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Serie

„Da kommt die Prominenz“
Mit Barbara Ruscher durch ihr Veedel Sülz

5 min
Eine Frau mit roter Jacke und rotem Haarband hält einen durchsichtigen Plastikschirm und läuft über die Sülzburgstraße.

Kabarettistin Barbara Ruscher unterwegs durch Sülz. 

Eine Größe in der Kölner Kleinkunstszene ist Barbara Ruscher, die seit 20 Jahren in Sülz lebt. Was sie dort besonders liebt, zeigt sie bei einer kleinen Herbstrunde.

Barbara Ruscher ist schon am Treffpunkt, als Fotograf und Redakteurin an einem stürmischen Oktobernachmittag am Ventana in Sülz eintreffen. „Herrlich, oder?“ begrüßt Ruscher die von Winde fast verwehten Hinzugekommenen. „Das wird ein richtiger Herbstspaziergang!“. Doch zunächst geht es in den ersten Stock der ehemaligen Waisenhauskirche am Elisabeth-Mumm-Platz. Das Ventana ist inzwischen auch bekannt als „Kulturkirche Sülz“. Eigentlich sollte sich die Umwandlung zur Eventlocation schon im Jahr 2020 vollziehen, aber wegen Corona kam es zur Verzögerung. Inzwischen hat sich der ehemalige Kirchenraum  aber als Treffpunkt etabliert, spätestens seitdem hier auch die Partyreihe Sülz tanzt stattfindet.  

Eine Frau im roten Steppmantel steht neben einer Skulptur der Bremer Stadtmusikanten.

Barbara Ruscher steht neben den Bremer Stadtmusikanten, die vor der ehemaligen Waisenhauskirche in Sülz stehen.

„Ventana“ (spanisch: Fenster) heißt es wegen der mehr als 120 achteckigen Fenster, die der ehemalige Kirchenraum zu bieten hat. „Ich war im letzten Jahr hier bei dem Weihnachtsmarkt, da wurde auf dem Platz einige Buden aufgebaut, drinnen gab es Musik oder Texte, sehr schön“, berichtet die 56-jährige Kabarettistin, die seit 30 Jahren in Köln lebt. Hier würde ich auch gerne einmal auftreten, muss ich meiner Agentin mal Bescheid geben", sagt die aus Rheinbach stammende Kölnerin mit den langen blonden Haaren und dem roten Haarband augenzwinkernd.

Eine Frau mit roter Lederjacke steht in einem großen Veranstaltungsraum in Siegerpose.

Im Ventana würde  Kabarettistin Barbara Ruscher auch gerne einmal auftreten.

Schräg gegenüber vom Ventana ist das Café „Wo ist Tom“, das zweite seiner Art im Viertel. Ruscher schätzt den inklusiven Ansatz und natürlich die Kuchen-Auswahl. „Hier ist es wirklich alles lecker.“ Dass der Raum auch an einem stürmischen Donnerstagnachmittag absolut voll besetzt ist, bestätigt ihr Urteil. Vom Tom aus begeben wir uns nun auf den Weg ins Zentrum von Sülz, über die Münstereifeler Straße geht es Richtung Berrenrather Straße. Die Sülzer waren auch immer wieder Protagonisten in Ruschers vergangenen Programmen. „Sülz ist ein absolutes Familienviertel, mit all seinen Begleiterscheinungen, wie hohem Lastenrad-Aufkommen und gesundheitsbewussten Bewohnern“, weiß Ruscher, die selbst zwei Kinder im Pubertätsalter hat.

Bewunderung für Hans Süper

Die zwei müssen immer wieder als Platzhalter für ihre Generation in ihren Texten herhalten, aber eigentlich seien beide handzahme Pubertiere. „Vielleicht kommt es daher, weil wir seit zehn Jahren zu dritt sind“, vermutet Ruscher. Ihr Mann, der Lehrer war am Sülzer Schillergymnasium, verstarb damals. „Wir hatten seither immer  einen besonderen Team-Spirit, da gehörten pubertäre Extratouren nicht dazu.“

Eine Frau mit Schirm schaut auf zur Skulptur von Hans Süper.

Bewundernder Blick für den Star ihrer Kindheit: Barbara Ruscher wurde mit Hans Süpers Fernsehauftritten groß.

