„Kinder dürfen ruhig groß denken“Kölner Gymnasium plant Abiball für 70.000 Euro

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Gefüllter Ballsaal des Maritim-Hotels

Ein Abiball im Ballsaal des Maritim-Hotels (Archivbild)

Der Abiball des Apostelgymnasiums in Lindenthal ist mit hohen Kosten verbunden – ein Phänomen, das keine Seltenheit an Kölner Schulen ist.

Die ersten Schritte in die Freiheit erfolgen heute im Viervierteltakt, mit einer Walzer-Drehung im Ballkleid und Anzug, in einem eleganten Festsaal. Junge Menschen feiern ihr Abitur mit einer traditionellen Tanzveranstaltung, ähnlich dem Wiener Opernball. So opulent sind dann auch die Preise. Die elfte Klasse des Lindenthaler Apostelngymnasiums plant gerade für das nächste Jahr ihren Ball in der Halle Tor 2 am Girlitzweg mit rund 700 Gästen.

Kostenpunkt mit Essen und Getränkepauschale: rund 70.000 Euro. Die Eltern jedes Schülers und jeder Schülerin wurden gebeten, vorab 240 Euro beizusteuern. Pro Ticket fallen dann für jeden Ballbesucher noch einmal 50 Euro an. Das sorgt bei manchen Familien für Unmut. Die Mutter eines Schülers hat sich mit einer kritischen E-Mail an das Planungsteam der Jahrgangsstufe gewandt:

„Was man haben möchte, sollte im Verhältnis zu dem stehen, was man sich leisten kann“, schreibt sie. „Ich unterstütze gerne Menschen, die durch Krieg oder sonstige Katastrophen ihre Existenz verloren haben oder anderweitig benachteiligt sind“, so die Mutter. „Ich würde auch hier in Köln Kinder aus finanziell benachteiligten Verhältnissen unterstützen, damit sie überhaupt irgendeine Art von Abschlussfeier bekommen.“

Kölner Gymnasien: Abibälle kosten im Schnitt 50 Euro pro Gast

Den geplanten Ball hält sie allerdings für unangemessen. Sie erhielt eine Antwort – von der Mutter eines Schülers des Orgateams: Das Team hätte nur weitergeführt, was die Jahrgangsstufen vorher genauso veranstaltet haben, schreibt sie. Sie seien sehr dankbar, dass sie Eltern hätten, die ihnen das ermöglichen wollten. „Kinder dürfen ruhig groß denken“, so die Mutter. „Wichtig ist, dass sie auch etwas dafür tun.“ So würden die Schüler die unterschiedlichsten Aktionen planen, um Geld einzunehmen. Doch der Betrag, den die Eltern aufwenden müssen, wird der genannte bleiben.

Tatsächlich planen die Schüler vieler Kölner Gymnasien kostenintensive Abibälle. Der Abijahrgang des Sülzer Hildegard-von-Bingen-Gymnasium feierte vergangenes Jahr in der Wolkenburg. Ein solcher Ball kostet mit Speisen für 500 Gäste 40.000 Euro. Die Abschlussklasse des Schillergymnasiums in Sülz wird in der Wassermannhalle neben der Halle Tor 2 feiern. Der Ball wird ebenso viel Geld kosten. Im Schnitt zahlen die Gäste solcher Veranstaltungen 50 Euro pro Person.

Professor Clemens Albrecht, Kultursoziologe an der Uni Bonn, nennt Gründe für das Phänomen der teuren Abibälle: „Diese Feste erfüllen nur dann ihre Funktion“, sagt er, „wenn sie sich vom Alltag unterscheiden.“ Wenn der Alltag durch Lockerheit geprägt sei, müsse das besondere Ereignis anders aussehen. „Die Jugend von heute hat auch ihren antibürgerlichen Affekt verloren, weil die Eltern selbst aus Zeiten des Jugendprotestes stammen“, sagt er. Bei der Suche nach der Form für ihre Feiern würden die Schüler auf gesellschaftlich anerkannte Modelle zurückgreifen.

Abifeier kann für Kölner Eltern zur finanziellen Belastung werden

Emma Landsmann, Mitorganisatorin des kommenden Balls der Abiturienten am Schiller-Gymnasium, bestätigt das: „So ein Fest ist einfach etwas, was wir kennen. So können wir mit den Eltern, Lehrern und unseren Mitschülern und -Schülerinnen feiern.“ Georg Scheferhoff, Leiter des Schiller-Gymnasiums, sieht den finanziellen Aufwand mit gemischten Gefühlen: „Wir Schulleiter sind grundsätzlich der Ansicht, dass es sich dabei um ein Setting handeln muss, das allen Familien ermöglicht, mitzufeiern“, sagt er.

Viele Eltern trauen sich nicht zu sagen, dass ihnen die Feier zu teuer ist
Georg Scheferhoff, Leiter des Schiller-Gymnasiums

„Die Kosten können eine starke finanzielle Belastung sein. Viele Eltern trauen sich nicht zu sagen, dass ihnen die Feier zu teuer ist. Das ist zu schambehaftet und sie möchten auch keine Spielverderber sein.“ In Kölner Vierteln, in denen weniger wohlhabende Familien wohnen, ist der finanzielle Spielraum zwangsläufig kleiner: „Zwischen den Abifeiern der verschiedenen Gymnasien liegen Welten“, schildert Susanne Gehlen, Leiterin des Genoveva-Gymnasium in Mülheim.

„Mehr als 25 Euro pro Person dürfen sie hier bei uns nicht kosten. Trotzdem“, betont Gehlen, „möchten die Schülerinnen auch ihr Ballkleid anziehen.“ Sie feiern deswegen in einem Festsaal im Gewerbegebiet, an einem Werktag, was kostengünstiger ist. Die Jahrgangsstufen der Gymnasien stimmen jeweils darüber ab, wie sie feiern möchten. Oft fällt die Wahl auf einen teuren Ball, aber manchmal auch nicht: Am Montessori-Gymnasium in Bickendorf feiern die Abiturienten eine durch eigene Aktionen finanzierte Party im Bogen 2 im Agnesviertel.

Abiball ohne Eltern als kostengünstige Alternative

Am Schiller-Gymnasium hat sich der letzte Abi-Jahrgang für eine Party ohne Eltern entschieden. Kostenpunkt pro Person: 20 Euro. Auch die jetzige elfte Klasse möchte nur unter sich feiern – aber immerhin im legendären Luxor. Und das ist keine Frage des Geldes, sondern in diesem Fall der Connection: Die Eltern eines Schülers sind Inhaber des Clubs.


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