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Umschulung trotz Traumjob
Erzieherinnen und Erzieher bringen Frust und Wut auf die Straße

Lesezeit 4 Minuten
Erzieherinnen im Sozial- und Erziehungsdienst im öffentlichen Dienst beteiligen sich an einem Warnstreik der Gewerkschaft Verdi.

Mit einem Demozug liefen die Kita-Fachkräfte durch die Kölner Innenstadt.

Die Kundgebung machte erneut deutlich: Die Kita-Beschäftigten sind überlastet. Viele Eltern unterstützten den Streik.

„Wir wünschen uns Erzieher, die liebevoll, entspannt und mit Spaß an ihre Arbeit gehen können, statt erschöpft und frustriert zu sein.“ Die Mutter am Mikrofon fasste die Problematik zusammen, die etwa 1000 Menschen am Mittwochmittag auf den Alter Markt brachten. Die Erzieherinnen und Erzieher sind überlastet. Physisch, mental und finanziell. Darunter leiden auch die Kinder. Davon berichteten viele am Streiktag der Kitas.

Verdi ruft erneut zu Demo in Köln auf

Die Gewerkschaft Verdi hatte die Beschäftigten erneut zum Streik aufgerufen, um Druck auf den Bund und die Kommunen zu erzeugen und ihre Forderungen in den wochenlangen Verhandlungen durchzusetzen. Die Elternvertreter vom Jugendamtselternbeirat Köln hatten ebenso zur Demo eingeladen. Obwohl sie mit den Kindern die ersten Leidtragenden von Streiks sind, wollten die Eltern „Solidarität mit den Erzieher:innen zeigen“, so Vorstandsmitglied Melanie Simon.

Vor der Kundgebung auf dem Alter Markt zogen die Streikenden mit einem Trillerpfeifen-Konzert durch die in Schnee gedeckte Innenstadt. Vom Hans-Böckler-Platz ging es über die sogenannte „Erste-Mai-Route“ zum Alter Markt. In den Tarifverhandlungen fordern die Gewerkschafter 10,5 Prozent mehr Gehalt, mindestens aber 500 Euro. „In der Pandemie wurde noch gesagt, ihr seid systemtragend. Was hat sich seitdem verändert? Nichts!“, sagte die stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbunds, Elke Hannack, auf der Kundgebung. „So vielen Beschäftigten reicht am Ende des Monats das Geld nicht mehr.“

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Sie sprach von Erziehern wie Maximilian Zinzius aus Porz-Wahn: „Ich kann gerade so von meinem Gehalt leben. Aber am Ende des Monats frage ich mich im Supermarkt auch, ob es für die Gurke reicht, oder nicht.“ Vor seiner Stelle in Köln war er fünf Jahre in Ausbildung. Unbezahlter Ausbildung. „Ich bin noch jung. Ich gehe für meine Zukunft auf die Straße.“

Wie viele andere haben ihn die Streiks der letzten Wochen dazu veranlasst, Verdi beizutreten. Im Januar und Februar gewann die Gewerkschaft über 45.000 neue Mitglieder hinzu, hatte Verdi-Chef Frank Werneke zuletzt mitgeteilt.

„Ich kann meine Miete nicht mit Beifall bezahlen!“

Ein roter Faden, der sich durch die Reden auf dem Alter Markt zog, war am Internationalen Frauentag die besondere Rolle von Frauen in der Thematik. „Es sind vor allem die Frauen, die die Kinder betreuen müssen, die deswegen ihre schlechter bezahlten Jobs aufgeben müssen, die als Alleinerziehende besonders armutsgefährdet sind“, rief eine Mitarbeiterin des Jugendamts Porz ins Mikrofon.

Am Verdi-Streik waren auch erstmals die Hilfetelefone „Gewalt gegen Frauen“ und „Schwangere in Not“ beteiligt. Das Beratungs-Team, das ausschließlich aus Frauen besteht, ist beim Bundesamt für Familie in Köln angesiedelt. „Wir brauchen gerade in den Sozialberufen eine Zeitenwende, eine finanzielle Aufwertung dieser Jobs. Ich kann meine Miete nicht mit Beifall bezahlen!“, fasste eine Beraterin die Stimmung zusammen.

Unter dem Strich geht es vielen um mehr Anerkennung. „Wertschätzung ist der erst Schritt raus aus dem Fachkräftemangel“, hieß es auf einem rosa-blauen Plakat. Der Job sei zu unattraktiv, als dass ausreichend Auszubildende nachkommen würden, so die Argumentation auf der Bühne. Eine Erzieherin aus Leverkusen sagte dazu: „Ich bin 26, aber überlege schon, umzuschulen. Obwohl Erzieherin mein Traumberuf ist. Es geht einfach nicht mehr.“

Ihre Kollegin fügte hinzu: „Am Ende geht es um die Kinder. Wir haben keine Zeit, um auf ihre Bedürfnisse einzugehen, sondern hetzen von A nach B. Wir wollen sie fördern und nicht nur betreuen. Das Individuelle geht verloren.“ 

Die Erzieherin ist selbst Mutter und kann deshalb die Eltern verstehen, die von den Streiks genervt sind. „Natürlich ist es für sie schwierig. Aber anders hat es bisher nichts gebracht. Wenn wir nicht für uns selbst auf die Straße gehen, dann passiert nichts.“

Die Streikenden hinterlassen viel Frust und Wut. Bis zur nächsten Verhandlungsrunde am 27. März werden weitere Streiks im öffentlichen Dienst erwartet. Auch die Kita-Beschäftigten wollen nochmal in Köln streiken. So viel konnte Verdi-Sprecher Jonathan Konrad bereits versprechen.

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