An der Berrenrather Straße geht es zu einem der letzten inhabergeführten Schreibwarenläden Kölns: „Im Papyrus werde ich immer so nett vom Inhaber auf meinen aktuellsten TV-Auftritt angesprochen.“ Gleich nebenan steht das Denkmal für Hans Süper vor dem Haus, in dem er bis zu seinem Tod im Jahr 2014 lebte. „Mit dem Colonia-Duett bin ich groß geworden“, erzählt Ruscher und gibt eine spontane Elastikbein-Einlage à la Süper. Neben den Karnevalssendungen hat sie auch ihre große Schwester in besonderer Weise beeinflusst: „Sie ist fünf Jahre älter und bekam Klavierunterricht, ich habe mich als Panz immer ans Klavier gestellt, wenn sie geübt hat. Irgendwann fragte mich meine Mutter, ob ich auch Unterricht haben wollte. Ich wollte!“ 

Im Referendariat trat sie als Duo auf

Und so entschied die Abiturientin Barbara Ruscher, in Köln Musik und Germanistik zu studieren, doch während des Referendariats kamen ihr Zweifel an der Zielgruppe. „Ich hatte damals mehrere Duos, mit denen ich auftrat. Und weil ich auch gerne schreibe und erzähle, kam mir die Idee, dass es doch besser wäre, wenn Leute freiwillig zu mir kämen und dafür auch noch Geld bezahlen.“

Eine blonde Frau mit rotem Haarband nimmt ihren Kaffee entgegen von einem Mann mit braunem kurzen Haar und blauem T-Shirt.

Barbara Ruscher trinkt ihren Kaffee gerne bei Guido Grigoleit.

Heute, 30 Jahre und unzählige Solo-Auftritte später, steht sie mit ihrem neuen Programm „Romantik, aber zack zack“ in den Startlöchern. Auf dem Weg zu ihrem Lieblingscafé „Mélange Orange“ erzählt sie, dass das Hauptthema das Aufrechterhalten der Romantik in langjährigen Liebesbeziehungen ist. Und wie dies kompliziert werden kann, wenn nur einer der Partner Anhänger des Vanlife-Trends ist, wie sie den Hang zum Campingurlaub nennt. Daneben nimmt sie sich Trend zum allzu gesunden Leben vor und widmet E-Bike-Fahrern einen Rap.

Barbara Ruscher dekliniert bei ihren Auftritten regelmäßig diverse Formen des Vortrags durch: Es gibt Stand-up, aber auch Lieder, die sie am Klavier singt, Raps oder auch den klassischen Lesetext. Verschiedene Formen, die eines auf jeden Fall eint: Ruschers Comedy-Programm ist immer extrem lustig.

Lieblingsort in Köln-Sülz: Das Café Mélange Orange

„In diesen unruhigen Zeiten möchte ich mit meiner Kunst nicht vorrangig den Finger in die Wunde legen, sondern die Leute vor allem zum Lachen bringen. Denn Lachen ist Stressbewältigung. Möglichst intelligent unterhalten, das ist mein Ziel“, erzählt Ruscher beim Stopp im Melange. Der schmale Schlauch auf dem belebten Geschäftsabschnitt der Sülzburgstraße ist ihr Lieblingsort im Veedel. Heute steht Guido Grigoleit hinter dem Verkaufstresen. „Normalerweise begrüßt er mich immer so lustig mit dem Satz ‚Da kommt die Prominenz‘.“ An diesem Tag, an dem die Springsteen-Biografie „Deliver me from Nowhere“ in deutschen Kinos anläuft,  legt er „den Boss“ auf.  

Und erklärt der Kaffee-Trinkerin Ruscher, warum der Americano bekömmlicher ist für den gestressten Magen. "Er hat nur ein Viertel der Gerbstoffe eines Espressos". Für die 56-Jährige, die sich im echten Leben und auch in ihrem Programm der Gesundheit und den Wechseljahresturbulenzen widmet, genau richtig. Also schlürft sie jetzt ihren Americano, während die übrigen Gäste sich ins Gespräch einmischen. „So ist das immer hier. Spätestens beim dritten Besuch kennt man alle“, schwärmt Ruscher von der niedrigschwelligen Geselligkeit in ihrem Sülzer Lieblingscafé.

Ein Jahr hat sie an ihrem neuen Programm geschrieben. „Ich bin eine der wenigen, die so bekloppt sind, ihre Texte noch komplett selbst zu machen“, sagt Ruscher. Probleme mit der Selbstdisziplin habe sie nicht. Wenn  ihr zu Hause mal die Decke auf den Kopf fällt, schreibt sie auch schon mal im Café, natürlich auch um den neusten Klaaf mitzubekommen und sich daran zu beteiligen. Denn das ist es ja, was sie am Leben in Sülz so schätzt. 

Lieblingsorte in Sülz: Ventana, Elisabeth-Mumm-Platz, Wo ist Tom, Elisabeth-Mumm-Platz, Mélange Orange, Sülzburgstraße 23, Schreibwarenladen Papyrus, Berrenrather Straße 315


Barbara Ruscher, „Romantik – aber zack zack“, Gloria, Apostelnstraße 11, Donnerstag, 6. November, 20 Uhr