Die Serie „Große Kölner Prozesse“ blickt zurück auf den Fall der getöteten „Supasalad“-Chefin, der bundesweit für Schlagzeilen gesorgt hat.
Tatort Kölner SalatbarWie diese Zigarette den Mörder von Anke Schäfer nach acht Jahren entlarvt

Diese Zigarette der Marke „John Player Special“ überführt den Mörder aus der Salatbar.
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Eine Zigarette der Marke „John Player Special“, zu etwa zwei Dritteln aufgeraucht. Acht Jahre lang liegt das zentrale Beweisstück zum Mordfall „Supasalad“ im verschlossenen Umschlag mit der Nummer 3239/09 in der Asservatenkammer des Kölner Justizzentrums. Es ist die Kippe, die der Mörder der Salatbar-Chefin Anke Schäfer am Tatort in der Gertrudenstraße zurücklässt – und die ihm letztlich zum Verhängnis wird. Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ blickt zurück auf einen spektakulären Kriminalfall, der bundesweit für Schlagzeilen gesorgt hat. Und der vor dem Landgericht mit der Höchststrafe endet.
Kölner „Supasalad“: Inhaberin Anke Schäfer von Räuber erstochen
An jenem Sonntagabend im Juni 2007 reist Anke Schäfer von der Hochzeit ihres Cousins zurück nach Köln. Während der Zugfahrt telefoniert sie mit ihrem Bruder, der gleichzeitig ihr Geschäftspartner ist. Sie werde gleich zur Salatbar gehen und die Bestellungen für den nächsten Tag vorbereiten. Kurz danach reißt das Gespräch ab, der Akku ihres Handys ist leer. Anke Schäfer trifft gegen 22.30 Uhr in der „Supasalad“-Filiale in der Nähe des Neumarkts ein. Sie schließt das Geschäft auf, lässt den Schlüssel stecken und die Tür weit offen – denn draußen ist es noch angenehm sommerlich warm.

Die Polizei bittet nach dem Mord an Anke Schäfer um Zeugenhinweise.
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Als der damals 25-jährige Enes A. die offene Tür erblickt, wittert er die Chance auf Bargeld. Der Familienvater ist spielsüchtig und hat gerade in einer Spielhalle in der Nähe 100 Euro verzockt, die er sich von einem Bekannten geliehen hatte. Mit der Zigarette im Mund betritt er den beleuchteten Verkaufsraum der Salatbar. Anke Schäfer befindet sich zu diesem Zeitpunkt im hinteren Bereich vor dem Kühlraum und notiert die anstehenden Warenbestellungen. Enes A. fühlt sich ungestört und legt seine brennende Kippe auf die Theke – wohl um die Hände frei zu haben und nach Beute zu suchen.
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Eine Überwachungskamera zeichnet Anke Schäfer am Hauptbahnhof kurz vor ihrem Tod auf.
Copyright: Polizei Köln
Anke Schäfer erschrickt, als sie den Eindringling erblickt. Enes A. geht auf die Inhaberin zu, greift ihr an den Hals und fordert sie auf, ihm Geld zu geben. Anke Schäfer sichert das zu, sie fleht um ihr Leben. Doch dann zieht Enes A. ein großes Messer, er will seiner Forderung Nachdruck verleihen. Als Anke Schäfer die Klinge erblickt, fängt sie laut an zu schreien – seit einer Tumorerkrankung als Kleinkind, bei der sie viele Spritzen bekam, hat sie panische Angst vor spitzen Gegenständen. Eine Reaktion, mit der der Räuber nicht rechnet – nur Augenblicke später wird er zum Mörder.
Aus Angst vor Entdeckung sticht Enes A. mehrfach auf Anke Schäfer ein und fügt ihr sieben Stich- und vier Schnittverletzungen zu. Ein Stich trifft laut späterem Gutachten der Rechtsmedizin die rechte Schläfenregion, durchstößt das Jochbein, den Oberkieferknochen und den Gaumen. Auch die linke große Halsvene wird getroffen. Der Täter rammt seinem Opfer die Klinge so wuchtig ins Bein, dass die Kniescheibe komplett durchtrennt wird. Auch das Herz von Anke Schäfer, die zu Boden gegangen war, wird getroffen. A. zerrt sein schwerverletztes Opfer in den Kühlraum und schließt von außen die Tür.
