Aufgeregt hält der Junge die Hand seiner Mutter. Sein Gesicht ist von der Kälte gerötet, aber er grinst sehr breit und schaut sich mit großen Augen um. Mehr als zwei Stunden stand er mit seiner Mutter und seiner Oma draußen in der Warteschlange, jetzt sind die drei drin: Nhas City Chicken auf der Breite Straße. Der Junge kommt offensichtlich aus dem Staunen gar nicht mehr heraus, er zückt sein Handy und fängt an zu filmen. Dieser Moment muss festgehalten werden!
Zwei Stunden vorher: Gegen 13 Uhr erreicht die Familie den neuen Hähnchen-Imbiss, der in Köln im September seine erste Filiale außerhalb von Berlin eröffnet hat. Zur Verwunderung von Kind, Mutter und Oma müssen sie einmal durch die Opernpassage gehen und sich auf der anderen Seite anstellen.
Dort, in der Glockengasse, sind vier Sperrzonen aufgebaut. Wartende arbeiten sich sozusagen von Zone zu Zone vor. Jeder Sperrzone sind Sicherheitsmitarbeiter zugeteilt, die die Schlange koordinieren und Eingänge der anderen Geschäfte freihalten. Akribisch achten sie darauf, dass die Abläufe eingehalten werden.
Hunderte Menschen stehen an diesem Tag in den Herbstferien schon Schlange, meist Jugendliche und Kinder. Wenn es vorangeht und die Wartenden wieder eine Sperrzone hinter sich lassen können, ist die Freude spürbar. „Jetzt, wo die Ferien angefangen haben, merkt man, dass auch vormittags noch mehr los ist“, sagt einer der vielen Security-Mitarbeiter. „80 Prozent kommen wegen Social Media.“
Mittendrin oder außenstehend
In der Glockengasse wirkt der Imbiss noch weit entfernt: Hier liegt nicht dieser intensive Geruch von halbem Hähnchen und Frittenfett in der Luft, nirgends sieht man Werbung oder Schilder, die auf den Trend-Laden hinweisen.
Entsprechend neugierig sind Passanten: Einige fragen höflich nach, worauf die Menschen warten – und zeigen sich verwundert, dass die Menschen „nur“ wegen Essen anstehen. Offensichtlich haben sie noch nichts von Nhas City Chicken mitbekommen. Manche tippen sich schmunzelnd an den Kopf, andere laufen lachend an der Schlange vorbei. Es wirkt, als gäbe es nur zwei Optionen: Man ist Teil der Schlange oder winkt verständnislos ab.
Den Anstehenden ist das egal. Ebenso wie die 13 Grad Celsius und der stärker werdende Regen. Zumindest die meisten von ihnen werden durch das Dach der Passage vom Regen geschützt. Nach knapp zwei Stunden haben die Ersten in der Schlange noch immer kein Hähnchen in der Hand, seinen Platz verlässt dennoch niemand. Wer sich hier anstellt, weiß, worauf er sich einlässt – und will es wirklich.
Mehr als halbe Hähnchen?
Nur wenige Meter vor der Familie telefoniert eine Gruppe von Jugendlichen mit Freunden, die ebenfalls in der Schlange stehen – aber schon weiter vorn. Erst schmieden sie scherzhaft Pläne, wie sie sich vordrängeln könnten, dann versuchen sie es höflich beim Security-Mitarbeiter – ohne Erfolg. Also warten sie weiter in der dritten Sperrzone. Die sechsköpfige Gruppe ist aufgedreht und laut, um die Wartezeit zu überbrücken, spielen sie gemeinsame Spiele auf den Handys.
„Wehe, das schmeckt nicht“, sagt einer der Jungs aus der Gruppe. Sie alle wissen längst, was sie bestellen werden, wenn sie endlich im Laden stehen. „Die Parmesan-Pommes sind so krass“, verkündet ein anderer, obwohl auch er heute zum ersten Mal ansteht. Aber er habe die Pommes schon einmal bei einem Freund probiert, erzählt er sehr laut. Seine Freunde reagieren nicht wirklich, die Parmesan-Pommes werden sie aber auf jeden Fall auch bestellen. Dazu gibt es bei Nhas City Chicken halbe Hähnchen in verschiedenen Variationen, etwa mit „Spezial-Sauce“ oder im Barbecue-Style. Doch geht es bei Nhas City Chicken tatsächlich um den Geschmack?

