Corona-Impfstoff„Habe Hoffnung, dass wir nächsten Sommer auf Konzerte gehen können“

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Fachleute der Firma Biontech arbeiten an einem Impfstoff gegen das Coronavirus.

  1. Der Impfstoff-Kandidat von Biontech und Pfizer hat ersten Zwischenergebnissen zufolge eine Wirksamkeit von 90 Prozent.
  2. Wir haben uns mit Florian Klein, dem Leiter des Kölner Instituts für Virologie, und Clara Lehmann, Leiterin des Infektionsschutzzentrums an der Uniklinik, über den Forschungsstand unterhalten.
  3. Ist ein Leben ohne Corona-Schutzmaßnahmen schon bald wieder möglich?

Köln – Wenn der Weg aus der Corona-Krise einen Namen hat, dann vielleicht diesen: BNT162b2. So nennen die Firmen Biontech und Pfizer ihren Impfstoff-Kandidaten, der sich in einer laufenden Studie bislang als außerordentlich wirksam erweist. Für den Kölner Virologen Florian Klein ist der Zwischenstand „ein sehr gutes und sehr wichtiges Ergebnis. Sollten sich diese Daten bestätigen, kann dieser Impfstoff die Pandemie entscheidend beeinflussen.“Zu dieser Einschätzung reichen dem Leiter des Kölner Uniklinik-Instituts für Virologie einige wenige Zahlen: 43538 Studienteilnehmer, 94 bestätigte Covid-19-Fälle unter ihnen, 90 Prozent dieser Fälle bei der ungeimpften Hälfte der Probanden, die nur ein Placebo erhalten hat. Aus dieser Verteilung der Infektionen ergibt sich die geschätzte Wirksamkeit von 90 Prozent. Nun läuft die Studie weiter, bis sich 164 Probanden infiziert haben. Aber kann eine Auswertung von weniger als hundert Fällen tatsächlich Anlass für ein globales Aufatmen im Kampf gegen Corona sein? 

Ja, meint Florian Klein: „Dieses Zwischenergebnis hat sicher einen gewissen Fehlerbereich, an der generellen Wirksamkeit zweifle ich persönlich allerdings nicht.“ Heißt: Die 90 Prozent können sich noch nach unten korrigieren. „Zum Vergleich: Bei der Influenza-Impfung haben wir für die Verhinderung einer Erkrankung eine Wirksamkeit von ca. 50 bis 60 Prozent“, sagt Klein. Die Wahrscheinlichkeit, dass BNT162b2 über diesem Wert bleibt, ist hoch.

Der erste RNA-Impfstoff

Auch Clara Lehmann spricht von einer „sehr, sehr positiven Nachricht. Das hat mich beschwingt – und es trägt mich in dieser schwierigen Situation, in der wir auch als Uniklinik stecken, weiterhin.“ Jeder fünfte Corona-Test, der an ihrem Infektionsschutzzentrums ausgewertet wird, fällt derzeit positiv aus. Das Virus ist so verbreitet wie noch nie – das zumindest legen aktuelle Daten nahe. „Was wir brauchen, ist Herdenimmunität. Wir werden das Virus wahrscheinlich nicht komplett ausrotten können, aber die Infektionslast in der Bevölkerung können wir mit Impfungen weit nach unten bringen“, sagt Lehmann.

Das Mittel, auf dem nun also die größten Hoffnungen der Fachwelt liegen, ist ein sogenannter RNA-Impfstoff. Genetische Information von SARS-CoV-2 werden hier über Nukleinsäure in den Körper befördert, ein Transporter-Virus wie bei klassischen Impfstoffen braucht es dafür nicht. Die Entwicklung von RNA-Impfstoffen ist hochkomplex – und relativ neu.

Wer einer Corona-Impfung skeptisch gegenübersteht, könnte seine Zurückhaltung in der Art des Impfstoffes bestätigt sehen: Das gab es noch nie. Klein bestätigt: „Das ist ein neues Verfahren, über das wir selbstverständlich weniger wissen als über Impfstoff-Ansätze, die wir seit Jahrzehnten kennen. Es wäre das erste Mal, dass ein solcher Nukleinsäuren-Impfstoff eine Zulassung erhalten würde.“ Ein Impfstoff könne immer auch zu Nebenwirkungen führen. Das Risiko sei im Vergleich zu der Wahrscheinlichkeit, über eine Infektion schwer zu erkranken, dennoch minimal.

