Mehr als ein WarnzeichenWarum der Kölner Ebertplatz dem Ansehen der Stadt schadet

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Eine Personenkontrolle am Ebertplatz im März.

Eine Personenkontrolle am Ebertplatz im März.

Markus Renner beschäftigt sich beruflich mit dem Thema Reputation und ihren enormen wirtschaftlichen Folgen. Sein Gastkommentar zum Ebertplatz.

Der Ebertplatz ist einer der wichtigsten öffentlichen Plätze und zudem zentraler Verkehrs-Knotenpunkt der Stadt Köln. Damit ist er ein Aushängeschild für das Ansehen der Stadt und ihrer Einwohner. Insofern sind die Negativ-Meldungen, die sich um den Ebertplatz häufen, mehr als ein Warnzeichen. „Drogen-Hotspot“, „Schandfleck“, „No-Go-Zone“ und „zombieapokalyptisches Umfeld“ – dies sind nur einige der Schlagzeilen, die beinahe täglich in lokalen, aber auch überregionalen Zeitungen sowie in sozialen Medien erscheinen.

Wer den Platz betritt, muss damit rechnen von Dealern bedrängt zu werden. Drogengeschäfte werden auch tagsüber ungeniert abgewickelt und Rauschgift konsumiert – selbst vor den Augen von Kindern. Der Weg zur U-Bahn gleicht so einem Spießrutenlauf. Viele Eltern begleiten ihre Kinder zur Bahn, weil ihnen der Schulweg zu gefährlich ist. In einer „Express“-Umfrage gaben jüngst neun von zehn Personen an, dass sie sich am Ebertplatz nicht sicher fühlen und sich dort nachts nicht aufhalten wollen. Stadt und Polizei nennen den Platz offiziell einen „Angstraum“.

Jüngst hatte ich anlässlich einer Konferenz internationale Gäste in umliegenden Hotels untergebracht. Nachdem einige von ihnen die U-Bahnstation Ebertplatz benutzt hatten, äußerten sie sich mir gegenüber sehr überrascht und entsetzt, insbesondere da sie solche Verhältnisse in Deutschland nicht ansatzweise vermutet hätten.

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Die negative Wahrnehmung des Ebertplatzes verstetigt sich und zieht weitere Kreise. Diskreditierende Medienberichte und Kommentare bleiben im Internet dauerhaft präsent und verursachen einen immensen Reputationsschaden für die ganze Stadt. Das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit der Kölner Politik schwindet – nicht nur in den Augen der Einwohner, sondern auch bei Touristen, Wirtschaftsvertretern oder potenziellen Investoren.

Als jemand, der sich beruflich mit dem Thema Reputation und ihren enormen wirtschaftlichen Folgen beschäftigt, bin ich erstaunt, dass die Kölner Stadtverwaltung dieser unzumutbaren und über Köln hinaus rufschädigenden Situation nicht schnellstmöglich und entschlossen mit geeigneten Maßnahmen begegnet.

Kölner Ebertplatz: Sicherheitsdefizite wirken sich deutlich negativ aus

Den Äußerungen städtischer Verantwortlicher lässt sich jedenfalls nichts Gegenteiliges entnehmen. In der jüngsten Versammlung des Bürgervereins Eigelstein bekräftigten sie, dass sinnvolle Schritte wie die ständige Präsenz von KVB-Sicherheitsteams an der besonders betroffenen U-Bahnhaltestelle aufgrund klammer Kassen nicht realisierbar seien und dass kurzfristig auch nicht mit baulichen Verbesserungen zu rechnen sei.

Nach aktuellem Stand soll in den nächsten zwei Jahren eine „Vorqualifikation des Planungsverfahrens für die langfristige Umgestaltung“ des Ebertplatzes erarbeitet werden. Die europaweite Ausschreibung soll dann im Jahr 2026 erfolgen. Erfahrungsgemäß dürfte es danach noch viele weitere Jahre dauern, bis die dringend erforderlichen Umbauarbeiten am Ebertplatz realisiert sind. Bei allem Verständnis für notwendige Bürokratie: Das ist viel zu spät!

Aus empirischen Studien geht hervor, dass die wahrgenommene Sicherheit ein zentraler Faktor dafür ist, wie Menschen ihren Wohnort als Ganzes bewerten. Sicherheitsdefizite wirken sich deutlich negativ auf den wirtschaftlichen Erfolg aus, insbesondere weil Touristen, Top-Arbeitskräfte mit ihren Familien sowie Gewerbetreibende einen möglichst großen Bogen um unsichere Gegenden machen.