Nhas Chicken Köln Jugendliche gepixelt
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„Wir kommen wegen Omar. Er ist für viele ein Vorbild, und man blickt zu ihm auf“, erklärt einer aus der Gruppe. Gemeint ist Omar Nhas, Gründer und Namensgeber von Nhas City Chicken, der den Laden seiner Familie übernahm. Wie Omar Nhas haben viele Jugendliche in der Warteschlange einen Migrationshintergrund. Sie feiern nicht nur das Essen, sondern auch die Geschichte des familiengeführten Imbisses, der sich Schritt für Schritt nach oben gearbeitet hat. Die Erfolgsgeschichte wird auf Social Media emotional inszeniert. Die allermeisten in der Hähnchen-Schlange Befragten sind durch Plattformen wie TikTok und Instagram auf den Imbiss an der Breite Straße aufmerksam geworden.
Faszination durch Soziale Medien
Die Jungs erreichen jetzt den Anfang der Schlange in der Operngasse. Zielgerade. Nur noch ein Absperrband, ein Security-Mitarbeiter – dann dürfen sie auf der Breite Straße vor dem Laden warten. Von dort aus soll es schnell gehen, erzählt man sich in der Schlange.
Der Sicherheitsmitarbeiter kommuniziert über ein Walkie-Talkie mit den Kollegen auf der anderen Seite. Dann kommt das „Go“ – die vorderen Menschen jubeln laut, dann werden sie durch die Opernpassage nach vorn eskortiert. 25 Menschen dürfen rein, dann wird wieder abgesperrt.
Nach etwa zwei Stunden Warten steht die Gruppe Jugendlicher im Laden. Hier riecht es intensiv nach Brathähnchen, das Ziel ist zum Greifen nah. An der Seite stehen 100er-Boxen mit schwarzen Handschuhen, die sich quasi zum Markenzeichen des Ladens etabliert haben. Denn: Bei Nhas City Chicken essen fast alle mit den Händen. An den Bildschirmen sind neben der Speisekarte Kurzvideos von Omar Nhas zu sehen. An der Wand wird grafisch dargestellt, wie seine Familie in den 1990er-Jahren aus dem Libanon nach Berlin kommt und auf der Sonnenallee die erste Filiale ihres Hähnchenimbisses aufmacht – damals noch unter dem Namen City Chicken.
Ermittlungen in Berlin
Ein entscheidendes Kapitel aus Omar Nhas Leben wird im Laden nicht thematisiert: Dem 32-Jährigen wird vorgeworfen, im Mai 2021 dabei gewesen zu sein, als sein damaliger Geschäftspartner einen Subunternehmer über Stunden gefoltert haben soll. Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Berlin bestätigte unserer Redaktion Anfang Oktober Ermittlungen gegen Omar Nhas wegen Menschenraubs, Geiselnahme und gefährlicher Körperverletzung. Eine Anfrage zu den Vorwürfen und Ermittlungen an das Management von Omar Nhas blieb unbeantwortet. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Samy Bernhoff (r.) hat seinen Vater mit zu Nhas City Chicken geschleppt.
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Dem Geschäft schadet das offenkundig nicht. „Social Media pusht das extrem hoch – aber das ist in Ordnung, solange das Essen gut ist“, sagt der 17-jährige Mohamed Hadnan. „Der Hype ist jedenfalls gerechtfertigt“, findet auch Harry Nguyen. Er kennt bereits den Stammsitz in Berlin-Neukölln. Für seinen ersten Besuch in Köln hat er sich einen Zeitslot in der hauseigenen Nhas-City-Chicken-App reserviert. Wer das macht, kommt ohne Anstehen an sein Hühnchen. Doch diese Zeitfenster sind extrem begehrt und werden auf der Verkaufsplattform „kleinanzeigen“ für viel Geld weiterverkauft.
Zwischen den vielen Teenies stehen vereinzelt auch ältere Personen in der Schlange. Die wenigen Gäste, die augenscheinlich über 30 Jahre alt sind, besuchen den Imbiss meist in Begleitung ihrer Kinder – wie auch bei Familie Bernhoff. Sie sind sogar extra aus dem mehr als 50 Kilometer entfernten Eschweiler-Bergrath angereist. „Ich bin nur wegen meines Sohnes hier. Freiwillig würde ich mich nicht so lange anstellen“, sagt der Vater. Sein Sohn Samy ist jedoch schon jetzt, vor dem Essen, von der Qualität überzeugt: „Das soll mit das beste Hähnchen in ganz Deutschland sein.“
Um kurz nach 15 Uhr hat auch die Drei-Generationen-Familie vom Anfang einen Sitzplatz gefunden. „Das ist das beste Essen meines Lebens“, sagt der Junge überglücklich zu seiner Mutter. Die Oma wiederum freut sich sichtlich darüber, dass sich der Enkel freut – und greift zum Besteck, um ihr Hühnchen zu essen.