Köln: 6000 Personen überprüft, doch keine heiße Spur
Enes A. greift sich noch zwei Taschen seines Opfers und flüchtet. Seine Zigarette lässt er auf der Theke zurück; sie brennt sich ein und erlischt. Binnen 15 Minuten verstirbt Anke Schäfer durch massiven Blutverlust, so stellt es später die Rechtsmedizin fest. Der Bruder findet die Leiche von Anke Schäfer am nächsten Morgen. Er denkt, seine Schwester hätte sich versehentlich selbst eingeschlossen, als sie „weiß und steif“ vor ihm liegt. Panisch ruft er seinen Vater an. „Ich sagte zu ihm, er solle sie zudecken und Hilfe holen“, sagt dieser später. Nicht wissend, dass es bereits zu spät ist. Dann kommt die Polizei.

Der abgesperrte Tatort in der Gertrudenstraße kurz nach dem Mord an der Inhaberin der Salatbar
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Enes A. begibt sich nach dem Mord zu seiner Wohnung. Die Taschen von Anke Schäfer und seine bei der Tat getragene Kleidung entsorgt er in einem Altkleidercontainer. Ausweise aus dem Portemonnaie von Anke Schäfer verbrennt er. Das Tatmesser lässt er auf dem Gelände des Stuckateurbetriebs seines Bruders verschwinden; in einem Container, in dem Metallteile entsorgt werden. Als A. in der Zeitung von seinem Mord liest, verlässt er einige Tage seine Wohnung nicht. Er reist nach Graz zu seinen Eltern, dann fliegt er in die Türkei. Drei Monate später kehrt er unbehelligt nach Deutschland zurück.
Die Ermittler haben keine heiße Spur, nur jene Kippe. Und sie vermuten, dass sich daran die DNA des Mörders befindet. Sie schneiden ein Stück des Filters ab, für die Laboruntersuchung. Was sie daraus ableiten können, ist das Geschlecht des Rauchers: männlich. Die Polizei ermittelt anfangs fast rund um die Uhr, überprüft 6000 Personen und nimmt unzählige Speichelproben von männlichen Anwohnern im Umkreis von zwei Kilometern rund um die Salatbar. Doch auf den Täter stoßen sie nicht. Der Mörder von Anke Schäfer bleibt ein Phantom – und das noch viele Jahre lang.
Der Mord in der Salatbar wird zum Medienereignis. Zeitungen berichten bundesweit, in TV-Beiträgen wird nach Zeugen gesucht. Immer wieder wird der Fall, der sich zum „Cold Case“ entwickelt, zum Thema. Auch die Ermittler lässt er nicht los. „Ich habe den Tatort noch genau vor Augen. Dass der Täter so heftig agierte, ist ungewöhnlich“, sagt der Chef der Mordkommission dreieinhalb Jahre nach der Tat. Damals halten die Ermittler ein eskaliertes Raubgeschehen für unwahrscheinlich und verweisen darauf, dass der Täter das Wechselgeld hinter der Theke nicht mitgenommen habe.
Köln: Freiwillige Speichelprobe entlarvt den Mörder
Enes A. fällt nach dem Mord an Anke Schäfer immer wieder mit kleineren Delikten auf; Beleidigung, Diebstahl und Betrug und Schwarzfahren. Straftaten, für die es zunächst keinen Grund für die Erstellung eines DNA-Gutachtens gibt. Als Enes A. im Jahr 2015 eine sechsmonatige Freiheitsstrafe in Hamburg absitzt, ermittelt die Kölner Polizei wegen eines Schmuckdiebstahls gegen den Mann. Diesmal fordern sie eine Speichelprobe ein, die A. tatsächlich freiwillig abgibt. Das Ergebnis wird durch die Polizeidatenbank gejagt und ergibt einen Treffer: Der Mörder von Anke Schäfer ist entlarvt.