„Die entscheidenden Kriterien sind Sicherheit und Effektivität“

Bislang ist unklar, ob der Impfstoff neben Infektionen auch schwere Verläufe im Fall einer Infektion verhindert, wie gut er Ältere schützt und welche Nebenwirkungen theoretisch möglich sind. „In Studien, die am Anfang einer Entwicklung stehen, möchte man meistens vulnerable Gruppen nicht einschließen. Man will sie nicht der Ungewissheit, die zu Beginn einer solchen Studie durchaus besteht, aussetzen“, erklärt Lehmann. Das könne „natürlich dazu führen, dass uns Informationen darüber fehlen, wie effektiv der Impfstoff ältere Menschen schützt.“

Die Fragen nach der Effektivität kann frühestens dann wirklich präzise beantwortet werden, wenn es eine Zulassung gibt. In Deutschland müssen die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) und das Paul-Ehrlich-Institut dafür ihr Okay geben. „Die entscheidenden Kriterien sind Sicherheit und Effektivität. Das sind Bücher an Unterlagen, die bei den Behörden eingereicht werden – eine Zulassung funktioniert nicht von heute auf morgen.“ Doch der Virologe geht davon aus, „dass es in den USA und in der EU zum Ende diesen oder zum Anfang nächsten Jahres eine vorläufige Zulassung“ geben wird. Neue Daten zur Sicherheit werden den Unternehmen zufolge noch in der laufenden Woche erwartet.

Anschließend rechnen Biontech und Pfizer mit einer schnellen Notfallzulassung für die USA. Auch dem Virologen Klein schwebt inzwischen ein Zeitplan vor: „Meine Hoffnung ist, dass wir in dem ersten Quartal des kommenden Jahres anfangen können, besonders gefährdete Personen und medizinisches und Pflegepersonal zu impfen.“ Lehmann ergänzt: „Natürlich ist es theoretisch möglich, dass seltene Nebenwirkungen erst in den kommenden Jahren festgestellt werden. Dieses Risiko müssen wir eingehen, um die viel größere Gefahr der aktuellen Pandemie einzudämmen.“

Corona-Pandemie: Übergang zur Normalität?

Florian Klein ist optimistisch, dass den meisten Deutschen das Risiko auf Nebenwirkungen nicht zu groß sein wird: „Nur wenige Prozent der Bevölkerung in Deutschland sind wirkliche Impfgegner. Hier werden Fakten und eindeutige Daten nicht akzeptiert.“ Daneben gebe es „einen etwas größeren Teil an Personen, die Impfungen gegenüber skeptisch oder verunsichert sind – für diese Menschen müssen wir gute und transparente Aufklärungsarbeit leisten.“

Läuft für Biontech und Pfizer alles nach Plan, ist die Hoffnung groß, dass nicht nur die Entwicklung von Antikörpern, sondern auch die Bildung von T-Zellen erreicht werden kann. Beides ist für eine langfristige Immunität nötig. Die meisten Impfstoffe haben bei der Bildung von T-Zellen Schwachstellen. Mit RNA-Impfstoffen ist grundsätzlich mehr möglich. Ob das auch für den von Biontech und Pfizer entwickelte Impfstoff gilt, ist noch nicht abzusehen.„Bis sich der Impfstoff direkt auf die pandemische Lage auswirkt, wird es noch viele Monate dauern“, sagt Klein: „Bis der Effekt so groß ist, dass wir nicht pharmazeutische Schutzmaßnahmen – die AHA-Regeln – überhaupt nicht mehr brauchen, dauert es nochmal länger. Wir steuern zunächst auf einen Übergang zu, in dem wir angepasstes Verhalten und pharmazeutische Eingriffe kombinieren können.“

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Das Jahr 2021 könnte also ein gutes Stück normaler, ein bisschen mehr nach Vor-Corona aussehen. Es brauche „in dieser Phase gute Testkonzepte, Medikamente und Impfstoffe.“ Aber eben auch „weiterhin dringend die Mitarbeit der Bevölkerung.“ Auch vom RKI heißt es: Bis jeder, der sich impfen lassen möchte, die Möglichkeit dazu hat, dauert es noch lange. Bislang hat sich die Europäische Union 200 Millionen Dosen gesichert, zwei pro Mensch braucht es Stand jetzt für eine vorläufige Immunität. Doch die vertraglich garantierten Ampullen wurden noch nicht produziert, im kommenden Jahr sollen insgesamt 1,3 Milliarden entstehen. Dafür übernimmt Biontech riesige Labore in Marburg. Viel, aber nicht genug, um die ganze Welt zu versorgen. „Dass andere Firmen bei der Produktion helfen, ist grundsätzlich denkbar“, sagt Klein.

Doch derzeit arbeiten alle großen Pharma-Konzerne, die entsprechend ausgerüstet sind, an eigenen Impfstoffen. „Einige werden wohl folgen. Aber dieser erste Schritt ist schon viel wert. Ich denke, das ist perspektivisch ein Durchbruch“, meint Lehmann – und verrät: „Auch die Uniklinik steht kurz vor der ersten Studie zu einem Corona-Impfstoff.“ Ein Schleichweg zurück ins öffentliche Leben, Monat für Monat, Zulassung für Zulassung, Studie für Studie. Diese Vorstellung macht der Medizinerin Mut: „Ich habe die Hoffnung, dass wir im nächsten Sommer wieder in Bars, auf Konzerte und ins Theater gehen können.“ Dazu, so Lehmann, „müssen wir solidarisch die nächsten Wochen und Monate durchstehen.“

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