Das als bundesweites Haus der Einwanderungsgeschichte von Bund und Land finanzierte Projekt wird nicht nach Kalk kommen. Am neuen Standort regen sich in Köln Zweifel.
„Kalk wieder ins Dunkel getreten“Kölner Kultur kritisiert Verlegung des Museums Selma

Hier hätte das Museum Selma entstehen sollen: eine Begehung der Hallen Kalk 2024.
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In der Kölner Kultur regt sich Kritik gegen den Vorschlag der Stadtverwaltung, das Migrationsmuseum Selma im Gebäude des Rautenstrauch-Joest-Museums (RJM) am Neumarkt unterzubringen. Am Mittwoch deutete sich in den großen Ratsraktionen zumindest eine Mehrheit für den Vorschlag an, doch das war vor den obligatorischen Sitzungen der Fraktionen am späten Nachmittag. Deshalb blieb offen, wie der Rat am Donnerstag tatsächlich abstimmen wird.
Es gab aber auch vereinzelt kritische Stimmen. Weil aber die Fördermittel für das von Bund und Land finanzierte Projekt verfallen könnten, war eine Tendenz zur Kompromissbereitschaft herauszuhören.
Am Dienstag hatten der Trägervein Domid und die Stadt Köln bekannt gegeben, dass das Museum Selma überraschenderweise doch nicht mit umfangreichem Konzept auf 10.000 Quadratmeter in die alten Industriehallen Kalk ziehen wird. Stattdessen soll es ins Kulturzentrum am Neumarkt (KAN) ziehen, in dem Gebäude befinden sich schon das RJM, das Museum Schnütgen, ein Forum der Volkshochschule und der Museumsdienst.
Für den Rückzug aus Kalk nannten sie zwei Gründe: Die geplanten Baukosten für das als bundesweites Haus der Einwanderungsgeschichte konzipierte Projekt seien von 44 Millionen auf 77 Millionen Euro explodiert. Die 44 Millionen hatten je zur Hälfte der Bund und das Land zugesagt, mittlerweile stehen noch 40 Millionen davon zur Verfügung. Die Stadt Köln sollte nur das Grundstück und Gebäude stellen. Zweitens sei die Halle in einem schlechteren Zustand als gedacht.
Kulturpolitische Sprecher der Ratsfraktionen bedauern Rückzug aus Kalk
Lorenz Deutsch, kulturpolitischer Sprecher der FDP-Fraktion im Rat, kritisierte, dass es erst jetzt zur Erkenntnis über die explodierenden Baukosten gekommen ist. Er war Landtagsabgeordneter, als NRW und der Bund die Förderzusage gaben und sagte: „Der Deal war, dass die Stadt Köln nur die Location bereitstellt – warum dauert das dann so lange, bis man feststellt, dass sie nicht geeignet ist? Eine Halle in einem so schlechten Zustand anzubieten, dass sie eigentlich gar keine Angebot ist, ist auch schon problematisch.“
Die kulturpolitischen Sprecherinnen und Sprecher der Ratsfraktionen zeigten sich durchweg nicht glücklich mit der Absage für Kalk. Konsens war: „Es ist wichtig, dass Selma in Köln bleibt“, sagte etwa Brigitta von Bülow (Grüne). Sie gibt zu bedenken, dass es auch wichtig sei, dass das Kulturzentrum am Neumarkt noch weiter funktionieren könne. Maria Helmis-Arend (SPD) äußerte neben dem Bedauern über den Rückzug aus Kalk hingegen, es sei auch eine „Chance, das Museum Selma als offenen Ort für Begegnung und sozialen Austausch ins Herz unserer Stadt zu holen“.
Knut Scholz (Die Linke) kritisierte: „Ein dauerhafter Verzicht auf geeignete Sonderausstellungsflächen ist für uns untragbar.“ Das Selma soll vor allem auf einer Sonderausstellungsfläche im Erdgeschoss Platz finden. Dort läuft aktuell noch die RJM-Ausstellung „Amazonia“, über die die Stadt am Mittwoch mitteilte, dass sie 80.000 Besucher angezogen hätte. Darin hieß es: „Die Kunsthalle bot ideale räumliche Voraussetzungen für die eindrucksvolle Inszenierung der Arbeiten.“
Ralph Elster (CDU) sagte: „Man muss gucken, dass man mit dem Gewinn, den man vermeintlich erzielt, keinen zu großen Kollateralschaden verursacht.“ Elster sagt: „Für 40 Millionen kriegt man schon irgendetwas gebaut in Köln, das ein Museum beherbergen kann, anstatt sich in das Kulturzentrum am Neumarkt reinzuoperieren, wo man vom Konzept her gar nicht hinpasst.“ Die Dringlichkeit mit der jetzt entschieden werden soll, nannte er einen „Affront“. Sowohl Kulturausschuss als auch die Bezirksvertretung Kalk konnten nicht darüber beraten.
