Was es heißt, Gedanken und Kunst nicht frei ausleben zu können, haben Sahar Efremova und Vladimir B. am eigenen Leib erfahren. In ihren Dom-Illustrationen bereist das Kölner Wahrzeichen die Welt.
Nach Leben in ZensurIranisch-russisches Ehepaar findet Glück in Köln und schickt Dom auf Weltreise

Sahar Efremova und Vladimir B. haben sich in Venedig kennengelernt und in Köln geheiratet. Sie leben hier und setzen gemeinsame künstlerische Projekte um.
Copyright: Michael Bause
Dem willkürlichen Urteil des islamischen Regimes wollte Sahar Efremova ihre Kunst niemals ausliefern. Sind die Bilder der Iranerin schon zu gewagt, zu kritisch, zu westlich? Die Künstlerin denkt über solche Kategorien nicht nach, wenn sie malt. Sie verwendet in ihren Bildern kräftige Farben, thematisiert darin die Beziehung zwischen Mensch und Landschaft, andere sind abstrakter und vom Kubismus inspiriert. Das Spiel mit dem Licht ist wichtig. Die Werke tragen Titel wie „Der geheimnisvolle Vulkan“, „Apriltag am Meer“, aber auch „Das Universum hört Dir zu“, „Schrei für den Frieden“ und „Verliebt“.
In manchen verhandelt sie Themen wie Sexualität oder Krieg. „Ich wollte nicht, dass das Regime sagt: Heute ist alles gut und am nächsten Tag geben sie vor, zu wissen, was ich mit meiner Kunst beabsichtige“, sagt die 35-Jährige. Die Maßstäbe der Regierung blieben ihr immer verborgen, also verbarg sie ihre Gemälde vor den staatlichen Augen.
Mit ihrer Schwester betrieb sie im Iran eine Galerie in einer privaten Wohnung. Gäste und potenzielle Käufer kamen auf Verabredung, die Werbung funktionierte per Mund-zu-Mund-Propaganda statt mit öffentlichem Terminkalender. „Ich wollte mein Leben nicht im Risiko verbringen“, sagt Efremova heute. Sie stammt aus dem Nordosten des Irans, aus der Provinz Razavi-Chorasan. Seit rund drei Jahren lebt sie in Köln.
Sahar Efremova betrieb private Galerie im Iran
Seit die USA und Israel Krieg gegen den Iran führen, kann sie mit ihren Eltern immerhin telefonieren, die Leitung halte in etwa eine Minute. Es gehe ihnen so weit gut, im Nordosten gebe es derzeit keine Kriegshandlungen, sagt die 35-Jährige erleichtert. Das Malen helfe, mit Unsicherheiten und Ängsten umzugehen.
Als sie nach Köln kam, ruhte ihr Pinsel jedoch zunächst. „Doch ohne Malen kann ich nicht leben.“ Efremova ist ausgebildete Ingenieurin und arbeitet in einem Digitalisierungsunternehmen, doch künstlerisch aktiv ist sie seit ihrer Kindheit. Jahrelang besuchte sie im Sommer und an den Wochenenden Kurse der Kunstfakultät der Ferdowsi-Universität in der iranischen Stadt Mashhad.