Ein Beleg hierfür ist eine Aussage des Geschäftsführers der „Kölner Weinwoche“, dass er sich für die Durchführung der jährlichen Premium-Veranstaltung einen „wertigen Rahmen“ wünsche und und sich unter anderem deshalb eine Verlegung vom Heumarkt zum Ebertplatz oder ans Rheinufer „nicht vorstellen“ könne.

Die negative Reputation, die vom Ebertplatz ausstrahlt, schadet aber nicht nur dem lokalen Geschäftsumfeld und der wirtschaftlichen Entwicklung Kölns insgesamt. Sie untergräbt auch die Bemühungen der Stadt, eine inklusive und lebenswerte Umgebung für alle ihre Bewohner zu schaffen.

Neben ökonomischen und soziokulturellen Herausforderungen gibt es auch eine politische Komponente: Sollten die Kölner Bürger weiterhin das Gefühl haben, dass auf dem Ebertplatz und in seiner Umgebung – oder auch an anderen neuralgischen städtischen Orten – ein Sicherheitsvakuum besteht, dürfte „Sicherheit“ ein zentrales Wahlkampfthema bei der im Herbst nächsten Jahres anstehenden Kölner Kommunalwahl werden. Dass das Thema vermutlich auch von extremistischen Parteien dankbar mit populistischen Parolen aufgegriffen wird, liegt nahe.

Die Kölner Stadtverwaltung sollte also allen Anlass zur Sorge haben und deutlich machen, mit welcher Strategie und mit welchen konkreten Maßnahmen sie dem mittlerweile desaströsen Renommee des Ebertplatzes und seiner unmittelbaren Umgebung gegensteuern will.

Wie könnten und sollten die Verantwortlichen vorgehen? Entscheidend ist es, die akute Situation am Ebertplatz deutlich höher zu priorisieren als bisher und zusammen mit allen Akteuren eine schlüssige, ganzheitliche Strategie zu verfolgen. Die große Herausforderung besteht darin, Sicherheitsbedenken ernst zu nehmen, sie effektiv zu adressieren und gleichzeitig mit integrativen, belebenden Projekten die kulturelle und soziale Revitalisierung des Ebertplatzes voranzutreiben. Dies erfordert konzertierte ganzheitliche Anstrengungen im sozialen, städtebaulichen und kulturellen Bereich.

Kölner Ebertplatz: Geplanten Umbau deutlich schneller realisieren

Auf sozialer Ebene sollte das Hauptaugenmerk auf einer zeitgemäßen und ganzheitlichen Strategie gegenüber der ausufernden Drogenszene liegen. Die Großstädte München und Zürich sind beispielsweise vergleichbaren Drogenproblemen erfolgreich mit der „Viersäulen-Strategie“ begegnet. Diese beinhaltet umfassende, koordinierte und aufeinander aufbauende Maßnahmen im Bereich Prävention, Therapie, Schadensminderung und Repression.

Aus städtebaulicher Perspektive sollten die Stadt alles dafür tun, den geplanten Umbau deutlich schneller zu realisieren als vorgesehen. Falls dies nicht möglich ist, wäre hier die konsequente Umsetzung provisorischer Zwischenlösungen denkbar, welche den Ebertplatz und die U-Bahnunterführung zu einem deutlich sichereren, helleren und damit einladenden zentralen Ort machen.

Auf kultureller Ebene könnte im Verbund mit den Anwohnern, dem Bürgerverein Eigelstein und anderen wichtigen gesellschaftlichen Gruppen ein tragfähiges und von allen Seiten akzeptiertes Konzept entwickelt werden, welches die vielen Möglichkeiten, die der Ebertplatz bietet, durchdacht nutzt. Beispielhaft hierfür ist der Rathenauplatz, der mithilfe auch von engagierten Anwohnern heute wieder zu den attraktivsten Plätzen der Stadt gehört. Ziel muss es sein, den Ebertplatz mit seinem Potenzial wieder zu einem einladenden, sicheren und dynamischen Teil Kölns zu machen: vom Angstraum zu einem attraktiven Lebensraum.

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Markus Renner, geboren 1964, ist Hochschuldozent und Berater für Reputations- und Markenmanagement sowie Vorsitzender der International Brand & Reputation Community (INBREC). Der promovierte Wirtschaftspsychologe war als Kommunikationsmanager u.a. bei der Bayer AG in Leverkusen und bei der der Novartis AG in Basel in leitender Position beschäftigt. Er lebt in seiner Geburtsstadt Köln.

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