Ein Zeuge bestätigte frühere Gewalthandlungen des einstigen Präsidenten. Der Fall soll im Zusammenhang mit Anschlägen stehen.
Kölner LandgerichtWer steckt hinter dem Mord in Mülheim? Früherer Rocker-Boss im Fokus

Mai 2023: Die Polizei sicherte Spuren des Verbrechens im Böcking-Park. Daneben saßen Menschen im Brauhaus.
Copyright: Martina Goyert
Erst herrschte Streit im Kölner Hells-Angel-Chapter „Rhine Area“, dann war eines der Mitglieder tot. Erschossen am Pfingstsamstag 2023 in der Nähe des gut besuchten Böcking-Parks in Mülheim. Während die mutmaßlichen Schützen seit dem Tattag auf der Flucht sind, geht es vor dem Landgericht um die Frage: Wer hat den Mordauftrag erteilt? Der Angeklagte Hami S. ließ über seine beiden Anwälte bereits andeuten, dass nicht er, sondern sein Bruder Kamil S. der Auftraggeber sei.
Köln: Revierstreitigkeiten in Hells-Angels-Chapter
Kamil S. ist der frühere Präsident des Kölner Chapters – und er galt als gnadenlos. Am Mittwoch bestätigte ein Zeuge beim laufenden Prozess in Saal 7 des Kölner Justizgebäudes, dass ihn der Rocker-Boss einmal schwer verprügelt und ihm einen Finger gebrochen habe. Ende 2022 soll S. als Präsident der Kölner Rocker abgesetzt worden sein, nach Beschwerden von Mitgliedern. Das Chapter wurde aufgelöst. Andere Rocker sollen dann Pläne geschmiedet haben, die Fraktion wiederzubeleben.
Die Revierstreitigkeiten könnten zu der „öffentlichen Hinrichtung“ – so nannte ein Richter die Tat – in Mülheim geführt haben. Der Rocker Eren Y. soll zuvor auf einem Foto mit zwei Kontrahenten des früheren Rocker-Präsidenten posiert haben. Hinterrücks schossen zwei mutmaßliche Täter auf den Mann, eine Kugel traf den Rücken, die andere den Kopf. Eren Y. war sofort tot. Seine Freundin wurde ebenfalls getroffen. „Meiner Mandantin wurde das Gesicht zerfetzt“, sagte Anwältin Funda Bicakoglu.
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Köln: Bundesverfassungsgericht kippte erstes Mordurteil
In einem ersten Prozess wurde der Angeklagte Hami S. als Auftraggeber ausgemacht und zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Die Entscheidung wurde vom Bundesgerichtshof bestätigt, später aber vom Bundesverfassungsgericht aufgehoben. Das Gericht habe es versäumt, einen möglichen Entlastungszeugen zu hören – einen der mutmaßlichen Schützen. Emre U. wollte per Videoschalte aus der Türkei aussagen. Nach einigem Hin und Her kam es dazu aber letztlich nicht.
Hami S. hatte bereits im ersten Prozess angedeutet, dass nicht er hinter dem Mordauftrag stecke, sondern sein Bruder Kamil. Diese These vertreten die Verteidiger in der Neuauflage nun ganz offen. Der Angeklagte sei jedoch nicht unschuldig, wie Anwalt Leonhard Mühlenfeld sagte, „wir wollen nicht auf einen Freispruch hinaus“. Hami S. könnte sich demnach der Beihilfe strafbar gemacht haben. Handydaten belegen, dass er vor und nach der Tat mit den mutmaßlichen Schützen telefoniert hat.
Die mögliche Wendung in dem Mordprozess hatte ein Kronzeuge eingeleitet. Habib I. muss sich derzeit mit weiteren Beschuldigten in einem Prozess um den Schmuggel von 40 Tonnen Kokain verantworten. In diesem Verfahren hatte I. eine Art Lebensbeichte abgelegt und den in der Türkei befindlichen Kamil S. in der Drogensache schwer belastet. Bei dieser Gelegenheit bezichtigte der Zeuge den früheren Rockerboss zudem fast beiläufig, hinter dem Mord in Mülheim zu stecken.
Köln: Mordanschlag nach Besuch im Fitnessstudio
Im neuen Prozess kamen auch Vorwürfe auf: Mordopfer Eren Y. könnte hinter einem Anschlag auf einen Friseursalon in Meschenich stecken. Den Laden sollen die Brüder Kamil und Hami S. betrieben haben. Auf das Geschäft wurde laut Ermittlern geschossen und ein Brandanschlag verübt. Weiter ist die Rede davon, dass Eren Y. nicht das einzige Zielobjekt gewesen sei. Auch zwei weitere Männer, Verbündete von Eren Y., sollten womöglich sterben – so zumindest hieß es in Rockerkreisen.
Am Mittwoch berichtete der frühere Mitbewohner des Mordopfers im Landgericht, dass die mutmaßlichen Schützen am Tattag bei ihm geklingelt hätten. Darunter der Hells-Angels-Rocker Marco C., genannt „Toblerone“, ein guter Bekannter. „Sie hatten eine Sporttasche dabei und ich dachte, sie wollen auch trainieren“, so der Zeuge. Doch aus der Tasche soll einer der Männer später die Tatwaffe gezogen haben. Der spektakuläre Prozess wird fortgesetzt. Ein Urteil soll frühestens im Februar fallen.

