Abo

Kommentar

Kölner Agrippabad
Ich werde dich vermissen, du schönstes Bad der Stadt!

Ein Kommentar von
5 min
Olivenbäume und sogar eine Palme (nicht im Bild): An Sonnentagen umweht das Aggrippabad ein großer Hauch von Süden.

Olivenbäume und sogar eine Palme (nicht im Bild): An Sonnentagen umweht das Aggrippabad ein großer Hauch von Süden.

Das Agrippa schließt: Hiobsbotschaft für Vereine, Schulklassen und alle Schwimmer von Seepferdchen bis Gold – Eine Liebeserklärung.

Am 31. Dezember war das Agrippabad zum letzten Mal geöffnet, ehe es sich in eine weitere Sanierungsbedarfsprüfung verabschiedet. Die Schäden seien deutlich größer als bislang angenommen, hieß es kurz vor Weihnachten. Vor der schon lange geplanten Sanierung müsse man nochmal nachschauen, weitere Mängel feststellen und dann neu planen. Mir klingt das alles reichlich ungewiss. Niemand weiß also Stand jetzt, wann wir dieses Bad wiedersehen? Es heißt, es könnte im Sommer zunächst wieder aufmachen, um dann irgendwann wieder zu schließen für die große Sanierung. Sommer wäre gut! Das Agrippabad ist im Sommer die einzige Oase in einer schon heute brutal aufgeheizten Kölner Innenstadt. Im Volksgarten-Weiher darf und will außer Kanada-Gänsen niemand schwimmen. Bleibt zur Abkühlung jetzt also nur noch der Brunnen am Neumarkt? Wow.

Wo war ich? Bei meiner Sorge, dass sich bald herausstellen könnte, dass es so teuer wäre, das Bad zu sanieren, dass sich das nicht lohnt. Bin ich irrational? Hoffentlich! Aber ein kaputtes Schwimmbad, das sich noch nie selbst tragen konnte, gilt in anderen finanziell überklammen Städten schon länger als verzichtbarer Luxus. Obwohl das nur sagen kann, wer noch nie gesehen hat, wie unzählige kleine, manchmal auch schon große Menschen im Agrippabad über sich hinausgewachsen sind. Der erste Sprung vom Ein-Meter-Brett. Die erste Bahn ganz ohne Hilfe. Viele erste Male. Heldentum mit klappernden Zähnen.

Das Treppenhaus im Agrippabad - gibt es ein schöneres in Köln?

Das Treppenhaus im Agrippabad - gibt es ein schöneres in Köln?

Seitdem ich vor zehn Jahren ins Griechenmarktviertel gezogen bin, ist das Agrippabad mein Schwimmbad der Wahl und des Herzens. Sehr oft schon bin ich darin geschwommen, in den unterschiedlichsten Gemüts- und Aggregatszuständen: verkatert Sonntagnachmittags, übermüdet morgens, zum Stressabbau nach der Arbeit. Ganz oft kam ich maximal lustlos und ging bestens gelaunt, friedlich. Traf Nachbarn, aber auch aus den anderen 85 Veedeln kamen sie extra: Es ist schließlich das schönste Bad der Stadt.

In den letzten Jahren habe ich schon gemerkt, dass man nicht mehr wirklich aufs Agrippabad setzt – weil es da ja schon hieß: Sanierung! Bald! Der Whirlpool oben in der Sauna wurde erst abgesperrt, dann abgebaut. Immer mehr Schlösser an den Spinden funktionierten nicht mehr richtig.

Rostflecken oder Kunst an der Wand? Die Wand hinter dem Sprungturm im Agrippabad bot Anlass für Interpretation.

Rostflecken oder Kunst an der Wand? Die Wand hinter dem Sprungturm im Agrippabad bot Anlass für Interpretation.

Im Sommer vor einem Jahr dann verschwand der Monster-Kürbis. So habe ich den riesigen orangenen Ball getauft, der am Wochenende alle zwei Stunden im Schwimmerbecken zu Wasser gelassen wurde. Der dann auf und ab hüpfte, um Wellen zu produzieren. Oft habe ich mir ausgemalt, dass es diese Monsterkürbis-Konstruktion ausschließlich in Köln gibt. Wer käme sonst auf so eine verrückte Idee? Eine typisch kölsche Lösung.

