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Flüchtlinge aus der TürkeiMorddrohungen – Erdoğans langer Arm reicht bis nach Köln

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Ehepaar Gündogan in Köln BAUSE

Die Filmemacher Nezahat und Kazim Gündogan die aus der Türkei geflüchtet sind, in ihrem Wohnzimmer in Köln.

Köln – Man möchte Bürgern, die sich im Deutschland dieser Tage in einer „Meinungsdiktatur“ wähnen, empfehlen, mit einigen der geschätzt 800 bis 1000 Menschen zu sprechen, die in den vergangenen vier Jahren aus der Türkei nach Köln geflüchtet sind. Nezahat und Kazim Gündoğan haben durch Folter und jahrelange Haft erfahren, was „Meinungsdiktatur“ bedeuten kann.

Das Paar ist in der Türkei bekannt, seit es Filme und Bücher über einen in Westeuropa weithin unbekannten Völkermord an Aleviten und Armeniern in der Dersim genannten Provinz Tunceli in den Jahren 1937 und 1938 veröffentlicht hat. Wer das Wort „Dersim“, das auch für einen Kurdenaufstand in dieser Zeit steht, verwendete, machte sich in der Türkei bis zum Jahr 2009 strafbar.

Nezahat hat fünf, Kazim Gündoğan zehn Jahre im Gefängnis verbracht. Beide werden seit Jahrzehnten mit Repressalien überzogen, weil sie in vom Staat tabuisierten Bereichen der türkischen Geschichte recherchierten, mit Zeitzeugen sprachen, Berichte und Fotos veröffentlichten.

Ehepaar Gündogan erhielt Morddrohungen

Nachdem sie im Januar 2016 mit 400 Filmemachern die Erklärung „Akademiker für den Frieden“ unterschrieben hatten, erhielten die Gündoğans Morddrohungen. Nach dem Putschversuch im Sommer 2016 wurden Tausende vermeintliche Regimekritiker und Anhänger des Predigers Fetullah Gülen, dessen Bewegung Staatspräsident Erdoğan für den Putsch verantwortlich machte, in der Türkei inhaftiert. 2017 entschlossen sich die Gündoğans zur Flucht nach Deutschland. „Vor allem, weil unser Sohn in der Türkei keine normale Kindheit gehabt hätte – und die Gefahr, dass wir verhaftet werden, sehr groß war“, sagt Nezahat Gündoğan bei Tee und Gebäck in der kleinen Wohnung der Familie in Porz-Zündorf. „Wir konnten zuletzt in der Türkei nicht mehr arbeiten: Eines unserer Bücher wurde beschlagnahmt und verbrannt. Es gab Ermittlungen, wir standen auf Listen von Regimekritikern, die dadurch vogelfrei wurden“, sagt ihr Mann Kazim.

In Köln gehe es mit den Bedrohungen über die sozialen Medien weiter, sagt Kazim Gündoğan. Gefährdet fühlt sich die Familie aber nicht: „Wenn man die Schimpftiraden im Internet mit der Wirklichkeit in der Türkei vergleicht, ist das fast nichts. Von hier aus können wir wieder arbeiten – und damit den Menschen Mut machen, die in der Türkei sind und ihre Meinung nicht ohne Angst vor Repressalien äußern können.“ Die Gündoğans wirken unbeirrbar. „Von hier aus können wir mit unserer Arbeit genauso viel für die Menschenrechte machen wie in der Türkei“, sagen sie.

Can Dündar braucht Begleitschutz

So gelassen sieht nicht jeder Akademiker seine Lage im deutschen Exil. Bekannte wie der Publizist Can Dündar oder der Autor und Kabarettist Hayko Bağdat erhalten Morddrohungen und brauchen Begleitschutz. „Früher haben sich Repressionen und Bedrohungen des türkischen Staates vor allem gegen politisch Linke gerichtet. Heute richtet sich die scharfe Rhetorik des Erdoğan-Regimes gegen Kritiker aller Art“, sagt der Journalist Osman Okkan, Leiter des in Köln ansässigen Kulturforums Türkei Deutschland, eines der wichtigsten internationalen Netzwerke der türkischen Opposition. „Indem das Regime Kritiker als Feinde der Türkei, Spione und Verräter hinstellt, werden Nationalisten zu Gewalt angestachelt.“

Okkan erinnert sich, wie er Can Dündar vor einer Veranstaltung in Köln überredete, auf einen Personenschützer zu verzichten, Erdogan-Anhänger Dündar in der Innenstadt erkannten, wild beschimpften und auf ihn losstürmten. „Zum Glück standen wir da schon vor dem Eingang zum WDR-Sendesaal, wo die Veranstaltung stattfand. Ich habe mir Vorwürfe gemacht, so leichtsinnig gewesen zu sein.“

Bilz-Preis für Kulturforum

Das Kulturforum Türkei Deutschland wurde 1993 gegründet. Der Verein ist eng vernetzt mit der Kunst- und Kulturszene in der Türkei und initiiert von Köln aus viel beachtete Kultur- und Medienprojekte.

In Zusammenarbeit mit der lit. Cologne gründete das Forum den „Rechtshilfefonds für politisch Verfolgte in und aus der Türkei“, der Gefangene und ihre Familien in der Türkei betreut. Jüngst erhielt das Forum den Bilz-Preis der Stiftung des Kölner Historikers Fritz Bilz.  

