Gegen Ekel auf Kölner SchulklosHolweide hatte erste bewirtschaftete Toilette in NRW

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Toilettendame Caro ist seit fast 20 Jahren eine Institution.

Köln – Ekelig, dreckig, kaputt, baufällig: Schultoiletten sind nicht nur in Kölner Schulen ein Ort, den niemand gerne besucht. Eine Forsa-Umfrage bestätigt, was ohnehin alle Eltern wissen, deren Kinder nachmittags zur Haustür reinstürmen, den Ranzen abwerfen und als erstes auf die heimische Toilette stürzen: Knapp 40 Prozent der Schülerinnen und Schüler in Deutschland hält ein oder trinkt nichts, um während des Schultages nicht auf die Schultoilette gehen zu müssen. Weil sie sich ekeln.

Die Tragödie des Gemeinguts

Es scheine wie ein Naturgesetz, stellt die prominente Wissenschaftsjournalistin und Youtuberin Mai Thi Nguyen-Kim fest: „Niemand pinkelt bei sich zu Hause auf den Boden. Trotzdem ist es quasi ein physikalisches Gesetz, dass der Boden öffentlicher Toiletten und Schultoiletten vollgepinkelt ist.“ Dieser „Tragödie des Gemeinguts“ wie das offiziell wissenschaftlich heißt, ist sie in ihrem Youtube-Video unter genau diesem Titel auf den Grund gegangen. Also der Frage, warum wir Dinge oder Orte, die allen gehören, oft so mies behandeln. Und auch der Frage, was man tun kann, damit das nicht passiert.

An der Gesamtschule Holweide kann man das ganz ohne wissenschaftliche Expertise nachvollziehen, was man tun kann. Und auch, was am selben Ort bei denselben Schülern in demselben Gebäude da passiert, wo man das nicht tut. In Holweide wird in diesen Tagen Jubiläum gefeiert, weil es jetzt seit genau 20 Jahren das „Sit In“ gibt, eine bewirtschaftete Toilettenanlage. Und fast genauso lange sitzt vor dem „Sit In“ Carola Hack, die hier vom Fünftklässler bis zur Schulleiterin alle nur „Caro“ nennen. „Ich liebe meine Arbeit hier. Bei mir sind die WCs immer tiptop. Und hier benehmen sich auch wirklich alle Schüler“, sagt die Toilettendame, die an der Schule eine Institution ist. Sie muss das wissen, weil sie nach jedem „Kunden“, wie sie ihre Schützlinge nennt, mit dem Lappen über die Brille wischt.

Markenkondome zum Sonderpreis

Vor 20 Jahren war das „Sit In“ eine der ersten bewirtschafteten Schultoiletten in Nordrhein-Westfalen. Ein Konzept, das wegen seines Erfolgs auch in Köln inzwischen an immer mehr Schulen mit unterschiedlichen Formen Nachahmer findet: Zehn Cent werfen die Schülerinnen und Schüler in Caros Schälchen auf dem Tisch am Eingang. „So viel soll es ihnen wert sein“, erläutert der didaktische Leiter der Schule, Matthias Braunisch, der es auch erzieherisch wichtig findet, dass das Angebot nicht umsonst ist. Durch diesen kleinen Obolus wird auch Wertschätzung für das Angebot ausgedrückt. Für das Geld gibt es eine blitzsaubere Toilette, in der es auch Hygieneartikel und einen Fön gibt. Und Markenkondome zum Sonderpreis. „Seit wir den Automaten hier haben, ist keine Schülerin mehr schwanger geworden“, sagt sie stolz. Aus den Boxen läuft Musik, die bei der Schülerschaft gerade angesagt ist. „Die ziehen die Schüler mir auf einen Stick“, erzählt Caro, die für ihre Schützlinge eine „Wohlfühlatmosphäre“ schaffen möchte.

Die 10 Cent Benutzungsgebühr gehen an den Förderverein, der das Konzept mit der Beschäftigung der Toilettendame finanziert. Hinzu kommen noch fünf Euro pro Schuljahr als freiwilliger Obolus der Eltern. Die Initiative für das „Sit In“ war damals von engagierten Eltern rund um Angelika Casper ausgegangen, die das Projekt in jahrelangem Engagement beharrlich durchgeboxt haben, weil sie den Zustand der Toiletten für die eigenen Kinder unzumutbar fanden: Sie erkämpften die Sanierung der Toiletten durch die Stadt und das anschließende Finanzierungskonzept durch den Förderverein.

Ähnliche Konzepte gibt es inzwischen unter anderem an der Kölner Europaschule, wo Schulpflegschaft und Förderverein bei der Stadt ebenfalls die Sanierung einer stillgelegten Toilettenanlage erkämpft haben. Dort gibt es sogar umweltfreundliche Trockenurinale. Aus acht Lautsprechern schallt die Wunschmusik der Schüler. Über einen Elternbeitrag von zehn Euro jährlich finanziert die Schule eine Honorarkraft. Ähnlich funktioniert das zum Beispiel an der Königin-Luise-Schule oder der Kopernikus-Grundschule. Das Feedback: zufriedene Kinder, zufriedene Eltern und saubere Toiletten.

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Die Abgründe der Schultoiletten

Auch die Schüler in Holweide zahlen die zehn Cent gerne: Vincent (14) aus der achten Klasse ist einer der „Stammkunden“, wie Caro ihre Schüler nennt. „Die anderen Klos, die umsonst sind, sind mir definitiv zu ekelig“. Caro nickt verständnisvoll und schickt hinterher, dass ihr die Reinigungskräfte richtig leidtun, die da nach dem Schultag reinigen müssten. Urin, offen rumliegende gebrauchte Binden, mit Papierhandtüchern verstopfte Abflüsse – die Abgründe deutscher Schulklos, die in Holweide genauso lauern wie an allen anderen Schulen in Deutschland. Es sei das Gefühl, unbeobachtet zu sein und für den Ort keine Verantwortung zu tragen, vermutet Braunisch, der mit seinen Schülerinnen und Schülern auch immer gerne das Video von Mai Thi anschaut. Die sieht das Dilemma auch in der Anonymität: Keiner könne mehr nachvollziehen, wer welche Sauerei hinterlassen habe. Und wer die Sauerei hinterlässt, trägt auch nicht die Konsequenzen. Bei Caro ist das alles ganz transparent.

Aber das ist nicht der einzige Grund für den Erfolg des Sit In. Denn die 64-Jährige ist längst so etwas wie die inoffizielle Sozialarbeiterin. „Ich bin der Kummerkasten“, sagt sie lachend. Egal ob Liebeskummer, Ärger mit den Eltern oder Schulmüdigkeit: Caro hat für alle ein offenes Ohr. Und wenn es Bedarf für vertrauliche Gespräche gibt, dann zieht sie sich mit ihrem Schützling in die am Ende des Raumes liegende Behindertentoilette zurück. „Da ist Platz und Ruhe für vertrauliches Gespräch.“ Die Schule weiß, was sie an ihr hat. „Selbst Schulverweigerer hat sie schon dazu bewegen können, der Schule noch eine neue Chance zu geben“, sagt Braunisch anerkennend.

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