Beim wohl größten Waldbrand in der Geschichte NRWs kämpften Andreas Reifferscheidt und Dennis Richmann in vorderster Front gegen die Flammen. Sie schildern, wie knapp der Einsatz verlief.
Kölner verteidigten Gey vor FlammenFeuerwehrmänner schildern dramatischen Einsatz im Hürtgenwald

Landesweit waren zeitweise bis zu 1.800 Einsatzkräfte parallel im Hürtgenwald aktiv, unterstützt von Hubschraubern der Bundespolizei, der Landespolizei und der Bundeswehr sowie Bergepanzern.
Copyright: Stephan Johnen/KNA
Es waren vielleicht zehn Sekunden, die zwischen Leben und Albtraum lagen: Andreas Reifferscheidt hatte gerade den Funkspruch zum taktischen Rückzug an seine Einsatzkräfte im Wald gegeben. Die Flammen kamen dem technischen Leiter der Feuerwehr Köln und seinem Team gefährlich nahe. „Alles liegen lassen und raus!“, befahl er. Die Feuerwehrleute ließen ihre Ausrüstung zurück und rannten zu ihren Fahrzeugen. Am nächsten Morgen fanden die Einsatzkräfte ihr Schlauchmaterial und die Wasserbehälter wieder – die Feuerwalze war genau über die Stelle gelaufen, an der die Einsatzkräfte kurz zuvor noch gestanden hatten.
„Ich guckte hoch und sah oben diesen Waldkamm rot glühend im nächtlichen Himmel“
Es ist eine der Szenen aus dem größten Waldbrand der nordrhein-westfälischen Geschichte, die zwei Kölner Einsatzleiter noch lange begleiten werden: Dennis Richmann, Bereitschaftsführer der Feuerwehr Köln, und sein Stellvertreter Andreas Reifferscheidt waren gemeinsam im Hürtgenwald im Einsatz – in der Nacht auf Freitag und erneut von Samstag auf Sonntag. Der Brand griff rasch auf eine Fläche von rund 300 Hektar über – etwa 420 Fußballfelder. Im Gespräch mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ schildern sie, wie sie dazu beitrugen, mit ihren Kräften den Ortsteil Gey in der entscheidenden Nacht vor dem Feuer zu bewahren.

Dennis Richmann ist Bereitschaftsführer der Feuerwehr Köln
Copyright: Feuerwehr Köln
Reifferscheidt war am Donnerstagabend als Vorauskommando gut anderthalb Stunden vor den nachrückenden Löschzügen vor Ort, um die Lage zu erkunden. Als sein Fahrer auf dem Weg zum Einsatzort um eine Kurve bog, öffnete sich der Blick auf ein Tal und den dahinterliegenden Höhenzug. „Ich guckte hoch und sah oben diesen Waldkamm rot glühend im nächtlichen Himmel“, erinnert sich Reifferscheidt. „So etwas habe ich noch nicht gesehen. Da war uns allen klar: Das wird hier länger dauern, und wir sind nicht vor morgen früh zu Hause.“

