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Mein Veedel
„Ein Veedel, das man in der Innenstadt so gar nicht vermutet“ – unterwegs mit den Kuckelkorns

5 min
Eine Frau und ein Mann lächeln in die Kamera.

Katia und Christoph Kuckelkorn zeigen ihr Gereonsviertel.

Das Kölner Ehepaar Katia und Christoph Kuckelkorn ist dem Gereonsviertel eng verbunden, schätzt seine Geschichte und die kirchlichen Prozessionen.

Durch die Geschäftsräume des Bestattungsinstituts Christoph Kuckelkorn an der Zeughausstraße klingt ein Lachen, als Katia hereinkommt. Was gleich ansteht ist ausdrücklich keine Exkursion mit dem Bestatter oder dem Präsidenten des Festkomitees Kölner Karneval und der 45-jährigen, gebürtigen Brasilianerin, die im Bundesverwaltungsamt in der IT-Abteilung arbeitet. Es ist ein privater Spaziergang durch das Gereonsviertel mit dem Ehepaar Kuckelkorn. Die beiden haben im Jahr 2018 geheiratet.

Wir verlassen das Beerdigungsinstitut über die Steinfeldergasse und stehen bezeichnenderweise auf einem alten Friedhof. Hier in der Altstadt ist man unweigerlich mit der Stadtgeschichte verbunden. „Weil hier früher ein römischer Friedhof war und die Felder viele Steine hatten“, erklärt Kuckelkorn den Straßennamen.

Eine Skulptur im Gereonsdriesch mit Mariensäule. Daneben stehen eine Frau und ein Mann und lächeln in die Kamera.

Katia und Christoph Kuckelkorn posieren am Steinkopf des heiligen Gereon im Gereonsdriesch.

Verwurzelung im Veedel

In fünfter Generation leitet er das Bestattungshaus. Mit dem Päffgen, den Sartory-Sälen, der Bäckerei Zimmermann und dem Buchladen Roemke gehört seine Familie zu den alten Traditionsunternehmen des Veedels. Den Kuckelkorns gibt das ein gutes Gefühl. „Man kennt sich seit vielen Generationen, Grundschulfreunde leben immer noch hier. Es ist ein Veedel, das man in der Innenstadt vielleicht so gar nicht vermutet“.

Eine feste Anlaufstelle für die beiden ist die Kirche St. Gereon. Den Gereonsdriesch empfiehlt Ehefrau Katia als Geheimtipp. Gleich neben der romanischen Kirche befindet sich der kleine Stadtpark, in dem der Kopf des heiligen St. Gereon vor der Mariensäule liegt. Kurz unternehmen die beiden, die gerne Händchen haltend durch die Stadt schlendern, einen Abstecher auf die Mitte der Gereonstraße. Die Sicht, die man von hier auf den Dom hat, erinnert sie an die Kathedrale in ihrer Heimat São Paulo, die ihrer Meinung nach dem hiesigen Dom nachempfunden wurde. „Hier hat man ein Feeling von Großstadt.“

Rund um St. Gereon, hier fanden Christophs Taufe, Kommunion und Firmung statt, gibt es viel zu entdecken. Die Kirche säumt eine der wenigen Innenstadtfriedhöfe. Nebenan liegt der Kindergarten, der heute die bilinguale Kita Casa Italia beherbergt, in den Kuckelkorn einst ging und jetzt sein Enkelkind. „Alles ist hier eng miteinander verbunden“, erklärt er und erzählt von einer echten, kölschen Liebesgeschichte. Einmal im Jahr ziehen in einer Prozession die beiden Stadtpatrone, St. Gereon und St. Ursula, zueinander. Die Prozession wird von zahlreichen Gläubigen und Vertretern der Stadtgesellschaft begleitet.

Eine Frau und ein Mann zünden Kerzen in einer Kirche an.

Für Katia Kuckelkorn ist die Pietà in St. Gereon die zweitschönste nach Rom. Eine Kerze vor der Pietà in St. Gereon anzuzünden, gehört für die Kuckelskorns dazu.

