Der heutige Südstadt-Campus der TH Köln war im Dritten Reich Sitz der Gauleitung. Das merkte man auch an der Gestaltung des Treppenhauses.
Köln früher und heuteWelche Rolle der Südstadtcampus der TH im Dritten Reich spielte

Blick in das Treppenhaus der damaligen Gauleitung in der Südstadt: Unter dem Porträt Adolf Hitlers befand sich eine Gedenk- und Weihestätte für ums Leben gekommene Nationalsozialisten, die auch den Löwenbrunnen umfasste.
Copyright: Titelblatt „Rheinische Blätter“ 1937/Foto: Ruth Hallensleben
Der neue Wind wehte auch im Treppenhaus. Ein großes Porträt Adolf Hitlers begrüßte die Besucher des „Gauhauses“ und am Fuße des „Führers“ eine Art Altar der nationalsozialistischen Bewegung mit Reichsadler und Hakenkreuz. Gauleiter Josef Grohé, ab 1934 Hausherr an der Claudiusstraße, setzte unverkennbar seine Duftmarke.
Wo sich heute der Südstadt-Campus der Technischen Hochschule (TH) befindet, war früher die NSDAP-Gauleitung Köln-Aachen zu Hause. Dass die „braune“ Vergangenheit des herrschaftlichen Gebäudes gut recherchiert ist, ist auch dem früheren TH-Präsidenten Joachim Metzner zu verdanken. Er fing in den 1990er Jahren an, dieses unbequeme Kapitel zu erforschen und ins öffentliche Bewusstsein zu heben. „Als wir dort in den 1980er Jahren einzogen, habe ich festgestellt, dass viele Leute relativ viel wussten, aber wenig darüber geredet haben“, so der 82-Jährige. Sowohl die von nationalsozialistischen Studentenverbänden organisierte Bücherverbrennung direkt neben dem TH-Gebäude als auch seine Funktion als Gauleitung zwischen 1934 und 1944 seien kaum thematisiert worden.

Mehrere Jahrzehnte war der Löwenbrunnen im Treppenhaus der Technischen Hochschule unter Treppenstufen versteckt, bis er wiederentdeckt und saniert wurde.
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Errichtet wurde der schlossähnliche Komplex 1907 für die Städtische Handelshochschule nach einem Entwurf von Ernst Friedrich Vetterlein. Die vierflügelige Anlage mit 5500 Quadratmetern Grundfläche präsentierte sich vor allem zum Rheinauhafen und zum angrenzenden Römerpark äußerst repräsentativ. Dass an nichts gespart wurde, zeigte sich unter anderem im Treppenhaus, wo ein Ölgemälde Kaiser Wilhelms II. hoch zu Ross zur Erstausstattung gehörte. Darunter plätscherte ein Zierbrunnen mit einer von Säulen getragenen Brunnenschale und einem wasserspeienden Löwenkopf.
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Löwenbrunnen wurde zum Altar
Als nach dem Ersten Weltkrieg die Uni wiedergegründet wurde, ging die Städtische Handelshochschule darin auf. 1934 folgte der Umzug in einen Neubau in Lindenthal, wo sich die Uni noch heute befindet. Die Räume an der Claudiusstraße nahm die NSDAP-Gauleitung in Beschlag. Die Nazi-Partei, bisher an der Mozartstraße zu Hause, hatte nun ein Domizil, das nach der Machtergreifung ihrem Selbstbewusstsein entsprach. Die Gauleitung bestand aus einem Wust von Ämtern und Dienststellen, die den Alltag der Kölner maßgeblich bestimmten und die Stadtverwaltung ideologisch beeinflussten. „Die Kölner nannten das Gebäude auch Bienenkorb, weil da so ein Gewimmel herrschte“, sagt Joachim Metzner. Folterungen und Inhaftierungen wie im Gestapo-Gefängnis im EL-DE-Haus habe es seines Wissens nach nicht gegeben: „Das war ein Haus der Schreibtischtäter, die schlimmen Dinge haben sich woanders abgespielt.“
Der Löwenbrunnen war der emotionale Teil im Behördenapparat. Er wurde zu einem Altartisch umfunktioniert, seine Umgebung zur Gedenk- und Weihestätte für gewaltsam ums Leben gekommene Nationalsozialisten. An der Rückwand der Brunnennische hingen schwarze Tafeln mit den Namen von 15 umgekommenen Parteigenossen. „Auf diese Weise bekam das Zentrum des Gebäudes einen pseudoreligiösen, gruftähnlichen Charakter“, so Joachim Metzner. Für normale Besucher war dieses Treppenhaus versperrt, nur wichtige Personen durften es zwecks Totenehrung betreten, darunter natürlich Gauleiter Josef Grohé und seine Entourage. Bei feierlichen Anlässen hielten Posten der SS Ehrenwache, während Feuerschalen aus Bronze brannten.
Warum die Gedenkstätte 1938 aufgelöst und der Brunnen unter einer massiven Steintreppe verschwand, kann Metzner nur mutmaßen. Da in dieser Zeit auch andere Räume analog zum sachlichen Stil der „Neuen Reichskanzlei“ in Berlin umgestaltet wurden, vermutet er, dass Grohé damit eine Zeitenwende einläutete. „Die Botschaft lautete, dass die Kampfzeit der Partei mit Saal- und Straßenschlachten vorbei ist und ab jetzt selbstsicher repräsentiert und regiert wird.“ Auf diese Weise habe auch das Treppenhaus eine ideologische Umdeutung erfahren.
Freilegung erst 2019
Heute ist der Löwenbrunnen wieder zu sehen, nachdem er fast 80 Jahre versteckt war. Hausmeister Karl-Theo Thelen kannte noch Erzählungen von verborgenen Kammern und Gängen des Gebäudes und überzeugte Joachim Metzner vor einigen Jahren, einmal genauer hinzusehen. Steinmetze, die zufällig in der TH arbeiteten, wurden gebeten, das Treppenhaus mit einer Spezialkamera abzusuchen: „Und, siehe da, auf dem Bildschirm erschien der Löwenbrunnen wieder“, so Metzner. Wobei die Brunnenschale und der Löwenkopf nicht mehr erhalten waren.
Die Freilegung und Sanierung der Brunnenanlage dauerte vier Jahre und war 2019 abgeschlossen. An der Stirnwand hängt nun ein Porträt von Unternehmer Gustav von Mevissen, der sich einst finanziell und ideell für die Handelshochschule eingesetzt hatte. Wichtig sei ihm vor allem gewesen, den ursprünglichen Zustand des Treppenhauses wiederherzustellen, sagt Joachim Metzner. Was die Nazis einst daraus machten, will die TH im Laufe dieses Jahres in einer Broschüre darstellen.
Wer weitere Informationen zur Geschichte der TH und ihrer Vorgängereinrichtungen sucht, kann sich an das Hochschularchiv der TH wenden.
https://www.th-koeln.de/hochschule/historisches-archiv_7758.php

