peter K. haben Frühstück vorbereitet, Obst-Käse-Spieße, Brötchen, Kaffee und Kekse stehen auf dem Wohnzimmertisch. „Einen Kaffee vielleicht?“, fragt Iris K, „oder ein Brötchen? Bedienen Sie sich gern.“

Der Boden der Wohnung in einem Mehrfamilienhaus in Weiden ist mit einer klebrigen Schmutzschicht überzogen, es stinkt nach Fäkalien und verwesendem Fleisch, obwohl ein Raumspray alle fünf Minuten automatisch Blumenaroma versprüht.

Köln: Schimmel im Kühlschrank, Müll auf dem Boden

In Wohnzimmer und Küche stapeln sich Müllbeutel, die Decke ist übersät mit bräunlichen Flecken, die von Fliegenkot zeugen. Der Kühlschrank ist so verschimmelt wie die Wände im Bad, dessen Anblick zu erschreckend ist, um es in allen Details zu beschreiben: Die Armatur der Klospülung ist herausgerissen, die Toilette komplett verdreckt, das Licht funktioniert nicht, Fliesen fehlen. Schimmelpilzbefall und mikrobakterielle Belastung gefährdeten die Gesundheit erheblich, steht in einem Gutachten, das der Vermieter erstellen ließ. Die Wohnung sollte nur mit FFP-3-Maske, Gummihandschuhen, Gummistiefeln, Schutzbrille und Einmalschutzanzug betreten werden.

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Das Bad ist mit Fäkalien und Schmutz übersät.

Blick ins Badezimmer: Das pflegebedürftige Paar hat seit zwei Jahren nicht mehr geduscht.

Iris und Peter K. sitzen im Wohnzimmer vor dem liebevoll angerichteten Büfett, vor ihnen steht jeweils ein Rollator, an dem er sich festhält, beide tragen Maske. „Dass wir uns nicht mehr allein versorgen können, nur noch über Lieferdienste bestellen, es jetzt so ist, wie es ist, das hat sich eher schleichend entwickelt“, sagt Peter K. „Wir hatten beide mehrere gesundheitliche Rückschläge, irgendwann waren wir nicht mehr in der Lage, uns um die Wohnung zu kümmern.“

Das Ehepaar, er 60, sie 61, das seit 23 Jahren in der Wohnung lebt und seit 38 Jahren verheiratet ist, schämt sich offensichtlich. Es ahnt, warum die Gäste Essen und Trinken ablehnen. Es ist ihnen unangenehm, zu erzählen, was ist. Aber es erscheint ihnen notwendig, weil sie verzweifelt sind: „Ich komme seit gut zwei Jahren nicht mehr in die Badewanne und kann nicht duschen“, sagt er, „jeder Toilettengang ist ein Riesenproblem.“

Köln: Beide Mieter haben Pflegestufe drei

Starkes Übergewicht hat Peter K., Herzrhythmusstörungen und Asthma, er kann kaum laufen, mehrfach ist er gestürzt. Seine Frau, gläsern und hager, hat die fortschreitende Lungenerkrankung COPD, dazu chronische Bronchitis; nach einem Bruch eines Brustwirbels vor 13 Jahren wurde sie mehrfach operiert, kann aber nur noch langsam und wackelig am Rollator gehen, stürzt ebenfalls regelmäßig. 

Das Paar braucht dringend Hilfe, Pflege – beide haben Pflegestufe drei – und einen Sozialdienst, der sich um die Wohnung und Einkäufe kümmert. Wohl auch psychologische Unterstützung. Sie haben nichts davon. Stattdessen verwahrlosen mitten in Köln zwei Menschen, die beide über Jahrzehnte als kaufmännische Angestellte gearbeitet haben, die nicht suchtkrank sind, noch dement, in ihrer Wohnung. „Kein Einzelfall“, wie der Vermieter weiß. Aber: Wie kann das sein?

Der Eigentümer der Wohnung kommt den Mietern zu Hilfe und entsorgt einige Müllsäcke.

Der Eigentümer entsorgt alle zwei Wochen den Müll – er hat die Zeitung eingeschaltet, weil er sich nicht mehr zu helfen wusste.

Vor knapp zwei Jahren sei er von einem Wohnungsnachbarn angesprochen worden, erinnert sich der Vermieter, der jüngst den „Kölner Stadt-Anzeiger“ über die Zustände informiert hat. „Er sagte, es stinke bestialisch aus der Wohnung, aber ich habe dem zunächst wenig Bedeutung beigemessen: Das Paar hatte immer pünktlich seine Miete gezahlt, wir hatten ein gutes Verhältnis.“ Nach dem zweiten Hinweis habe er sich vor Ort ein Bild gemacht – und sei erschrocken.

