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Satirischer Wochenrückblick
Lange Nahrungskette für ein halbes Hähnchen

Warum junge Menschen vor einem Imbiss in Köln Schlange stehen, der Grillhähnchen anbietet.

Ein Kommentar von
ARCHIV - Knusprige Hähnchen drehen sich am 05.10.2010 in einem mobilen Hähnchen-Grill in Breitengüßbach bei Bamberg (Oberfranken).

In Köln ist ein Hype um einen Grillhähnchen-Imbiss ausgebrochen.

Das werde ich niemals begreifen: Warum stellen sich junge Menschen im strömenden Regen stundenlang in eine Schlange, um auf der Breite Straße auf ein halbes Hähnchen zu warten, drängeln und schubsen für Crispy Wings, Bites und Garlic-Parmesan-Pommes, sorgen für einen skurrilen Schwarzmarkt-Handel mit vorab gebuchten Zeitfenstern, bloß weil irgendwelche Influencer den Laden in den sozialen Medien gehypt haben?

Zu Zeiten, als Influenza noch kein Beruf, sondern eine ganz normale Grippe war, die einen mehr oder weniger heftig erwischte und für eine Woche ans Bett fesselte, wurde einem das Geflügel noch in Form einer heißen Hühnersuppe gereicht. Die Herkunft des Tiers entschied darüber, ob man die Antibiotika gleich mit der Suppe löffeln oder doch in Tablettenform zu sich nehmen musste.

Der Goldbroiler ist aus der Zeit gefallen

So etwas kann man von einem Influencer-Hähnchen mit Gemüse-Sticks und natürlich halal aus dem Libanon nicht mehr verlangen. Das wäre auch völlig aus der Zeit gefallen wie der DDR-Goldbroiler, der sich in den 1960er Jahren durch seine Industriemast zu einem Massenprodukt und einem festen Bestandteil der Nahrungskette entwickelte, obwohl er angloamerikanischen Ursprungs ist, und der vor allem in den neuen Bundesländern bis heute Kultstatus besitzt. In welchem Ausmaß der Broiler zu Stabilisierung des Systems beigetragen hat, ist bis heute nicht erforscht.

Ob die libanesische Variante des halben Hähnchens, die gerne auch bestecklos mit Gummihandschuhen verzehrt wird, jemals diese Flughöhe erreicht, ist nicht sicher. Das ist die Gemeinsamkeit, die Influencer-Trends mit der Influenza haben. Sie kommen und gehen. Wie die Billigkaffee-Kette LAP-Coffee, vor deren Läden in Köln noch im Mai die Leute geduldig warteten, um einen Kampfpreis-Cappuccino für zweifünfzig zu trinken.

Was mich glücklich macht, ist die Tatsache, dass es in der seit dem Wienerwald-Sterben eher unsicheren Grillhähnchen-Branche seit meiner Kindheit eine Konstante gibt. Das sind die Hähnchenwagen, die man mindestens einmal pro Woche auf den Supermarkt-Parkplätzen antrifft. Daran kann ich einfach nicht vorbeigehen, ohne einen halben Broiler in der Warmhaltetüte zu kaufen. Oder mindestens eine Frikadelle. Ganz ohne Schlange.

Hähnchenwagenfahrer haben mich schon immer derart fasziniert, dass das einer meiner frühen Berufswünsche war, von dem ich nur abgelassen habe, weil mein Vater mir erklärte, dass das kein Lehrberuf sei. Heute kann ich nur sagen: Influencer übrigens auch nicht.