Kölner Sportstätten-Chef„Der Abstieg des FC kostet uns sehr viel Geld“

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Sport­stät­ten-Chef Lutz Wingerath im Rhein-Ener­gie-Sta­dion

Köln – Herr Wingerath, haben Sie sich am Ende der zurückliegenden Saison gefreut? Nach dem Abstieg des 1.FC Köln scheint dem Verein in der Debatte um den Neubau eines Stadions die Luft ausgegangen zu sein. Fortuna und Viktoria sind nicht aufgestiegen…

Natürlich haben wir uns nicht gefreut. Wir wollen, dass unsere Mieter und Partner den größtmöglichen Erfolg haben. Der Abstieg des 1. FC Köln kostet uns zudem sehr viel Geld, weil die Pacht in der Zweiten Liga deutlich niedriger ist als in der Bundesliga. Das ist schlimm für die Stadt.

Braucht der FC ein größeres Stadion?

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Als Geschäftsführer einer kommunalen Gesellschaft kann ich ihnen da gar nichts zu sagen. Als Privatperson kann ich ihnen berichten, dass ich im letzten Jahr in einer der obersten Reihen in einem nicht ganz gefüllten Stadion in England saß – und das als Fußballfan nicht besonders prickelnd fand.

Und welche Meinung hat der Experte Wingerath?

Als Experte sage ich: Wir haben genau die richtige Größe, um die Attraktivität am Standort hochzuhalten. Wir haben ein tolles Stadion, das immer ausverkauft ist. Es ist bei den Fans sehr beliebt – auch in der zweiten Liga. Das Paket ist stimmig.

Zur Person

Lutz Wingerath arbeitet seit 2004 bei der Kölner Sportstätten GmbH, seit Januar 2016 ist er Geschäftsführer des Unternehmens. Der 47-Jährige gebürtige Niederrheiner ist gelernter Diplom-Kaufmann. Als Hobbyfußballer begann seine „Karriere“ als Vorstopper beim SC Rheindahlen. In seiner Freizeit engagiert er sich in dem von ihm gegründeten Verein „Herzensangelegenheit – Menschen für Tiere in Not“. (fra)

Der FC hat gesagt, dass er den bestehenden Vertrag mit der Sportstätten GmbH, der bis 2024 läuft, auf keinen Fall verlängern will.

Wir haben einen bestehenden Pachtvertrag, an den wir uns halten. Es ist natürlich unser vorrangiges Ziel, dass der 1. FC Köln hier weiter Fußball spielt. Ein leeres Stadion mit drei bis fünf Konzerten im Jahr ist nicht in unserem Interesse.

Eine Alternative zum Neubau wäre ein Ausbau des Stadions in Müngersdorf. Was halten Sie davon?

Die Machbarkeitsstudie hat gezeigt, dass ein Ausbau des Stadions auf 75 000 Plätze nicht möglich scheint und auch kleinere Varianten wirtschaftlich schwierig sein könnten.

Sie würden also sagen: Alles soll bleiben, wie es ist?

Wir sind mit dem Stadion und seinem Standort sehr zufrieden.

Wie es heißt, gibt es auf Seiten des FC noch eine zweite Machbarkeitsstudie. Kennen Sie die?

Ich habe gelesen, dass der Präsident des 1. FC Köln von einer möglichen zweiten Machbarkeitsstudie gesprochen hat. Ich weiß nicht, ob es sie gibt. Also kenne ich auch keine Ergebnisse.

Die Kölner Sportstätten GmbH

Die 100-prozentige Tochter der Stadt ist zuständig für das Rhein-Energie-Stadion, das Südstadion, den Sportpark Höhenberg, das Radstadion „Albert-Richter-Bahn“, das Reit- und Baseballstadion sowie die öffentliche Golfanlage Roggendorf. Die Kölner Sportstätten GmbH macht einen Jahresumsatz von rund 15 Millionen Euro, wobei den Löwenanteil dazu ein erstklassiger 1. FC Köln als Hauptmieter des Rhein-Energie-Stadions beisteuert. Da der FC nun mal wieder zweitklassig spielt dürfte auch der jährliche Verlust der GmbH – zuletzt drei Millionen Euro – deutlich größer ausfallen. In der Zweiten Liga zahlt der FC nur 2,1 Millionen Euro, in der ersten waren es 7,9.

Das Unternehmen wurde bereits 1958 gegründet, um damals die Kölner Sporthalle auf dem Messegelände und das alte Eis- und Schwimmstadion an der Lentstraße zu betreiben. (fra)

Wir haben den Eindruck bekommen, dass die Debatte um einen Stadionneubau wie ein Pokerspiel geführt wird. Da wird geblufft und mit verdeckten Karten gespielt. Der FC sagt, dass es gleich mehrere Standorte gibt, wo man neu bauen könnte, verrät sie aber nicht. Kennen Sie diese Standorte?

Nein. Nach meiner Kenntnis gibt es zumindest in Köln keine geeigneten Standorte für den Bau eines neuen großen Stadions.

Ein Argument in der Debatte ist der nicht ausreichende Lärmschutz in Müngersdorf. Könnte irgendwann eine Anwohnerklage dazu führen, dass das Stadion den Betrieb einstellen muss?