Der Angeklagte Enes A. beim Prozessauftakt im Landgericht im August 2016
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Im November 2015 fährt ein Kölner Kriminalbeamter zur JVA Hamburg-Billwerder und befragt den Mordverdächtigen. „Ich habe auf diesen Tag gewartet“, sagt Enes A. zu Beginn der Vernehmung. Ein Geständnis erfolgt zunächst nicht. A. spricht von zwei Männern, die Anke Schäfer ausgeraubt und getötet hätten, er habe vor der Salatbar nur seine Zigarette geraucht. Der Beamte glaubt Enes A. kein Wort und bleibt hartnäckig. Dann bricht es aus dem Mörder heraus: „Es kommt ja sowieso raus.“ Er habe damals die Salatbar betreten, weil die Tür offen gestanden und er niemanden gesehen habe.
Als Schlüsselmoment beschreibt Enes A. die lauten Schreie von Anke Schäfer. „Hör damit auf“, habe er ihr gesagt. Dann habe er zum Messer gegriffen. „Das war ein größeres Kampfmesser, sehr scharf, mit spitzer Klinge“, sagt Enes A. bei einer späteren Vernehmung, „ich erinnere nur, dass ich zweimal zugestochen habe.“ „Ich bin jetzt aber froh und erleichtert, dass die Sache aufgeklärt ist, ich musste acht Jahre mit dieser Schuld leben, das hat mich sehr belastet“, sagt er dem Haftrichter. Enes A. wirkt theatralisch: „Ich wünschte, sie wäre am Leben geblieben. Ich hätte dafür mein Leben geopfert.“
Köln: Angeklagter spricht beim Prozess im Landgericht von einem Versehen
Im September 2016 startet der Prozess vor einer Schwurgerichtskammer des Kölner Landgerichts. Enes A. räume die Tat grundsätzlich ein, sagt der Verteidiger. Man strebe ein schnelles Verfahren an, um die Angehörigen von Anke Schäfer nicht weiter zu belasten. Doch schon am nächsten Verhandlungstag spricht der Anwalt von einem Unfall. Die im Verhör bei der Polizei gemachten Angaben widerruft er. Enes A. sei überraschend aus der JVA zur Vernehmung gebracht worden. Nicht mal ein Lunchpaket hätte man ihm mitgegeben. Daher sei er unkonzentriert gewesen.
Der Anwalt erklärt, der Angeklagte sei in der Tatsituation panisch geworden. Er habe das Messer hektisch aus der Tasche genommen „und fuchtelte damit vor ihr herum“. Dabei müsse er Anke Schäfer verletzt haben. Das Gericht glaubt nicht an die Unfallversion. „Das waren ganz massive, tiefe Stiche. Die sind nicht durch Herumfuchteln zu erklären“, sagt Richterin Sabine Kretzschmar und bezieht sich auf die Ausführungen der Rechtsmedizin. Die Kammer verhängt eine lebenslange Freiheitsstrafe. Enes A. wehrt sich dagegen, doch der Bundesgerichtshof bestätigt die Entscheidung schließlich.
Eine gerechte Strafe, die für die Angehörigen nur ein ganz schwacher Trost sein kann. Im Gerichtssaal, mehr als neun Jahre nach dem Mord, ist vor allem der Mutter von Anke Schäfer anzusehen, wie sehr sie gegen den seelischen Schmerz ankämpft. „Darüber hinwegzukommen, ist im Leben nicht möglich, glaube ich“, sagt sie mit stockender Stimme. „Die fast 25 Jahre, die wir mit Anke hatten, waren für uns alle eine Bereicherung“, führt die Mutter aus, „wir haben alle von ihr profitiert. Sie war so positiv.“ Der Vater betont sein inniges Verhältnis zu seiner Tochter. Sie sei immer sein „Wonneproppen“ gewesen.
In der Serie „Große Kölner Prozesse“ bereitet der „Kölner Stadt-Anzeiger“ in unregelmäßigen Abständen große Kölner Strafprozesse aus der Vergangenheit auf. Fälle, die die Menschen in Köln stark bewegt oder ganz besondere Details ans Tageslicht gebracht haben.