Fast war ich traurig, als ich von einem Bademeister erfuhr, dass der offiziell API-Ball genannte Monsterkürbis von einer Firma in den Niederlanden produziert worden war, aller Wahrscheinlichkeit nach nicht nur für Köln. Problem jedenfalls: Die Niederländer stellen die Bälle nicht mehr her. Eine Firma aus Belgien soll für die Reparatur im vergangenen Jahr 300.000 Euro verlangt haben! Bademeister-Hörensagen. 300.000 Euro? Eindeutig zu viel. Was ebenfalls viel ist: die zuletzt 7,40 Euro für zweieinhalb Stunden Agrippabad. Der Tagestarif war dagegen fast ein Spottpreis: 9,90 Euro.

Das Agrippabad war das erste Bad, das nach dem Zweiten Weltkrieg in Köln neu gebaut und 1959 eröffnet wurde. Ein wettkampftaugliches 25-Meter-Becken plus Sprungturm-Anlage inklusive Zehn-Meter-Brett. Mit diesem Bad hat man sich echt Mühe gegeben. Die riesige Glasfassade, diese in Sonne getauchte Halle. Ich liebe auch die Quoten-Palme, die Karibik-Flair verbreitet. Den Blick auf den Wasserturm.

Nicht zu vergessen: die schönste Treppe der Stadt. Nur Kacheln zählen kann man beim Schwimmen nicht mehr. Seit der letzten Sanierung vor einem Vierteljahrhundert ist das Becken in Stahl eingekleidet. Auch unschöne Nachrichten gab es über das Bad in all den Jahren mal zu lesen. Da war die Phase, in der Spinde aufgebrochen, Autoschlüssel und die dazugehörigen Autos auf den Parkplätzen geklaut wurden. „Kein Safe“ steht jetzt in den Spinden, für „unbeschwerten Badespaß“ werden die „Wertschließfächer“empfohlen.

Vom Dach des Wasserturm-Hotels hat man den besten Blick auf das Agrippabad.

Vom Dach des Wasserturm-Hotels hat man den besten Blick auf das Agrippabad.

Ein anderes Mal belästigten Jugendliche eine 13-Jährige. Öffentlich wurde damals darüber diskutiert, ob man seine Kinder noch allein ins Agrippabad gehen lassen kann. Ich hatte nie den geringsten Zweifel, dass man das kann. Dafür habe ich die um die Becken kreisenden Bademeister zu oft beobachtet, die vor allem an chaotischen Sommertagen und Wochenenden zur Erziehung schritten. Tönte wieder mal ein gellender Pfiff, war klar, dass sich gleich jemand auf etwas gefasst machen konnte.

„Gibt es in anderen Kölner Bädern ein Solebecken“, ruft die Mitarbeiterin an der Kasse ihren Kolleginnen auf meine Frage hin zu. Die schütteln den Kopf. Leider nein. Das Agrippa hat so viel, was andere Bäder nicht haben „Das Kölner Flaggschiff“ hat der stets freundliche Bademeister es bei meinem allerletzten Besuch genannt. Seit 14 Jahren arbeitet er dort, wird jetzt ins Stadionbad wechseln. Seine anderen Kollegen werden ebenfalls auf andere Bäder aufgeteilt. Ob es auch etwas gibt, das er gar nicht vermissen wird? „Ich werde alles vermissen“, sagt er. Das verstehe ich so gut.

„Vielen Dank für die Treue! Wir freuen uns auf ein Wiedersehen“, steht in weißen Buchstaben auf dem roten Aufsteller, als ich die Umkleidekabinen verlasse. Ich nehme diesen Gruß wirklich ernst! Tut mir keine Floskeln an. Auf Wiedersehen, Agrippabad!


Sarah Brasack, stellvertretende Chefredakteurin, braucht nur zwei Minuten zu Fuß zum Agrippabad. Montagabend Damensauna: Das war das Winter-Ritual. Im Sommer gab es keine festen Tage oder Uhrzeiten: Hauptsache Abkühlung! Ab jetzt ist sievor allem eins: besorgte Nachbarin.