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Leverkusener Rentner Walter„Man muss nicht alles können, um es zu versuchen“

7 min
Walter Burgmann

Walter Burgmann

Rentner Walter aus Leverkusen betreibt einen Instagram-Kanal. Nun hat er auch ein Buch geschrieben. Am 9. September ist er bei Dumont zu Gast.

Was macht man nach 40 Jahren Berufsleben? Walter aus Leverkusen hatte schon immer viele Ideen und will anderen Menschen im Ruhestand ein Beispiel sein. Nun ist seine „Bunte Welt“ als Buch erschienen. Und bei Dumont kann man Walter persönlich kennenlernen.

Walter, nach 40 Jahren Beschäftigung war der Beginn des Ruhestands für Sie ein deutlicher Einschnitt. Was ist weggebrochen?

Walter Burgmann: Vor allem der Alltag mit den Menschen. Ich war mit Herz und Seele in meinem Beruf, hatte interessante Projekte und sehr nette Kolleginnen und Kollegen. Natürlich habe ich weiterhin Kontakt. Manche rufen an und fragen, wie wir etwas früher gelöst haben. Aber der tägliche Ort, an dem all das stattfand, ist verschwunden. Man fährt nicht mehr ins Büro, trifft nicht mehr zufällig jemanden am Kaffeeautomaten und tauscht sich aus. Weder fachlich noch über Hobbys.

Der Ruhestand wird häufig als Befreiung gefeiert: endlich keine Termine mehr, endlich Zeit für sich. Haben Sie davon auch etwas empfunden?

Walter: Für mich war er zunächst keine reine Befreiung. Wenn die sozialen Kontakte aus dem Berufsleben plötzlich wegfallen, merkt man, wie viel der Arbeitsplatz mit dem eigenen Leben zu tun hatte. Es fehlt nicht nur die Arbeit, sondern ein ganzes Geflecht aus Begegnungen und Gewohnheiten. Eine Befreiung war es höchstens, weil das Arbeitsumfeld sich weiter verändert hat – vielleicht zu rasant für einen älteren Menschen.

Ihre Tochter Johanna hat dann die Idee für „Walters bunte Welt“ angestoßen. Sollte Instagram diese Lücke schließen?

Walter: Als Ersatz würde ich es nicht bezeichnen. Die Kolleginnen und Kollegen kannte ich persönlich. Bei Instagram sind es zunächst Tausende unbekannte Menschen. Aber es ist etwas Neues entstanden, das an die Stelle des Alten getreten ist. Inzwischen gibt es treue Follower, die uns seit den ersten Tagen begleiten, kommentieren, Nachrichten schreiben und nachfragen, wenn einmal nichts kommt. Das erinnert fast an eine Brieffreundschaft.

Sie veröffentlichen ungefähr einmal pro Woche. Erzeugt das auch Druck: Man muss liefern, obwohl vielleicht gar nichts passiert?

Walter: Eigentlich nicht. Themen gibt es genug, manchmal sogar zu viele. Wir planen wenig langfristig. Häufig entsteht eine Idee spontan: Wir stellen ein Spiel vor, sprechen über ein Buch oder zeigen etwas, das wir gerade unternehmen.

Aber Sie beobachten auch, was das Publikum sehen will.

Johanna: Natürlich. Wir mussten ein Gefühl für die Mischung entwickeln. Nach zehn Tagen Urlaub in Südtirol hatten wir beispielsweise drei Reels. Das erste erreichte ungefähr 200.000 Aufrufe, das zweite 120.000, das dritte noch 60.000. Da war klar: Jetzt reicht es erst einmal mit Südtirol. Die Leute wollen nicht ständig auf Reisen mitgenommen werden. Sie mögen auch das Zuhause, den Alltag, die kleinen Dinge.

Verändert sich ein Hobby, wenn eine Kamera danebensteht?

Johanna: Unterwegs schon ein wenig. Wenn wir im Stadion sind, filme ich parallel und achte stärker darauf, besondere Momente einzufangen. Zu Hause hat sich inhaltlich kaum etwas verändert. Wir spielen nicht anders, nur weil wir darüber ein Reel machen.

Sie haben fast tausend Burgen und Schlösser besucht, rund 150 Flaggen gesammelt und dokumentieren vieles akribisch in Excel. Ist das noch liebevolle Ordnung – oder schon ein Zwang zum Abhaken?