„Der türkische Präsident würde nicht so weit gehen, Regimekritiker in Deutschland ermorden zu lassen, das wäre eine rote Linie, die die Kanzlerin dazu veranlassen würde, offiziell in Deutschland arbeitende türkische Geheimdienstmitarbeiter auszuweisen“, glaubt Geheimdienst-Experte Erich Schmidt-Eenboom. „Die Gefahr von fanatischen Einzeltätern, die ihrem Sultan Erdoğan gefallen wollen, ist gleichwohl groß: Seit den auch aus Deutschland unterstützten Gezi-Protesten im Jahr 2013 und dem Putschversuch 2016 hat Erdogan seine Geheimdienste personell enorm aufgestockt.“ 800 der rund 8000 illegalen hauptamtlichen Agenten konzentrierten sich auf den deutschsprachigen Raum, sagt Schmidt-Eenboom.

„Meine Frau und ich stehen auf Todeslisten“

Halil Tunali möchte nicht mit richtigem Namen in der Zeitung stehen. „Meine Frau und ich stehen auf Todeslisten, die sich jeder im Internet angucken kann“, sagt er. Draußen friert es, das Fenster im Besprechungsraum des Kulturforums steht offen, trotzdem bildet sich auf Tuntalis Stirn ein Schweißfilm, als er erzählt. Er habe mit seiner Frau im Südosten der Türkei eine Buchhandlung gehabt, aus der ein kulturelles Zentrum erwachsen sei. „Wir waren sehr erfolgreich“, sagt er. Als Recep Tayyip Erdoğan im Jahr 2011 Ministerpräsident wurde, habe er zwar einen Reformkurs eingeschlagen und sich als erster türkischer Staatschef für die Massaker an Kurden, Armeniern und Dersimern 1937 und 1938 entschuldigt, im Zuge der Eskalation der Gewalt mit der kurdischen PKK hätten Kurden aber gleichzeitig unter Generalverdacht gestanden.

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„Meine Frau ist Kurdin und wurde seinerzeit in den Stadtrat gewählt“, erinnert sich Tunali. „Bei uns in der Buchhandlung gab es auch Diskussionen mit Oppositionellen. Irgendwann gab es Hausdurchsuchungen, wir wurden bedroht, unsere ohnehin hohe Miete wurde drastisch erhöht, unser Facebook-Account wurde gehackt und mit Schmähungen vollgeschmiert.“

Tunali, seine Frau und ihr Sohn flohen getrennt voneinander nach Deutschland. Der Buchhändler lebte drei Jahre in einem Kölner Flüchtlingswohnheim, bevor er eine kleine Wohnung und dank der Vermittlung des Kulturforums Arbeit fand. „Erdoğan hat gerade wieder gesagt, die Türkei gehöre nach Europa, aber das ist ein Manöver, weil seine Macht schwindet. In der Türkei gehen Festnahmen und Unterdrückungen gegen Kritiker weiter.“

„Der Westen schaut zu“ bei Erdogans Machenschaften

„Und der Westen, auch Deutschland, schaut leider zu“, assistiert Osman Okkan, der das Gespräch übersetzt. „Mit dem unseligen Flüchtlingsdeal haben sich Deutschland und die EU in Erdoğans Hand begeben, der seitdem wie ein Autokrat damit droht, die Flüchtlinge nach Europa kommen zu lassen.“ Okkan fordert schon lange einen „Paradigmenwechsel in der deutschen Türkeipolitik“: Nicht die wirtschaftlichen Interessen dürften im Vordergrund stehen, sondern „die Grundrechte für alle Menschen in der Türkei“.

Einen wichtigen Hebel für Veränderung sieht Okkan im Medienangebot für türkischstämmige Menschen in Deutschland. „In Köln haben bei der jüngsten Wahl 60 Prozent der türkischstämmigen Wählerinnen und Wähler Erdoğan gewählt. Man sieht den Einfluss des politischen Islam auch in der Kölner Weidengasse und auf der Keupstraße: Viele Restaurants und Cafés gehören Anhängern von Erdoğan oder der Gülen-Bewegung, fast nirgendwo darf Alkohol ausgeschenkt werden.“

Ändern könne sich das nur, wenn die Meinungsvielfalt über türkischsprachige Medien im Ausland größer wäre, glaubt Okkan. „Viele Türkeistämmige beziehen ihre Informationen immer noch aus den sogenannten Heimatsendern aus der Türkei, die längst gleichgeschaltet sind. Sie nehmen Erdoğan als denjenigen wahr, der ihnen eine Identität verschafft.“

Okkan fordert „eine stärkere Unterstützung der freien Exilpresse, um die Stimmen der Demokratie außerhalb der Türkei zu stärken“. In der gesellschaftlichen Debatte werde oft ein Aufklärungsprozess des Islams gefordert. „Es geht aber vor allem um die Aufklärung der Menschen“, sagt Okkan. Auch das Kulturforum, das jüngst bei einer internationalen Pressekonferenz in Berlin viele der wichtigsten demokratischen Stimmen der Türkei zusammengebracht hat, kämpft ums Überleben.

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