Er habe sofort beim Bürgertelefon der Stadt Köln angerufen, die Missstände beschrieben und auf die dringende Hilfsbedürftigkeit des Paares hingewiesen. Den Fall habe man beim Amt gekannt. „Schon im Sommer 2022 haben mehrere Besuche durch die Stadt Köln und die Diakonie stattgefunden“, sagt Peter K. Im November 2022 habe der sozialpsychiatrische Dienst der Stadt Köln befunden, dass „die Wohnung dringend grundlegend gereinigt werden muss“. Ein Gutachten des Vermieters bestätigte, dass Schimmel und Mikroben in der Wohnung gesundheitsgefährdend seien. Passiert sei in der Folge: fast nichts. Alle Pflegedienste hätten auf dem Treppenabsatz kehrt gemacht und sich geweigert, die Wohnung in diesem Zustand zu betreten.

Ich habe den Eindruck, dass die Behörden ihre Fürsorgepflicht verletzen
Vermieter

Den „Kölner Stadt-Anzeiger“ hat der Vermieter informiert, weil „ich den Eindruck habe, dass hier Behörden ihre Fürsorgepflicht verletzen“. Er habe nicht mitbekommen, dass das Paar in den vergangenen Jahren pflegebedürftig geworden sei. „Und als ich selbst in der Wohnung war, habe ich gesehen, dass es keinen Sinn macht, Bad, Küche, Böden und Wände neu machen zu lassen – das Paar kann sich ja gar nicht mehr darum kümmern.“

Einmal organisierte der Vermieter eine Grundreinigung. „Es wurde gewischt, der Müll wurde rausgebracht, die Fenster sind geputzt worden, sonst ist alles so geblieben“, erinnert sich Iris K. Den Müll bringt der Vermieter alle zwei bis drei Wochen raus. Kontakt zu Verwandten hat das Paar nicht. „Die Freunde, die wir hatten, waren keine Freunde mehr, als wir krank wurden“, sagt sie.

Kölner Amtsgericht: Der Betreuer soll in sechs Monaten nur dreimal für fünf Minuten vor Ort gewesen sein

Die Behörden hätten darauf verwiesen, dass es nicht möglich sei, eine Kernreinigung durchzuführen, solange das Paar in der Wohnung lebe. „Einmal sagte mir eine Frau vom Amt, die zuständige Sachbearbeiterin sei im Urlaub und werde sich melden“, erinnert sich der Vermieter. „Ich habe ihr gesagt, hier leben zwei Menschen in ihren Fäkalien, sie könne sich das in etwa so vorstellen, als ob sie sich in die Hose machen würden und keine Möglichkeit hätten, sich zu säubern.“

Im November 2023 ist dem Ehepaar vom Amtsgericht Köln ein Betreuer zugeteilt worden. Der Mann sei seitdem „dreimal für fünf Minuten da gewesen“, sagt Peter K., der sich mit seiner Frau einig ist, dass „es das Beste für uns wäre, in eine betreute Wohnform zu wechseln“. Er habe ein „völlig unpassendes Wohnungsangebot gemacht, es aber bislang nicht hinbekommen, dass unsere Wohnung einmal gereinigt wird“. 

Der Kühlschrank ist von Schimmel befallen.

Der Kühlschrank ist verdreckt, viele Lebensmittel sind verschimmelt.

Aufgrund des zu diesem Zeitpunkt bereits desolaten Zustands der Wohnung ist es dem Betreuer nicht gelungen, einen Pflegedienst oder eine Alltagshilfe zu installieren
Sprecherin des Amtsgerichts Köln

Eine Sprecherin des Amtsgerichts bestätigt, dass im Oktober 2023 ein Betreuer für das Paar bestellt worden sei. „Aufgrund des zu diesem Zeitpunkt bereits desolaten Zustands der Wohnung ist es dem Betreuer nicht gelungen, einen Pflegedienst oder eine Alltagshilfe zu installieren“, sagt die Sprecherin. Sieben Monate, in denen niemand die Wohnung reinigte und die Pflegebedürftigten pflegte – Peter K. spricht davon, seit zwei Jahren nicht geduscht zu haben, weil er nicht in der Lage dazu sei. Er könne kaum allein zur Toilette zu gehen. Sieben Monate auch ohne Kernreinigung, die dringend notwendig wäre, um Gesundheitsgefährdungen zu verhindern.

Die Sprecherin des Gerichts sagt, der Betreuer habe dem Paar aufgrund der fatalen Lage geraten, schnellstmöglich ins betreute Wohnen zu wechseln. Peter und Iris K. betätigen das. „Es wäre sicher das Beste für uns“, sagen sie. Das Angebot, in zwei Einzelzimmer am anderen Ende der Stadt zu ziehen, nach Mülheim, hätten sie indes abgelehnt. „Wir wohnen seit 38 Jahren zusammen“, sagen sie. Weitere Angebote habe es nicht gegeben.

Weil sie sich nicht richtig betreut fühlen und Angst haben, in ihrer verwesenden Wohnung zu sterben, hat das Ehepaar jüngst beantragt, dass der Betreuer ausgetauscht wird. „Wir wissen, dass unsere Wohnung sehr verdreckt ist“, sagt Peter K. Das könne aber nicht das Argument sein, dass weder Haushaltshilfen, Reinigungskräfte noch Pfleger in die Wohnung kämen. „Wir haben 40 Jahre normal gearbeitet und fühlen uns behandelt wie Aussätzige.“

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