„Liste To Universe“ von Sahar Efremova, Öl auf Leinwand.
Copyright: Sahar Efremova
Mit ihrem russischen Ehemann, Vladimir B. (Name geändert), zelebriert sie die Freiheit der Kunst und die freie Meinungsäußerung in Europa. Kennengelernt hat sich das Paar in einer Bibliothek in Venedig. Er lebte bereits in Köln und war beruflich in Italien unterwegs, sie war in einem Weiterbildungsstudium für Internationales Management eingeschrieben: Das Studentenvisum war ihre Eintrittskarte nach Europa.
Die Liebe war ihre Eintrittskarte nach Köln. Unvergessen ist der Moment, als sie ihn erstmals in ihrer neuen Heimat besuchte. „Es gab ein Frühlingsfest am Rhein. Es war so schön hier“, sagt Efremova. Zurückkehren in den Iran war nach dem Studium in Venedig ohnehin keine Option, der iranischen Wirtschaft ging es schon nicht mehr gut. Es tobten zu der Zeit auch die Proteste der „Woman, Live, Freedom“-Bewegung.
Schon als Sechsjährige habe sie sich gewünscht, die Welt zu bereisen – „mein Cousin aus Kanada schickte mir Postkarten, und da habe ich zum ersten Mal verstanden, dass es viele Realitäten gibt.“ Mit Anfang 30, als es um ihre Zukunft ging, hätte sie viele Länder auf dem Globus ihrer Heimat zum Leben vorgezogen. Sie hatte sich unter anderem in Tschechien und Spanien beworben. Reisen allein reichte nicht aus, um ihre Kunst frei auszuüben und im Beruf erfolgreich zu sein.
Russischer Ehemann lebte bereits in Köln, Paar lernte sich in Venedig kennen
Vladimir B. aus Russland erfuhr auch am eigenen Leib, was es heißt, ohne Freiheit zu sein und sogar für die Äußerung seiner Gedanken verfolgt zu werden. Daher möchte er sein Gesicht nicht zeigen, seinen echten Namen nicht nennen und auch nicht öffentlich über den konkreten Grund sprechen, der ihn dazu bewegte, das Land zu verlassen. Der Redaktion ist das bekannt.
„Manche Leute vergessen, wie einzigartig es ist, was wir hier haben: Diese Einheit in der Vielfalt und dass wir von Tschechien nach Deutschland, nach Paris, Estland und Bulgarien reisen können – einfach so“, sagt Vladimir B., der vor rund vier Jahren nach Deutschland kam. Es habe ihn überrascht, hier „so eine bunte, offene Gesellschaft“ vorzufinden. Dass er aus Russland stammt, habe er aus Angst vor möglicher Ablehnung zunächst nicht verraten. „Ich bin vor allem Mensch und nicht auf eine Zone der Welt reduziert.“ Schnell habe er aber gemerkt: Die Menschen hier verurteilen ihn nicht.
„Niemals haben sie komisch reagiert, sondern waren immer aufgeschlossen.“ Und in Köln fühlen sich die beiden so wohl, dass sie dem Wahrzeichen ihrer Wahlheimat, dem Kölner Dom, ein eigenes Kunstprojekt gewidmet haben. Der Dom zu Besuch in Paris, auf dem Mond, in den ukrainischen Weizenfeldern, in China, auf Jamaika: Die kleine bewegliche Figur mit zwei Spitzen reist um die Welt und geht in den kulturellen Austausch. Eine Zeichnung zeigt den Dom, eingepfercht in einer Kiste. Titel: „Dom thinks out of the box“. Es heißt darin: „Der Dom vermeidet Schubladen, weil er es liebt, frei und über Grenzen hinweg zu denken und zu philosophieren. Er wird traurig, wenn Menschen sich aufgrund von Nation, Religion, Geschlecht, Hautfarbe oder Sonstigem voneinander abgrenzen.“

Der Dom in China: das Kölner Wahrzeichen bereist die Welt. Illustrationen und Texte von Sahar Efremova und Vladmir B.
Copyright: Michael Bause

Der Kölner Dom bereist die Welt. Illustrationen und Texte von Sahar Efremova und Vladmir B.
Copyright: Michael Bause
Künstlerisches Dom-Projekt: Vision und Ideal einer vereinten Welt
Mit dem Projekt wolle er zeigen, „dass die ganze Welt zusammen sein kann, und das kann die Kunst anders vermitteln. Europa ist mein Zuhause“, sagt Vladimir B. in exzellentem Deutsch, das er akribisch gelernt und sich zu eigen gemacht hat. Die englischen Texte des Dom-Projekts und Zeichnungen stammen von ihm, seine Frau Sahar Efremova malt. Einige Bilder aus der Dom-Serie hängen seit Kurzem im Wartebereich in der Hausarztpraxis „Ärzte Nippes“. Die Resonanz des Personals und der Patienten sei sehr positiv.
Während des Rosenmontagszugs an Karneval lernten sie zudem zwei Lehrerinnen kennen, die ihre Illustrationen am liebsten in Buchform im Unterricht besprechen wollen. Deswegen soll es auch eine deutsche Übersetzung geben, einen Verlag suchen sie noch. „Unser Domprojekt ist wie Karneval: bunt und unterschiedlich, es gibt keine Grenzen“, sagt B.
Auch Efremova hat der Karneval gepackt. Sie widmete der fünften Jahreszeit ein eigenes Gemälde: eine abstrakte Komposition in Regenbogenfarben. „Nach meinem ersten Karneval hier habe ich gesagt: Köln ist meine Heimat“, sagt die Iranerin. Soziale Kontakte knüpfen, in Austausch kommen, fällt dem Paar leicht: Doch einen Fuß in die Kunstwelt setzen, ist mit Hürden verbunden.
Efremova ist Teil des Kölner Malerkreises mit kleiner Galerie im Rheinpark, wo Gruppenausstellungen stattfinden und die Künstler sich vernetzen. Auch an einer Gruppenausstellung in der Kölner Galerie Smend hat sie teilgenommen. Doch das lokale Galeriennetzwerk sei dicht und wenig durchschaubar. „Ich bin recht neu hier und habe kein Netzwerk und noch keine guten Kenntnisse darüber, welche Galerie oder Messe passend sein könnte. Oder welche Schritte ich machen muss.“ Die Aktivitäten im Malerkreis aber genieße sie sehr. „Ich liebe auch den Rheinpark.“