Walter: Beides. Bei 953 Burgen und Schlössern wird es ohne Liste schwierig. Einige tragen denselben Namen, da kann man schnell etwas verwechseln. Ich schaue auch nach, ob wir irgendwo schon einmal waren. Es macht Freude, eine Liste weiterzuführen und einen Punkt abzuhaken. Das gilt auch für Bücher, CDs, Schallplatten, DVDs und Whisky. Ohne Excel würde ich irgendwann den Überblick verlieren – und hätte vermutlich schon öfter etwas doppelt gekauft.

Sie führen einen privilegierten Ruhestand, haben genügend Platz für eine große Sammlung, können sich viele Ausflüge leisten. Wie gehen Sie damit um, dass sich nicht alle dieses Leben leisten können?

Walter: Das ist schon richtig. Geld, Mobilität, Gesundheit und Wohnraum beeinflussen, welche Hobbys möglich sind. Wir wollen nicht den Eindruck erwecken, alle müssten denselben Whiskey-Schrank besitzen. Andererseits ist es so, dass viele Dinge, die wir zeigen auch gebraucht Freude machen oder wenig kosten. Am Ende geht es um die Begeisterung für etwas, nicht um Besitz.

Und dann ist da noch eine andere Botschaft, die ich gerade an junge Menschen weitergeben will: Mein Whisky-Schrank ist nicht plötzlich entstanden. Ich habe lange dafür gearbeitet, um mir nun dieses Leben leisten zu können. Das kann ja auch ein Ansporn sein, sich selbst anzustrengen.

„Walters bunte Welt“ wirkt wie ein Rückzugsort für alle, denen die Nachrichtenlage zu ernst und die Krisen zu nahe gekommen sind. War das Ihre Intention?

Walter: Nicht am Anfang. Das hat sich erst aus den Reaktionen entwickelt. Die Leute schreiben, dass sie am Wochenende auf unser Reel warten und sich auf etwas Nettes, Unaufgeregtes freuen. Angesichts schlechter Nachrichten ist das offenbar wohltuend.

Johanna: Wir haben den Account von Anfang an auf den Alltag konzentriert. Politische und stark polarisierende Themen standen nicht im Mittelpunkt, weil sie bei uns im Alltag ebenfalls keine große Rolle spielen. Das war keine ausgeklügelte Strategie, sondern hat sich natürlich ergeben.

Aber ist die Entscheidung, politische Themen herauszuhalten, nicht selbst politisch? Gerade ein Safe Space kann schnell zur Komfortzone werden.

Walter: Man darf sich nicht hinter den Hobbys verstecken. Ich neige zwar eher dazu, Konflikten auszuweichen, aber ich verkrieche mich nicht in meiner Sammlung. Wir gehen mit unseren Interessen offensiv nach außen und beziehen andere Menschen ein. Und wir lassen nicht alles stehen. Als ich einmal eine Regenbogenflagge zeigte, schrieb jemand, die „Scheiß-Regenbogenflagge“ solle verschwinden. Darauf haben wir klar reagiert: Wer damit ein Problem hat, ist auf diesem Account falsch. Toll ist, dass bei blöden Kommentaren meist gleich die eigenen Follower tadelnd in die Bresche springen.

Wir wollen nicht jede politische Debatte führen. Aber bestimmte Werte sind nicht verhandelbar. Künftig möchte ich außerdem stärker auf Themen wie Gesundheitsvorsorge oder Knochenmarkspende aufmerksam machen. Da kann ich meine Reichweite sinnvoll nutzen.

Jetzt ist aus dem Account ein Buch entstanden. Das war offenbar auch eine schmerzhafte Erfahrung. Sie hatten viel mehr geschrieben, als am Ende nun im Buch geblieben ist.

Walter: Ja. Ich schreibe schon lange Kurzgeschichten und Familiengeschichten. Zu den Hobbys hatte ich ebenfalls sehr viel zu erzählen. Erst haben meine Frau und Johanna aussortiert, dann das Lektorat. Manchmal war ich fast sauer, weil Texte gestrichen wurden, die mir wichtig waren. Aber ich verstehe natürlich, dass ein Buch eine Form braucht. Der Verlag hat die Inhalte in eine Art Lexikon von A bis Z gegossen. Für manche Buchstaben mussten wir auch ein bisschen kreativ werden – etwa Xylophonspielen, das eher eine humorvolle Erinnerung an meine Schulzeit als ein echtes Hobby ist.