Museumsgesellschaft RJM sieht Wegfall der Sonderausstellungsfläche „sehr unglücklich“
Aus den betroffenen Museen war am Mittwoch keine Stellungnahme zu bekommen. Dafür äußerte sich Klaus Piehler, Sprecher der Museumsgesellschaft RJM, eines privaten Fördervereins, zu den Plänen der Stadt. „Nach über 80.000 Besuchern der Sonderausstellung ‚Amazonia‘ begrüßen wir es grundsätzlich, wenn das Kulturzentrum am Neumarkt weiter belebt wird“, so Piehler auf Anfrage dieser Zeitung. „Wir können uns auch vorstellen, dass sich beide Häuser, RJM und Selma, gegenseitig befruchten. Aber zugleich sehen wir große Probleme in der Umsetzung. Im Foyer fallen nach den Überlegungen wesentliche Flächen weg, die bisher beiden Museen als Orte des Austauschs zur Verfügung standen; zudem steht zu befürchten, dass das RJM (und wohl auch das Schnütgen) während der Umbauphase für längere Zeit geschlossen werden müssen.“
Besonders kritisch sieht Piehler den Wegfall der Sonderausstellungsfläche. „Das wäre sehr unglücklich für das RJM“, sagt er. „Und nicht nur für dieses Museum. Die Fläche sollte ursprünglich die abgerissene Kunsthalle ersetzen und Sonderausstellungen für sämtliche Kölner Museen ermöglichen. Das mag zu wenig genutzt worden sein. Diese Möglichkeit fiele dann vollständig weg.“
Die Sparzwänge der Stadt erkenne man in der Museumsgesellschaft an, so Piehler. Aber man sehe die Gefahr, „dass dem RJM im neuen Kulturzentrum nur noch eine Nebenrolle zukommt, und es durch die fehlende Möglichkeit, große Sonderausstellungen zu zeigen, entscheidend an Ausstrahlung verliert“.
Museum sollte Vergangenheit des migrantisch geprägten Stadtteils sichtbar machen
Für den Stadtteil Kalk sei das geplatzte Projekt ein herber Rückschlag, sagte Peter Zillig von der Geschichtswerkstatt Kalk. Er ist seit vielen Jahren im Veedel engagiert und organisiert auch historische Stadtteilführungen. „Der Kölner Osten wurde zugunsten des Linksrheinischen, auch historisch schon, so oft übervorteilt, um nicht zu sagen beschissen. Die Verantwortlichen nehmen uns die Chance, uns kulturell zu entwickeln“, sagte Zillig.

Geschichtswerkstatt Kalk: Peter Zillig (r.) ist in Kalk sehr engagiert und organisiert Stadtteilspaziergänge.
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Er könne nachvollziehen, dass die Baukosten explodierten und die Stadt nun bemüht sei, eine kostengünstigere Alternative zu bieten. „Aber ich kann nicht nachvollziehen, dass Kalk wieder ins Dunkel getreten wird.“
Das Museum Selma sollte auch die Vergangenheit des Stadtteils, in dem sich seit den 60ern viele Gastarbeiter ansiedelten, sichtbar machen. „Dass uns diese Chance durch die Lappen geht, ist böse. Was bieten die Verantwortlichen uns nun als Kompensation und im Gegenzug an?“ Zillig pocht auf den in der Bezirksvertretung Kalk beschlossenen Industriepfad Kalk, der ähnlich wie in Bickendorf und Höhenberg an Gebäuden und Wegen die industrielle Vergangenheit der Standorte markieren soll.
Ich persönlich stelle mir die Frage, ob es dann überhaupt noch Migrationsmuseum genannt werden kann.
Antonella Giurano, ehemaliges gewähltes Mitglied des Integrationsrates und Preisträgerin des Miteinander-Preises für Demokratie der Stadt Köln, sagte: „Ich persönlich stelle mir die Frage, ob es dann überhaupt noch Migrationsmuseum genannt werden kann. Für mich ist es dann einfach eine Dauerausstellung. Es ist ein Rückschritt für eine Stadt, in der rund 40 Prozent der Bevölkerung Migrationshintergrund hat.“ Im Integrationsrat habe er sich mit dafür eingesetzt, dass das Museum in Kalk entstehen kann.
Auf eine gemeinsame und starke Nachbarschaft mit dem Domid hatte die Verantwortungsgemeinschaft Osthof (VGO), ein Zusammenschluss mehrerer Kalker Initiativen, gehofft. Sie sprach ebenfalls von einem „Rückschritt für die kulturelle Entwicklung auf der rechtsrheinischen Seite Kölns“. „Insbesondere im Kontext der vielfältigen Migrationsgeschichte und -gegenwart Kalks hätte das Museum hier einen besonders passenden und wirkungsvollen Ort gefunden.“ Die VGO forderte: „Zugleich erwarten wir, dass die Stadt Köln ihre Verantwortung für eine ausgewogene kulturelle Infrastruktur ernst nimmt und Kalk als bedeutenden Kulturstandort nachhaltig stärkt.“


