Köln – Fotoshooting in der Schildergasse. Lars Spiecker geht ein paar Meter die Schaufenster entlang und wieder zurück. Einige Passanten schauen ihm nach, zwei Mädchen stecken die Köpfe zusammen und kichern. Lars, 1,84 Meter groß, dunkelblond, blaue Augen, bemerkt das nicht. Er konzentriert sich auf die Fotografin, lächelt in die Kamera. „Reicht das?“, fragt er. Das reicht. Jedes Bild ist gut. Lars ist Profi.
Der 25-Jährige modelt seit einem Jahr. „Ein Bekannter hat damit Geld verdient und ich stand schon immer gern vor Kameras“, sagt Lars, der in Dellbrück aufgewachsen ist. Anfangs war sein Plan, das BWL-Studium mit einigen Model-Jobs zu finanzieren. Doch es läuft gut, und so liegt sein Studium erst einmal auf Eis. Er war gerade zwei Monate in Kapstadt, hat dort unter anderem einen Werbespot für Sonnenmilch gedreht. „Beim Casting war ich Nummer 250 und dachte: Okay, keine Chance“, erzählt er. Doch er wurde gebucht, spielte mit 29 anderen Models in dem Spot mit. Und musste was genau tun? „Den ganzen Tag am Strand liegen, acht Stunden lang“, sagt er und lacht. „Meine Aufgabe war es, braun zu werden. Es gab Leute, die waren nur dafür da, uns einzucremen und Sonnenschirme und Getränke zu bringen, wenn es zu heiß wurde. Andere haben den ganzen Tag den Sand glatt gefegt. Wahnsinn.“
Das sind die Tage, an denen Lars an seinen alten Arbeitsplatz denkt: Eine kleine Bankfiliale in Dellbrück, wo er nach dem Abitur eine Ausbildung zum Bankkaufmann gemacht hat. „Ich habe das auch gerne gemacht“, sagt er. „Ich kannte alle Kunden persönlich. Aber irgendwann war klar: Das will ich nicht mein ganzes Leben lang machen.“ Schon bei seinem ersten Job als Model hat er an drei Tagen so viel verdient wie früher in drei Monaten. Über genaue Summen möchte er nicht sprechen. Allgemein liegt die Tagesgage bei lukrativen Jobs – Werbekampagnen und Katalogshootings – zwischen 2000 und 5000 Euro. Männer verdienen meist weniger als Frauen, deren Maße dafür viel strenger kontrolliert werden. Weibliche Models gelten schon als zu alt, wenn sie älter als 30 sind. „Bei Männern geht es dann erst richtig los“, sagt Lars. Er wird meist so geschminkt und gestylt, dass er älter aussieht. Bei Männern sei das eben wie mit guten Weinen – je älter, desto besser. „Frauen sind in der Branche eher wie Milchprodukte.“ Lars lacht. „Das ist nicht meine persönliche Meinung, es ist nur leider so.“
Doch auch bei Männern reicht es nicht, halbwegs gut auszusehen. Lars trainiert an sechs Tagen in der Woche, er achtet auf seine Ernährung, trinkt viel Wasser und literweise Shakes, die er selbst mixt. Lars zählt auf: „Avocado, Haferflocken, Erdnussbutter, Bananen, Beeren, Proteinpulver und Wasser – davon ein Liter am Morgen, das macht erstmal satt.“ Wobei er Wert darauf legt, nie zu hungern, so weit würde er nicht gehen. „Ich esse fünfmal am Tag, auch viel Fleisch mit Salat.“
Es ist noch nicht lange her, da wollte Lars Profifußballer werden. Er ist FC-Fan, spielte beim TuS Höhenhaus und Bergisch Gladbach 09 und war mit seiner Mannschaft kurz vor dem Aufstieg in die Junioren-Bundesliga. „Kollegen wie Marcel Risse und Marco Höger haben Spitzen-Angebote gekriegt, bei mir hat’s nicht gereicht – das muss man einfach so sagen.“ Sein neues Leben mit guten Gagen, Sommertagen in Kapstadt und Erdnussbutterprotein-Shakes gefällt ihm aber. Und trainiert hat er auch als Fußballer fast jeden Tag. „Ein Riesenvorteil ist, dass nur die berühmtesten Männer-Models auf der Straße erkannt werden. Beim FC kann ein Spieler auch die ganze Saison auf der Ersatzbank sitzen und jeder kennt ihn.“
In wenigen Tagen fliegt er wieder für zweieinhalb Monate nach Südafrika. Für Mode- und Autofotografen gehört Kapstadt zu den beliebtesten Orten der Welt, es gibt jede Menge Modelagenturen in der Stadt. „Alle schwärmen vom Licht dort“, sagt Lars. Er wird wieder bei Castings sein Glück versuchen. „Wenn nichts dabei rumkommt, habe ich halt eine tolle Zeit“, sagt er. Das meiste Geld, das er bisher verdient hat, hat er gespart und in Aktien investiert. „Damit kenne ich mich ja aus.“ Alles zu verjubeln wäre nicht sein Ding. „Ich habe gelernt, dass man für Geld viel arbeiten muss – also immer schön den Ball flach halten.“