Die Gefahr sehe ich nicht. Wir haben eine bestehende Baugenehmigung. Wir könnten auch keine Verträge unterschreiben, wenn wir damit rechnen müssten, dass jederzeit einer um die Ecke kommen könnte und uns das Stadion schließt. Dieses Risiko würden wir nicht eingehen.

Die Zahl der Veranstaltungen im Freien wird immer größer, die Belastung für die Anwohner wächst…

Für den Sportpark Müngersdorf stimmt das nicht. Im Gegenteil, hier ist die Zahl der Veranstaltungen im gesamten Sportpark in den letzten Jahren deutlich gesunken und hat somit zu einer Entlastung der Anwohner geführt.

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Rund 40.000 Besucher haben beim Open-Air-Konzert im Rhein-Energie-Stadion Platz.

Welche Regelungen gelten für das Stadion? Wie man hört, gibt es für 18 Veranstaltungen in den Ruhezeiten Sondergenehmigungen?

Es gibt keine separate Regelung für das Rhein-Energie-Stadion, sondern eine für den gesamten Sportpark Müngersdorf. Hier gibt es eine abgestimmte Anzahl an Veranstaltungen und natürlich auch Vorgaben, was die Ruhezeiten angeht.

Sie versuchen mit vielen anderen Veranstaltungen Geld zu verdienen, was gerade nach dem FC-Abstieg wichtig wird, um den Pachtverlust auszugleichen. Gelingt das?

Den FC-Abstieg kann man nicht kompensieren. Die Sportstätten GmbH macht ja auch Verluste, wenn der FC in der Bundesliga spielt. Insofern sind wir immer verpflichtet, weitere Einnahmequellen zu finden. Da stecken wir viel Arbeit rein. Wir konnten die Zahl der Business-Veranstaltungen steigern, neue Veranstaltungen wie ein großes Dinner auf dem Rasen oder das Weihnachtssingen ins Stadion holen. Bei den Stadionführungen haben wir im Juni die Rekordzahl von 200 in einem Monat geknackt. Wir schaffen viel, ohne die Anwohner zu vergessen.

Haben Sie schon mal jemandem gesagt, dass er nicht wieder kommen darf, weil er zu laut war?

Wir hatten vor Jahren mal ein Sommerfest einer polnischen Brauerei. Da haben wir hinterher die Wiederholung abgelehnt. Wir stehen in einem guten Dialog mit den Anwohnern. Es gibt regelmäßige Treffen, und wir arbeiten permanent an Verbesserungen.

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Wie viele Business- oder Abi-Feiern müssten Sie machen, um die Lücke zu füllen, die der FC-Abstieg reißt?

Wir machen jetzt mit rund 200 Business-Veranstaltungen 1,5 bis zwei Millionen Euro Umsatz im Jahr. Das müsste man also mindestens verfünffachen. Das ist völlig unrealistisch.

Warum macht die Sportstätten GmbH auch Verluste, wenn der FC erstklassig spielt?

Weil jede einzelne Sportstätte Verluste macht – außer der öffentlichen Golfanlage in Roggendorf.

Was passiert in den Stadien von Fortuna und Viktoria Köln? Beide Stadien sind nicht tauglich für die jeweils nächsthöhere Liga, in die die Vereine aufsteigen könnten.

Wenn es kurzfristig zu einem Aufstieg kommt, gibt es keine Alternative zum Ortswechsel der Vereine: Fortuna müsste in Müngersdorf spielen und Viktoria im Südstadion. Dass die Vereine damit nicht glücklich sind, kann ich verstehen.

Kann man etwas fürs Rechtsrheinische tun und den Sportpark Höhenpark fit machen?

Den Sportpark Höhenberg drittliga-tauglich zu machen, ist wirtschaftlich überhaupt nicht darstellbar. Man müsste zehn bis 15 Millionen Euro investieren.

Was wird aus dem Müngersdorfer Radstation?

Wir haben uns zusammen mit der Stadt darum beworben, Radsportzentrum NRW zu werden. Sollte das gelingen, werden umfangreiche Umbaumaßnahmen nötig sein. Wir haben ein starkes Konzept abgegeben und würden uns sehr über den Zuschlag freuen.

Stehen Aufwand und Ertrag momentan im Verhältnis?

Die Bahn ist in einem Top-Zustand und wird genutzt. Zurzeit fahren viele Sportler an den Wochenenden zu den Stützpunkten im Osten. Sollte Köln Radsportzentrum werden, wird sich das ändern.

Handballer, Basketballer und Volleyballer haben eine große Halle für ihren Sport gefordert. Kann das Gelände des Radstadions dafür ein Standort sein?

Dass der Bedarf für eine Halle da ist, ist unbestritten. Unser Konzept für den Umbau des Radstadions mit bis zu 3000 Zuschauerplätzen sieht vor, dass man im Innenraum beispielsweise Volleyball, Tischtennis oder Handball spielen kann oder einen Boxring aufbauen kann. Für Basketball wird das Stadion auch nach einem Umbau nicht geeignet sein.

Wie steht es um die selbst ernannte Sportstadt Köln?

Mein Eindruck ist, dass im Moment viel in Bewegung ist. Der Sport bekommt mehr Gewicht. Die Stadt stellt mehr Geld zur Verfügung. Es ist nicht einfach, alle Wünsche direkt zu erfüllen. Aber ich sehe schon einen klaren Willen, die Sportstadt Köln nach vorne zu bringen.

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