Seit 1906 überragt die Kirche St. Michael den Brüsseler Platz in Köln. Das Areal aus der Kaiserzeit wurde im Laufe der Jahre immer grüner.
Brüsseler Platz in KölnVom Kirchplatz der Kaiserzeit zur grünen Großstadt-Oase

Der Brüsseler Platz in Köln mit der Kirche St. Michael zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf einer zeitgenössischen Postkarte.
Copyright: Stadtbild Deutschland e.V.
Dass der Brüsseler Platz zu einem der beliebtesten Treffpunkte in Köln geworden ist (inklusive jahrzehntelangem Lärmstreit zwischen Nachtschwärmern und Anwohnern), verdankt das Herz des Belgischen Viertels seiner hohen Aufenthaltsqualität mit viel Grün, wenig Autoverkehr und zahlreichen Bars und Cafés. Wo sich heute die neuromanische Kirche St. Michael zwischen stattlichen Platanen erhebt, befand sich Mitte des 19. Jahrhunderts noch freies Feld. Denn im Umfeld der Festungsbauten des preußischen Militärs durfte nicht gebaut werden. Für den Fall eines Angriffs wollte man freies Schussfeld haben.
Mit der Schleifung der mittelalterlichen Stadtmauer ab 1881 setzte auf den frei werdenden Flächen eine rege Bautätigkeit ein. Nach dem Vorbild der Wiener Ringstraße und der Pariser Stadtplanung wurden die Ringe als Prachtboulevard angelegt. Jenseits der früheren Stadtmauer entstand die von Stadtbaumeister Josef Stübben konzipierte Neustadt. Dabei wurden in regelmäßigen Abständen Sakralgebäude für die wachsenden Gemeinden errichtet, darunter die 1906 vollendete Kirche St. Michael am Brüsseler Platz, St. Agnes am Neusser Platz (1913), die Herz-Jesu-Kirche am Zülpicher Platz (1909) und die Synagoge an der Roonstraße (1899).
Wie im Historismus üblich, seien die meisten dieser Sakralbauten als Mittelpunkt eines Platzes errichtet worden, sagt Matthias Beusch vom Verein „Stadtbild Deutschland“, der sich für den Erhalt historischer Gebäude einsetzt. Der Brüsseler Platz mit St. Michael sei also „ein typisches Produkt des 19. Jahrhunderts“. Verglichen mit den anderen Plätzen im Umfeld der Ringe sei er besonders großzügig von Grün umgeben.
Brüsseler Platz wurde in den 80er-Jahren mit Hochbeeten begrünt
„Zum Glück ist die historische Bebauung der Kölner Neustadt noch in weiten Teilen erhalten“, konstatiert der frühere Stadtkonservator Ulrich Krings. Am Brüsseler Platz seien im Zweiten Weltkrieg aber einige Altbauten aus der Gründerzeit zerstört worden, die Kirche St. Michael habe ihren Vierungsturm samt Kuppel verloren.

Der Brüsseler Platz in Köln mit der Kirche St. Michael, gesehen von der Rückseite, zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
Copyright: Stadtbild Deutschland e.V.
Der landläufigen These, wonach der Brüsseler Platz nach dem Weltjugendtag im Jahr 2005 zu einem Hotspot für Nachtschwärmer wurde, widerspricht Krings. Die verstärkte Nutzung des Platzes habe schon früher eingesetzt. Bereits in den 1980er-Jahren seien der Brüsseler Platz und andere Plätze in Köln durch Begrünung aufgewertet worden. „Damals gab es ein städtebauliches Förderprogramm namens ‚wohnumfeldverbessernde Maßnahmen‘, kurz WUM. Die Stadt legte Hochbeete aus Beton an, die mit Büschen und Blumen bepflanzt wurden, und rief die Anwohner auf, sich an Pflanzung und Pflege zu beteiligen“, erinnert sich Krings. Noch heute kümmern sich Hobby-Gärtner aus der Nachbarschaft, organisiert im Verein „Querbeet“, ehrenamtlich um die Grünflächen.
Parallel zur Begrünung der Stadt nahm auch die Außengastronomie zu
Seit dem Autoboom ab den 50er-Jahren seien viele Plätze in Deutschland jahrzehntelang vor allem als Parkplatz genutzt worden, erläutert der ehemalige Stadtkonservator. „Köln war bis in die 80er-Jahre extrem autofreundlich gestaltet. Dann hat ein Umdenken eingesetzt.“ Trotzdem sei die neue Begrünung am Brüsseler Platz anfangs umstritten gewesen, so Krings. „Einige kritisierten damals, die Kirche werde mit Hochbeeten geradezu eingezäunt. Doch als die Pflanzen etwas gewachsen waren, zeigte sich die Mehrheit der Menschen zufrieden mit der Umgestaltung.“
Parallel zur Begrünung sei die Außengastronomie aus dem Boden geschossen – nicht nur am Brüsseler Platz, sondern auch an der Aachener Straße. „Um 1980 gab es in Köln mit Ausnahme des Rheinufers kaum Außengastronomie. Die Stadt hatte das Thema lange Zeit restriktiv gehandhabt, begann aber ab den 80er-Jahren, auf Plätzen und Gehwegen immer mehr Außengastronomieflächen zu genehmigen“, erzählt Krings.
Das Paradoxe an der heutigen Situation ist: In puncto Aufenthaltsqualität waren die „wohnumfeldverbessernden Maßnahmen“ zwar ein voller Erfolg, wie die rege Nutzung des Brüsseler Platzes zeigt. Doch ebendiese Nutzung hat aus Sicht der lärmgeplagten Anwohner ihr Wohnumfeld verschlechtert.
Unsere neue Serie „Kölner Plätze“ rückt einmal im Monat einen Ort in Köln in den Fokus. Dieser Beitrag ist Teil der zweiten Folge zum Brüsseler Platz.
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