Drastische AuswüchseDie Zukunft des Kölner Straßenkarnevals steht auf dem Spiel

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Die AWB holte in diesem Jahr 180 Kubikmeter Abfall aus den Feierzonen.

Köln – So viele Menschen wie noch nie haben am vergangenen Samstag die Eröffnung der Karnevalssession auf den Kölner Straßen gefeiert. Polizei, Stadt, Abfallwirtschaftsbetriebe und KVB bestätigen den Eindruck.

Am Zülpicher Platz war es so voll, dass erstmals Straßenbahnen nicht mehr passieren konnten. Die unerfreulichen Begleiterscheinungen wie Müll, Verkehrsbehinderungen oder Wildpinkler an Kirchenmauern und anderen Plätzen haben deutlich zugenommen. Die AWB holte in den vergangenen Jahren rund 120 Kubikmeter Abfall aus den Feierzonen – in diesem Jahr waren es 180.

Polizei hatte weniger zu tun als sonst

Nur der Eindruck, dass es auch mehr Randale gab, trügt. Die Polizei sagt, sie habe sogar weniger zu tun gehabt als im vergangenen Jahr. Bis 3.30 Uhr am Sonntagmorgen nahm sie 50 zumeist betrunkene Randalierer in Gewahrsam (60 im Vorjahr), sieben (13) wurden festgenommen, 102 Personen (118) bekamen Platzverweise.

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Spuren in der Schaafenstraße

Spuren in der Schaafenstraße

Nur die Zahl der Anzeigen ist gestiegen: Von 95 im Vorjahr auf 124 in diesem Jahr. Trotz dieser Zahl herrscht Katerstimmung: Der Trend, dass immer mehr Menschen draußen feiern wollen, nimmt weiter zu – und mit ihm alle damit verbundenen Begleiterscheinungen. Darauf müssen sich die Verantwortlichen einstellen.

Was will die Stadt tun?

Oberbürgermeisterin Henriette Reker hat am Montag angekündigt, einen Runden Tisch mit den „Hauptakteuren des Karnevals und Vertretern der Stadtgesellschaft und Behörden“ einzurichten. „Wir wollen es nicht hinnehmen, dass unser Karneval und unsere Stadt kaputtgemacht werden. Die Stadtgesellschaft muss jetzt entscheiden, wie es mit den öffentlichen Feiern an den Karnevalstagen weitergehen soll.“

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Was tun Polizei und Ordnungsdienst in einzelnen Vierteln?

Vor allem in der Altstadt und im Studentenviertel am Zülpicher Platz waren mehr Menschen unterwegs. Weil das Viertel schon früh überlaufen war, überlegt die Polizei, dort zum Straßenkarneval in drei Monaten womöglich eher mit mehr Beamten präsent zu sein. Am Samstag zog die Polizei Einsatzkräfte aus der Altstadt ins Studentenviertel nach.

Die Reste vom Fest

Die Reste vom Fest

Die Konzentration auf diese beiden Viertel sorgt offenbar dafür, dass andernorts weniger Ordnungspersonal unterwegs war. „Offensichtlich wurde nicht erkannt, dass die Südstadt rund um den Chlodwigplatz genauso zu den karnevalistischen Hot Spots gehört“, so der Verein „Lobby für die Südstadt“. Ein Wirt, der die Polizei um Hilfe auf dem Chlodwigplatz bat, musste sich am Telefon sagen lassen, dass dafür kein Personal vorhanden war.

Gibt es Personalreserven bei den Ordnungsbehörden?

Wie es heißt, schickt die Polizei an Karneval auch Kräfte auf die Straße, die dafür eigentlich nicht vorgesehen sind. Das ist bei der Stadtverwaltung offensichtlich anders. Unterwegs ist nur der unterbesetzte Ordnungsdienst mit insgesamt 141 Außendienstmitarbeitern.

Die Stadt könnte zwar Beamte an Tagen wie dem 11.11. zum Dienst verpflichten und Angestellte mit Anreizen zu einem Tag Außendienst locken. Doch das geschieht bislang nicht.

Werden Verkehrsbehinderungen wie am Zülpicher Platz zur Regel?

Die KVB will alles versuchen, damit keine Bahnlinien mehr unterbrochen werden. Ob das reicht, ist unklar. Am Samstag funktionierte auf den KVB-Linien in der Innenstadt so gut wie nichts mehr. Die Menschen mussten sich in unpünktlichen Bahnen zusammen pferchen lassen.

Die Straßenbahnlinien 12 und 15 wurden unterbrochen, weil am Zülpicher Platz die Sicherheit nicht mehr gewährleistet war. Die Buslinien 106 und 132 mussten umgeleitet werden, weil sie nicht mehr über den Chlodwigplatz fahren konnten. Beeinträchtigungen beim Busverkehr wird es weiterhin geben.

Hat die AWB noch Reserven?

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Der Müll ist im Vergleich zum Vorjahr mehr geworden.

Man prüfe, „eventuell die Mannschaft zu verstärken“, sagt ein Sprecher der Abfallwirtschaftsbetriebe. Ein Problem sei das zerbrochene Glas auf Straßen und Wegen. Außerhalb der Zonen, in denen ein Glasverbot galt, habe es „sehr viel Glasbruch“ gegeben. Die Folge: Platte Reifen bei elf Lastwagen und Kehrmaschinen. „So etwas stört natürlich den Betriebsablauf“, so der AWB-Sprecher. Eine Ausweitung des Glasverbots wäre somit eine naheliegende Lösung. In der Südstadt wird die Forderung bereits erhoben, auch in diesem Viertel das Glas zu verbieten.

Was können Gastronomen und Einzelhändler tun?

„Es sind auch die selbst gerufenen Geister“, sagt der SPD-Ratsherr Karl-Heinz Walter über seinen Wahlkreis, die Südstadt. Alle, die Alkohol verkaufen, seien mitverantwortlich. Tatsächlich kann man beim Vergleich verschiedener Feierzonen sehen, dass die negativen Auswüchse keinesfalls unvermeidbare Konsequenzen sind. Eine Möglichkeit: Im „Bermudadreieck“ an der Schaafenstraße wurde fünf Euro Eintritt genommen – dafür kam man in einen kontrollierten Außenbereich genau wie in alle Kneipen.

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Eine solche Gemeinschaftsaktion der angrenzenden Wirte ist vorbildlich und ausbaufähig. Von der Einnahme könnten zusätzliche Dixi-Klos oder Müllentsorgung bezahlt werden, vielleicht auch ein kleines Bühnenprogramm, mit dem sich Anderes als ein kollektives Besäufnis propagieren ließe. In der Südstadt wird das diskutiert. „Absperrungen wie in der Altstadt wollen wir Gastronomen und Geschäftsleute aber nicht“, sagt Südstadt-Wirt Daniel Rabe.

Welche Rolle kann das Programm spielen, das von den Karnevalisten auf öffentlichen Plätzen präsentiert wird?

„Die Eröffnung der Session ist endgültig auf Ballermann-Niveau angekommen“, sagt der Verein „Stadtmarketing Köln“, der die Interessen von Einzelhändlern und anderen Unternehmen vertritt. Er fordert eine neue inhaltliche Gestaltung des Sessionsauftakts, die Karnevalisten sollten „selbst die Initiative ergreifen.“ Tatsächlich sieht es dort, wo Karnevalsvereine den öffentlichen Raum bespielen, deutlich besser aus, als drumherum – vor allem dann, wenn sie dies mit einer starken eigenen Präsenz verbinden.

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