Andreas Reifferscheidt von der Feuerwehr Köln war im Hürtgenwald im Einsatz.
Copyright: Alexander Schwaiger
Auch Dennis Richmann, der mit den nachrückenden Kölner Löschzügen und den weiteren Einheiten nach Landeskonzept über denselben Hügel fuhr, wusste sofort: Das ist keine gewöhnliche Lage. „Am Donnerstagabend breitete sich das Feuer extrem schnell aus“, erzählt er. „Manchmal hat man sich zur Seite gedreht, und wenn man wieder zurückschaute, stand der Teil, den man gerade noch gesehen hatte, in Flammen.“
Er schildert einen der kritischsten Momente der ersten Nacht: Ein Einsatzabschnitt, den die beiden kurz zuvor noch selbst erkundet hatten, wurde vom Feuer überlaufen. Dennis Richmann fuhr los, um sich selbst ein Bild zu machen – und wurde von Kölner Kollegen empfangen, die riefen: „Da oben brennt alles. Wir haben keinen Kontakt mehr zu den anderen Einsatzkräften.“ Erst auf dem Rückweg zur Einsatzleitung kam die erlösende Nachricht: Alle Kräfte waren vollzählig, niemand kam zu Schaden.
Munition und Bäume, die explodierten
Was den Einsatz zusätzlich gefährlich machte: Der Hürtgenwald gilt als munitionsbelastetes Gebiet aus dem Zweiten Weltkrieg. Immer wieder hörten die Einsatzkräfte während ihrer Erkundungsfahrten dumpfe Explosionen aus dem Wald – mal eine Fichte, die durch die Hitze zerbarst, mal Munition, die durch die Gluthitze detonierte. Deshalb galt für alle ein strikter Grundsatz: die Wege nicht verlassen. Ein aktives Eindringen in den Wald zur Brandbekämpfung war aufgrund der Munitionsbelastung in dieser Nacht nicht möglich – Löscharbeiten fanden von befestigten Wegen und ab dem Morgen auch aus der Luft statt.
Die Hauptaufgabe der Einsatzkräfte aus Köln und Rhein-Erft bestand im weiteren Verlauf des Einsatzes darin, den Ortsteil Gey vor den Flammen zu verteidigen. Dennis Richmann und Andreas Reifferscheidt empfahlen der örtlichen Einsatzleitung und dem Landrat schließlich, Gey vorsorglich zu evakuieren – wohlwissend, wie aufwendig und kräftezehrend eine solche Evakuierung mitten in der Nacht sein würde. Die Situation war besorgniserregend, schildern sie: „Das Feuer stand zum Schluss nur rund 200 Meter vor Gey“, so Reifferscheidt. Der Wind hatte sich gedreht, einige Häuser stehen unmittelbar am Waldrand, einzelne Bäume reichen bis an die Dächer heran. Um etwa vier Uhr in der Nacht auf Freitag wurde beschlossen, die rund 1800 Bewohner des Ortsteils Gey zu evakuieren; die Entscheidung der Einsatzleitung fiel ohne ein Zögern.

Der Brand griff rasch auf eine Fläche von rund 300 Hektar über – etwa 420 Fußballfelder.
Copyright: Sascha Thelen/dpa
Um den Ort zu schützen, griffen die Einsatzkräfte zu einem Mittel, das keiner der beiden Kölner zuvor im Einsatz erlebt hatte: Sie bekämpften im wahrsten Sinne des Wortes das Feuer mit Feuer. Gemeinsam mit den Waldbrandexperten der privaten Organisation „@Fire“, die internationale Erfahrung mit Vegetationsbränden mitbrachten, legten die Einsatzkräfte an einem Hang, an dem das Feuer drohte, in Richtung Ort hinabzulaufen, gezielt ein Gegenfeuer hangaufwärts. „Feuer läuft hangabwärts langsamer als hangaufwärts, wenn es nicht windgetrieben ist“, erklärt Dennis Richmann das Prinzip. Weil das Gegenfeuer dem eigentlichen Brand die Nahrung nahm, kam das Feuer auf der Kammspitze zum Stehen.
Nach fast 24 Stunden im Einsatz wurden Dennis Richmann und Andreas Reifferscheidt am Freitag gegen 15 Uhr abgelöst – richtig aufatmen habe man aber erst können, als Hubschrauber zur Unterstützung eintrafen und der Wind sich zugunsten der Einsatzkräfte drehte.

Die Bewohner der Ortschaft Gey dankten den Rettungskräften für den Einsatz im Waldbrandgebiet im Hürtgenwald mit einem Transparent mit der Aufschrift „Wir sagen Danke für alles“.
Copyright: Christian Knieps/dpa
Am Samstagabend fuhren beide erneut in den Hürtgenwald, diesmal unter deutlich entspannteren Bedingungen: Statt offener Flammen sahen sie nur noch vereinzelten Rauch. Ihre Aufgabe in dieser zweiten Nacht: mit einer wärmebildkameraausgestatteten Drohne gezielt nach Glutnestern suchen, etwa in einem durchgeglühten Baumstumpf, um ein erneutes Aufflammen zu verhindern.
Insgesamt waren nach Angaben der Feuerwehr Köln über den gesamten Einsatzzeitraum 275 Einsatzkräfte aus Köln im Einsatz. 95 Prozent von ihnen gehören der Freiwilligen Feuerwehr an. An den beiden Einsatznächten waren Reifferscheidt und Dennis Richmann nach eigenen Angaben zeitweise die einzigen hauptamtlichen Feuerwehrbeamten aus Köln in ihrem Abschnitt – der Rest wurde von freiwilligen Kräften gestellt. „Ohne ehrenamtliche Einsatzkräfte wäre dieser Einsatz gar nicht möglich gewesen – nicht mit diesem Erfolg“, sagt Reifferscheidt.