Der Duft der Kindheit

Die Kirche ist für die beiden ein spiritueller Ort. Katia geht dreimal die Woche dorthin, zündet eine Kerze an, vor der Pietà, die sich in der neoromanischen Kapelle von 1897, in der Vorhalle befindet. Für sie ist es die schönste bildliche Darstellung Marias mit ihrem toten Sohn nach der im Petersdom. „Ich muss da einfach hin und seit Christophs Vater gestorben ist, gehe ich mit noch mehr Gefühl.“

Jeden Abend machen die beiden einen Spaziergang. Mal herunter zum Rhein, die Ringe entlang oder in den Stadtgarten mit seinem alten Baumbestand. An dem Tag geht es zunächst vorbei am ehemaligen Stadtarchiv, das jetzt ein Hotel ist, zu den Brunnen im Gereonshof, dem Gerling-Viertel, einem beliebtem „Instagram Hotspot“. Früher, so erinnert sich Kuckelkorn, stand hier immer ein großer Weihnachtsbaum. „Da wusste ich, dass Weihnachten kommt.“

Auch das Päffgen gehört zu den Flashbacks in seine Jugend. „Wenn hier früher gebraut wurde, hat man das auf dem Schulhof gerochen.“ Die Grundschule lag damals auf der Friesenstraße. Heimat pur für den 61-Jährigen, der den Geruch noch heute liebt. Kölsch als Sprache hat Kuckelkorn als Kind nicht gelernt. Das galt als Gossensprache. Bei ihr galt in der Jugend dasselbe für den Samba.

Auf der Gereonstraße stehen ein Mann und eine Frau und lächeln in die Kamera. Im Hintergrund ist der Dom zu sehen.

Der Blick auf den Dom von der Gereonstraße erinnert Katia, die Brasilianerin, an die Kathedrale ihrer Heimatstadt São Paulo.

Stadtliebe mit Schattenseiten

„Man lebt extrem ruhig, aber wir haben hier fußläufig Zugang zu Einkauf und Kultur. Das ist einmalig“, schwärmen die bekennenden Stadtmenschen. Theater und Museen sind für sie ein Kraftquell. „Wenn wir Urlaub machen, dann in Städten.“ Was an der Stadt stört? „Vieles dauert zu lange“, sagt Kuckelkorn und spricht etwa über die Trauerhalle auf Melaten. „Da hat noch nicht einmal die Ausschreibung für die Schadensermittlung stattgefunden. Zwei Jahre leben wir mit einem Zelt.“ Das Wirken der vielen Familien beeindruckt ihn in seiner Aufgabe als Bestatter. „Es schockt mich jedes Mal, wie viel Wissen mit einem Menschen geht, wenn er stirbt. Wenn alle Menschen ihre Erfahrungen weitergeben würden, gäbe es keine Kriege“, ist der erfahrene Bestatter überzeugt.

Über das ehemalige Gerling-Viertel, heute Wohn- und Büroviertel, geht es über den Klapperhof auf die Friesenstraße. Vom Nachtleben mit Rotlichtviertel habe sich das Viertel extrem gewandelt. Ein kurzer Blick ins Päffgen, die letzte Brauerei, die noch aus dem Fass ohne Leitung zapft, ist der erste Halt auf der Straße seiner Kindheit. Das Stammhaus der Kuckelkorns war früher dort, wo jetzt der Irish Pub Jameson ist. Die Schreinerei war sein Abenteuerspielplatz als Kind. Der Ausgang von der Werkstatt war dort, wo heute die Brunnen sind.

„Mir schenke der Ahl e paar Blömcher“ war gerade rausgekommen, als er zum ersten Mal mit der Kindergruppe auf der Bühne in den Sartory-Sälen stand. Der Gürzenich sei genauso sein Zuhause. In den Sartory-Sälen besuchte er sein erstes Konzert, Shakin’ Stevens. Heute moderiert er hier die Blindensitzung. Der Karneval an sich ist in seinen Augen vielfältiger geworden. „Man muss sich genauer informieren, um in das richtige Format zu laufen.“ Von Verboten hält er wenig. Wenn Feiernde zum Straßenkarneval extra in die Stadt kämen, müssten entsprechende Angebote gemacht werden. Und wo die beiden sich kennengelernt haben, ist fast vorhersehbar. Natürlich im Karneval.


Tipps der Kuckelkorns:1. Das Dreigestirn der Bäcker: Zimmermann, Ehrenstraße, Balkhausen Apostelnstraße, Bastians Auf dem Berlich2. Das Gastronomie-Dreigestirn: Casa die Modica am Friesenwall, Päffgen an der Friesenstraße, Bieresel Breite Straße.3. Gereonsdriesch