Sie werden als „Grandfluencer“ bezeichnet – als älterer Influencer, der im Ruhestand plötzlich eine neue öffentliche Rolle übernimmt. Passt der Begriff?

Walter: Eigentlich nicht. Ich muss mich nicht neu erfinden. Viele meiner Hobbys hatte ich schon als Student oder früh während des Berufslebens. Wir hätten den Account auch 20 oder 30 Jahre früher starten können, wenn Johanna damals schon die Möglichkeiten dazu gehabt hätte. Ich halte es für einen Fehler, alles auf den Ruhestand zu verschieben. Wer vorher keinerlei Interessen und Beschäftigungen hatte, findet danach wahrscheinlich auch nichts. Mein Vater war Lehrer mit Leib und Seele. Er sagte immer, dass er im Ruhestand endlich in Ruhe lesen werde. Aber er konnte das nicht umsetzen, weil er nicht daran gewöhnt war, seinen Tag mit Hobbys zu füllen.

Was würden Sie Menschen raten, die kurz vor dem Ruhestand stehen?

Walter: Interessen, Freundschaften und Beschäftigungen sollte man schon vorher pflegen. Wenn der Ruhestand dann da ist, muss man nicht gleich ein Lebensprojekt starten. Es reicht, Dinge auszuprobieren. Ich war zum Beispiel bei einer Alpaka-Wanderung, habe Keramik bemalt und zum ersten Mal Eishockey geschaut. Das sind keine neuen Hobbys im klassischen Sinn. Aber es sind Erfahrungen, die vorher nicht zu meinem Alltag gehörten. Johanna bringt mich manchmal auf Ideen, die ich allein nicht gehabt hätte.

Sie sind also durchaus bereit, sich auf Neues einzulassen – auch wenn nicht alles gelingt.

Walter: Natürlich. Gitarre spielen wollte ich immer gern können, aber das hat leider nicht funktioniert. Das ärgert mich bis heute. Und Kochen gehört auch nicht zu meinen Talenten. Ich bin in der Küche aber eine gute Hilfskraft, kann Dinge klein schneiden und Anweisungen befolgen.

Johanna: Trotzdem hab ich ja immer noch die Idee, dass du mal einen Kochkurs machst.

Walter: Ja, warum nicht? Man muss nicht alles können, um es zu versuchen.

Wie sieht ein perfekter Tag in „Walters bunter Welt“ aus?

Walter: Ich würde etwas länger schlafen, gemeinsam frühstücken und anschließend etwas Handwerkliches machen. Gerade baue ich für meine Enkelin ein Treppengitter. Wenn es montiert ist, funktioniert und dadurch keine Gefahr mehr besteht, dass sie die Treppe hinunterfällt, bin ich glücklich. Abends sitzt man vielleicht noch bei einem Glas Wein auf der Terrasse. Oder wir machen einen Familienausflug, spielen Minigolf, schauen uns eine Burg an und kehren irgendwo ein. Ein perfekter Tag muss nicht spektakulär sein. Er muss nur mit Menschen, Dingen und Tätigkeiten gefüllt sein, die einem wirklich etwas bedeuten.


Walters bunte Welt

„Walters bunte Welt“ ist bei Dumont erschienen und kostet 25 Euro.

Walter Burgmann studierte Geografie und war 40 Jahre lang in einem großen Unternehmen in der Planung beschäftigt. Gemeinsam mit seiner Tochter Johanna betreibt er seit dem Start seines Ruhestands den Instagram-Account „Walters bunte Welt“, auf dem er Einblicke in seinen Alltag und seine vielfältigen Interessen gibt. Dazu gehören unter anderem Burgen und Schlösser, Whisky, Spiele, Bücher, Musik und Flaggen. Mehr als 950 Burgen und Schlösser hat er bereits besucht. Aus dem Social-Media-Projekt ist inzwischen ein Buch entstanden, das bei Dumont erschienen ist: „Walters bunte Welt. 48 Hobby- und Freizeitideen. Das Lexikon von Ahnenforschung bis Zeichnen“.

Am Mittwoch, 9. September ist Walter um 19 Uhr in der Workstage des Neven Dumont Haus zu Buchvorstellung und Interview zu Gast. Tickets für den Abend gibt es bei Rausgegangen.