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Psychologe über Karnevalsexzesse„Verwahrlosung der Stadt Köln führt zu Enthemmung“

Lesezeit 3 Minuten
Der Hang an der Severinstorburg wurde den ganzen Samstag von Wildpinklern belagert – auch an die Bäume am Chlodwigplatz urinierten Betrunkene.

Der Hang an der Severinstorburg wurde den ganzen Samstag von Wildpinklern belagert – auch an die Bäume am Chlodwigplatz urinierten Betrunkene.

Köln – Stephan Grünewald ist Psychologe, Gründer wie Geschäftsführer des „Rheingold Instituts“ in Köln.

Herr Grünewald, so vermüllt war die Stadt noch nie an einem Elften im Elften, so enthemmt wurde noch nie gefeiert. Haben Sie eine Erklärung?

Verschiedene Faktoren wirken zusammen. Wegen des Samstags hatten wir eine ungeheure Menschenansammlung. Zudem hat Köln sich mehr und mehr das Image des Ganzjahreskarnevals erobert. Hier herrscht ständig ein Höchstmaß an Ungezwungenheit, das ideale Feierbiotop. Das Problem ist: Es läuft so gut, dass manche in ihrem Suff alles laufen lassen.

Alles zum Thema Bars und Kneipen

Nach dem Motto: Hier kann man ungeniert die Sau raus lassen?

Köln ist im Unterschied etwa zu Düsseldorf nicht gerade eine Stadt der geraden Linie, der Etikette. Köln hat etwas rundes, schunkeliges, urgemütliches, unkompliziertes, ein Ort zum Wohlfühlen. Das sind natürlich die idealen Voraussetzungen zum Feiern. Das stößt allerdings an seine Grenzen, da wir eine zunehmende Verrohung erleben; nicht nur im Internet, sondern auch im analogen Leben. Das verbale Anpissen findet im öffentlichen Raum seine Fortsetzung. Hinzu kommt eine Jugendkultur des Draußenfeierns. Die Domestizierung durch den Innenraum fällt weg. Wir erleben eine Jugend, die den Alkoholexzess braucht, um ihrer eigenen Strenge zu entkommen, um locker zu werden. Das sind natürlich Entwicklungen, die es auch anderswo gibt. Aber Köln ist aufgrund seiner Unkompliziertheit ein Feiermagnet.

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Spielt das schmuddelige Erscheinungsbild der Stadt eine Rolle?

Es ist ein großes Problem, dass der öffentliche Raum an sehr vielen Stellen verwahrlost wirkt, etwa weite Teile der Ringe und die Zülpicher Straße. Diese Verwahrlosung führt dazu, dass von dem Raum überhaupt keine sittsame Wirkung mehr ausgeht. Das öffnet Tür und Tor für weitere Verwahrlosung und Zerstörung. Ich halte es für ganz wichtig, die Ringe aufzuhübschen und Köln insgesamt pfleglicher zu behandeln. Durch die Etikette, die so entsteht, würden auch die Feiernden sozusagen an die Eti-Kette gelegt.

Kann Köln sein Image als Partyhochburg wieder ablegen? Und könnte das funktionieren?

Es geht nicht darum, das Image komplett zu drehen. Köln soll ein Ort bleiben, in dem man gerne feiert. Die Frage ist, wie man das Feiern wieder in kultivierte Bahnen lenkt. Da brauchen wir die Rituale, aber auch eine starke Präsenz der öffentlichen Ordnung und eben gepflegtere Straßen und Plätze.

In vielen Kneipen läuft an Karneval Schlagermusik, es herrscht Ballermann-Atmosphäre, auf den Plätzen werden die Bühnen größer und größer, im August ziehen Kostümierte zur Party Jeck im Sunnesching. Sind Wirte und Karnevalsvereine mit dafür verantwortlich, dass der Fastelovend aus dem Ruder läuft?

Vielleicht wäre eine freiwillige Selbstbeschränkung sinnvoll. Wie können wir alle dazu beitragen, dass wir Spaß haben und es uns richtig gutgeht, ohne dass der Kater schon beim Feiern entsteht?

Die Oberbürgermeisterin will Behörden, Vereine und Veranstalter an einen runden Tisch bringen, um ein weiteres Ausufern zu verhindern.

Ich empfehle in dem Fall einen Tisch mit Ecken und Kanten. Es ist schon zu vieles zu rund in Köln.

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