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Streik im öffentlichen Nahverkehr
Wozu sollte Fortschritt dienen, wenn nicht zur Verbesserung von Lebensqualität?

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2 min
06.03.2026, Köln: Das Busdepots Nord der KVB. Foto: Arton Krasniqi

Busse und Bahnen bleiben bei der KVB auch am Dienstag und Donnerstag im Depot.

Wenn Busfahrer streiken, geht Köln auf die Barrikaden. Dabei kämpfen sie für etwas, das längst überfällig ist.

Wenn Menschen heute fluchend an leeren Schienen stehen, mit dem Auto im Stau stecken oder lange Strecken zu Fuß zurücklegen müssen, dann möchte ich vorweg sagen: Ich bin ganz bei ihnen. Bei jeder Streikankündigung der KVB steigt auch mein Puls. Für mich bedeutet das, vor der Arbeit ein Kind in die Schule zu verabschieden, das immerhin zu Fuß laufen kann und hernach mit dem Auto zum anderen Kind zu rasen, um dieses zur Ausbildung und dessen Kind in den Kindergarten zu bringen.

Claudia Lehnen

Claudia Lehnen

Claudia Lehnen, geboren 1978, ist Chefreporterin Story/NRW. Nach der Geburt ihres ersten Kindes begann sie 2005 als Feste Freie beim Kölner Stadt-Anzeiger. Später war sie Online-Redakteurin und leitet...

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Denn in der Tat: Gerade für Familien und berufstätige Alleinerziehende sind die Zeittaktungen zwischen Kita und Job so eng, dass ein Ausfall eines Nahverkehrsangebots wirklich jede ausgeklügelte Organisation zerstört. Wenn Verdi NRW die Beschäftigten des öffentlichen Nahverkehrs zum Streik aufruft, ist auch mein Reflex zunächst: Wut! Zumutung!

Wirtschaftsverbände schwärmen von digitalem Fortschritt - verlangen aber mehr Arbeit von den Beschäftigten

Und doch: Wenn die Gewerkschaft 37 statt 39 Stunden Wochenarbeitszeit fordert, dann ist das schlicht vernünftig. Schon deshalb, weil wir mittendrin stecken in einer beispiellosen Revolution der Arbeitswelt, die viele Tätigkeiten so effizient macht, dass am Ende gar kein Mensch mehr dafür gebraucht wird. Künstliche Intelligenz verdrängt Buchhalter, ersetzt Juristen, hilft Ärzten. Unternehmensberater feiern die Produktivitätsrevolution, Wirtschaftsverbände schwärmen vom digitalen Fortschritt – und gleichzeitig verlangt dieselbe Wirtschaft von ihren Beschäftigten, immer länger zu arbeiten. Dieser Widerspruch ist nicht nur unlogisch. Er ist unehrlich.

Auch der öffentliche Nahverkehr sollte durch die Digitalisierung an Effektivität gewinnen. Dispositionssysteme steuern Routen effizienter, Wartungsalgorithmen melden Störungen früher, die Schichtplanung könnte automatisiert laufen. Wenn Technik tatsächlich Arbeit erleichtert – warum schlägt sich diese Erleichterung nicht in der Arbeitszeit nieder? Warum landet der Gewinn des Fortschritts in Form von Lebensqualität nicht bei denen, die jeden Morgen ins Cockpit eines Gelenkbusses steigen und acht Stunden Kölner Berufsverkehr managen?

Aber die 37-Stunden-Woche birgt nicht nur mehr Lebensqualität, sie könnte sich auch zum Hebel in der Verwirklichung von Geschlechtergerechtigkeit mausern. Ein Busfahrer, der zwei Stunden weniger auf dem Fahrersitz durch Ehrenfeld rollt, kann seine Kinder von der Schule abholen. Die Toilette putzen. Die Großmutter zum Zahnarzt begleiten. Seine Partnerin könnte dadurch länger im Büro bleiben, mehr verdienen. Durch die Umverteilung unbezahlter Arbeit könnte eine vollzeitnahe Teilzeit für beide Partner möglich werden. Und am Ende hätte sogar der Kanzler Friedrich Merz, was er sich wünscht: Eine höhere Wirtschaftsleistung, nur fairer verteilt.