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AnwohnerversammlungGroßer Widerstand gegen geplantes Suchthilfezentrum im Pantaleonsviertel

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12.01.2026, Köln: Andreas Zittlau, Vorstandsvorsitzender der IG Pantaleonsviertel, spricht bei der Anwohnerversammlung der IG Pantaleonsviertel zum Thema ‚Widerstand gegen geplantes Drogenkonsumzentrum im Wohnviertel‘ in der Aula des Berufskollegs am Perlengraben in Köln. Foto: Thilo Schmülgen

Andreas Zittlau, Vorstandsvorsitzender der IG Pantaleonsviertel, spricht bei der Anwohnerversammlung der IG Pantaleonsviertel zum Thema ‚Widerstand gegen geplantes Drogenkonsumzentrum im Wohnviertel‘ in der Aula des Berufskollegs am Perlengraben in Köln.

Die Stadt Köln plant ein Suchthilfezentrum im Pantaleonsviertel. Die Anwohnenden fühlen sich „überrumpelt“.

Der Widerstand gegen das geplante Suchthilfezentrum im Pantaleonsviertel wächst rasant. Das zeigte am Montagabend die Anwohnerversammlung, die zu der kürzlich gegründeten IG Pantaleonsviertel ins Berufskolleg am Perlengraben eingeladen hatte. Allein die Zahl der Besucher und Besucherinnen sprach für sich. Knapp 500 saßen und standen am Anfang in der Aula, etwa 200 konnten wegen Überfüllung nicht ins Gebäude gelassen werden. Die Unmut, die sich drinnen entlud, war so einhellig, dass IG-Vorsitzender Andreas Zittlau zum Schluss sagte, er habe mit mehr „Gegenstimmen“ gerechnet.

Wer sich nicht getraut habe, eine abweichende Meinung zu äußern, möge sich im Nachgang melden: „Sprecht mit uns. Wir möchten die Demokratie im Viertel fördern.“ Die eindrücklichste Gegenstimme hatte Ordensschwester Christina von der katholischen Obdachlosenhilfe „Gubbio“ hören lassen. Sie könnte die Sorgen der Anwohnerschaft verstehen, sagte sie: „Aber ich frage mich: Wo sollen die Obdachlosen und Drogenabhängigen hin, wenn es nicht irgendwo einen Drogenkonsumraum gibt, wo sie ordnungsgemäß betreut werden?“

Kaum hatte die Stadt am 19. Dezember ihren Plan mit Angabe des Standorts mitgeteilt, starteten Anwohnende eine Online-Petition dagegen. Mittlerweile hätten über 5000 Menschen unterschrieben, sagte Vorstandsmitglied Simone-Chantal Büttgenbach. Auch an höherer Stelle findet der Protest Gehör: Zittlau sagte, Oberbürgermeister Torsten Burmester habe ihn für kommenden Freitag zu einem persönlichen Gespräch eingeladen.

Finanzierung für Suchthilfezentrum noch offen

Das geplante Suchthilfezentrum ist eines von zwei derartigen Einrichtungen, die im Linksrheinischen geschaffen werden sollen. Eine dritte soll rechtsrheinisch entstehen. Sie alle sind Bestandteile des Kölner Suchthilfekonzepts, das die Verwaltung weiterentwickelt. Dies sei nötig, weil sich die Probleme mit der offenen Drogenszene zugespitzt haben, besonders auf dem Neumarkt. Hauptgrund sei, dass der Konsum von Crack, der die Süchtigen schneller verelenden lasse, stark zugenommen habe. Mit der neuen Einrichtung „können wir suchtkranken Menschen noch besser helfen“, so Burmester. „Gleichzeitig verfolgen wir damit das Ziel, den öffentlichen Raum um den Neumarkt endlich zu entlasten.“

Der Festlegung auf den Standort für das Suchthilfezentrum in der Altstadt-Süd ist laut Verwaltung eine intensive Prüfung von Flächen und Gebäuden vorausgegangen. Voraussetzungen seien gewesen, eine Fläche in einem Umkreis von einem Kilometer Entfernung zum Neumarkt zu finden, Abstände zu Kinder- und Jugendeinrichtungen einzuhalten und Anwohnende möglichst wenig zu belasten, etwa durch Ausgestaltung der Zugangswege. Das begrünte Grundstück am Perlengraben/Wilhelm-Hoßdorf-Straße ist in städtischem Besitz. Geprüft werden die Möglichkeiten einer Fertigbauweise im Modul- oder im Containerbau.

12.01.2026, Köln: Plakate gegen das Drogenkonsumzentrum hängen an Wohnhäusern nahe des geplanten Standort Perlengraben/Wilhelm-Hoßdorf-Straße in Köln. Hunderte Interessierte kommen zur Anwohnerversammlung der IG Pantaleonsviertel zum Thema ‚Widerstand gegen geplantes Drogenkonsumzentrum im Wohnviertel‘ in der Aula des Berufskollegs am Perlengraben in Köln. Foto: Thilo Schmülgen

Plakate gegen das Drogenkonsumzentrum hängen an Wohnhäusern nahe des geplanten Standort Perlengraben/Wilhelm-Hoßdorf-Straße in Köln.

Die Finanzierung ist noch ungeklärt. In der Einrichtung mit 24-Stunden-Betreuung sollen abhängige Menschen zum einen Drogen konsumieren und sich zum anderen nach dem Vorbild des „Zürcher Modells“ aufhalten, duschen und mit Sozialarbeitern austauschen können. Zudem wird erwogen, den „Mikrohandel“, also das Dealen mit geringfügigen Rauschgiftmengen, zu dulden. Über den Plan soll der Stadtrat in seiner Sitzung am 5. Februar entscheiden. Nach dem Willen der Stadt soll die Einrichtung noch in diesem Jahr den Betrieb aufnehmen.

Zittlau betonte, die IG sei nicht auf „Krawall“ aus, sondern wolle sich als „sachlicher Gesprächspartner“ anbieten. Das ändere nichts an der Auffassung, dass die Fläche mitten in einem Wohngebiet ungeeignet sei. Die IG habe bereits eine Anwaltskanzlei eingeschaltet, um den Klageweg vorzubereiten. Nach deren Einschätzung sehe es „juristisch ganz gut aus“. Bei allem betonte der Vorsitzende, dass sich der Protest nicht  gegen die „schwerkranken Menschen“ richte. Es seien „arme Leute“, die Hilfe bräuchten. Doch sei es nicht Aufgabe der IG, alternative Standorte zu suchen.

Viele Einwände aus dem Publikum

Die Einwände des Vorstands und aus dem Publikum gegen die Entscheidung der Stadt schienen bei der Versammlung schier endlos. Diese habe die Anwohner und Anwohnerinnen überrumpelt, statt sie zeitig einzubinden. Im Viertel gebe es eine Kita, mehrere Kindertagespflegestellen, Berufskollegs, und es kreuzten sich Schulwege. Die ausgesuchte Fläche werde als Spielplatz genutzt, auch wenn sich keine Geräte darauf befinden. Wie solle die Sicherheit gewährleistet werden, wo doch die ganze Stadt jetzt schon „eine einzige Drogenszene“ sei und das Ordnungsamt überfordert wirke? Sicher werde die Kriminalität zunehmen. Es werde nicht nur Drogenabhängige, die unter dem Einfluss von Crack zu Aggressivität neigten, sondern auch Dealer ins Viertel ziehen, die die Umgebung unsicher machen würden.

Mehrfach infrage gestellt wurde die Maßgabe, das Suchthilfezentrum müsse im Umkreis von einem Kilometer um den Neumarkt liegen, weil es sonst von der Szene nicht angenommen würde; Sozialdezernent Harald Rau habe sich da in etwas verbissen. Ein Mann aus Pulheim, der um den Wert seiner Immobilien im Viertel fürchtet, empörte sich: „Hier wird Kapital vorsätzlich massiv vernichtet.“ Da nach Köln viele Drogenabhängige von auswärts kämen, dürften die Kosten der Einrichtung nicht allein an der Stadt hängen bleiben, lautete weitere Kritik. Wegen der vielen Kritikpunkte und offenen Fragen forderte Zittlau, die Entscheidung im Stadtrat zu vertagen und so „den Zeitdruck aus der Sache herauszunehmen“.

Am 20. Januar um 18 Uhr veranstaltet die Stadt im VHS-Forum im Rautenstrauch-Joest-Museum einen Infoabend für die Anwohnerschaft. Der IG-Vorstand hat am Montag alle Anwesenden aufgerufen, daran teilzunehmen und ihrem Protest Ausdruck zu verleihen.