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Medical Streetwork„Sollen wir dich zum Verbandswechsel schieben?“

7 min
Mirko Sievers (l.) und Luca Neumann kümmern sich um einen suchtkranken Patienten in der Kölner Innenstadt.

Mirko Sievers (l.) und Luca Neumann kümmern sich um einen suchtkranken Patienten in der Kölner Innenstadt. 

Sozialarbeiterin Luca Neumann und Krankenpfleger Mirko Sievers helfen Menschen auf Kölns Straßen, die es aus eigenem Antrieb nicht zum Arzt schaffen.

Sascha steht mit seinem Rollstuhl auf einer Seitenstraße der Kölner Innenstadt, knapp neben dem Bordstein. Er sitzt nach vorn zusammengesackt da, das Gesicht in der Kapuze seines schwarzen Hoodies verborgen. Erst auf mehrmalige Ansprache reagiert er. „Sollen wir dich zum Verbandswechsel schieben?“, fragt Mirko Sievers. Sascha möchte lieber erstmal eine Zigarette. 

Sascha heißt in Wirklichkeit anders. Es soll in dieser Geschichte nicht speziell um ihn gehen, sondern um Menschen wie ihn, über die in Köln gerade viel gesprochen wird. Menschen mit einer schweren Suchterkrankung. Menschen, die auf der Straße leben. In den Diskussionen um das Kölner Stadtbild und den Standort Perlengraben für ein neues Suchthilfezentrum kommen sie häufig als „die Drogenabhängigen“ oder „die Obdachlosen“ vor. Ohne Namen, ohne Geschichten.

Krankenpfleger Mirko Sievers und Sozialarbeiterin Luca Neumann vom Kölner Gesundheitsamt kennen viele der Namen und viele der zugehörigen Geschichten. Sie sind regelmäßig in der Kölner Drogenszene unterwegs, um unter anderem medizinische Hilfe anzubieten. Damit gehören sie zu einem Kooperationsprojekt des Aufsuchenden Suchtclearings und des Mobilen Medizinischen Dienstes (MMD) im Kölner Gesundheitsamt. Dieser bietet seit 1993 wohnungslosen und drogenabhängigen Menschen in Köln eine medizinische Grundversorgung. Auch dann, wenn sie nicht krankenversichert sind.

Sozialarbeiterin Luca Neumann und Krankenpfleger Mirko Sievers sind als Medical Streetworker auf Kölns Straßen unterwegs.

Sozialarbeiterin Luca Neumann und Krankenpfleger Mirko Sievers sind als Medical Streetworker auf Kölns Straßen unterwegs.

Das System sei gut, besser als in manch anderer Stadt, sagt Hauke Bertling, der Leiter des MMD. Aber der Bedarf steige mit der Zahl der Drogenabhängigen und Wohnungslosen. Im vergangenen Jahr notierte der MMD so viele Patienten und so viele Behandlungen wie nie zuvor. Jüngst hat die Stadt den Jahresbericht 2025 herausgegeben. Demnach wurden 1681 verschiedene Menschen bei 9956 Kontakten behandelt. Entsprechend hätten sich durchschnittlich 830 Kontakte pro Monat und knapp sechs Kontakte pro Patientin oder Patient ergeben. 

Behandelt wird alles, was anfällt – von akuten Verletzungen über chronische Wunden, die Grippe, Infektionen der Haut oder Läusebefall bis hin zu psychiatrischen Erkrankungen. Seine Sprechstunden bietet der MMD in festen Räumlichkeiten der verschiedenen Kontakt-, Beratungs-, Anlaufstellen für Suchterkrankte oder Wohnungslose an. Etwa direkt neben dem Drogenkonsumraum in der Lungengasse am Neumarkt, im Café Victoria von der Drogenhilfe Köln oder im Café Auszeit vom Sozialdienst Katholischer Frauen. „Wir wollen ein möglichst niedrigschwelliges Angebot machen, deshalb gehen wir da hin, wo sich die Menschen sowieso aufhalten“, sagt Bertling.  

Keine Zeit und keine Kraft, um aus eigenem Antrieb zum Arzt zu gehen

Einige, vor allem Crack-Abhängige, schafften es aber nicht aus eigenem Antrieb in eine der Sprechstunden. „Sie sind den ganzen Tag damit beschäftigt, Drogen zu beschaffen oder zu konsumieren“, sagt Sozialarbeiterin Neumann. Ihr Kollege Sievers betont: „Wir überreden niemanden, wir machen ein Angebot. Und die meisten sind dankbar, dass sie gesehen werden.“ Wer keine Hilfe möchte, werde in Ruhe gelassen. Anders als Polizei oder Ordnungsamt schicken Sievers und Neumann niemanden weg. Das ist bekannt in der Szene, das wird bei einem Rundgang mit den Medical Streetworkern deutlich. Menschen aus der Drogenszene begrüßen das Duo überall freundlich. 

Sie verstehe Unsicherheiten, Ängste, vielleicht auch Ekel der übrigen Bevölkerung gegenüber diesen Menschen, sagt Neumann. Aber: „Es ist erschreckend, wie schnell jemand abrutschen und dort landen kann.“ Sie hat schon vielen dabei zusehen müssen, auch Sascha.

Die Droge Crack habe die Situation verschlimmert, seit anderthalb bis zwei Jahren sei diese rauchbare Variante von Kokain „so richtig in Köln angekommen“, sagt Neumann. Menschen, die in eine Crack-Abhängigkeit geraten, bauen physisch und psychisch sehr schnell sehr stark ab. Sascha, der aus Osteuropa stammt, habe vor vier Jahren noch aufrecht auf zwei Beinen im Leben gestanden.

Viel Mitgefühl und Hilfsbereitschaft innerhalb der Kölner Drogenszene

Heute ist er nicht nur abhängig von Crack und Methadon, das er als Substitut für Heroin erhält, sondern auch von der Hilfsbereitschaft anderer Menschen. Allein kann er sich in seinem Rollstuhl kaum fortbewegen. Er steht, wo er eben gerade steht, bis jemand kommt und ihn woanders hin schiebt. Jetzt möchte er erstmal nur auf die andere Straßenseite.

„Innerhalb der Szene gibt es sehr viel Mitgefühl“, sagt Neumann. Sascha werde mit Stoff, Zigaretten und Nahrung versorgt. Ein Bein wurde ihm amputiert, deshalb der Rollstuhl. Es war eine lebensrettende Notoperation wegen einer beginnenden Sepsis. Auch am anderen Bein hat Sascha offene Wunden, die mehrmals pro Woche frisch verbunden werden sollten. Aber er habe Angst vor Ärzten, sagt Neumann. Er befürchte, auch noch das zweite Bein zu verlieren.

Auf der anderen Straßenseite unternehmen die Sozialarbeiterin und Krankenpfleger Sievers einen weiteren Versuch, Sascha den Verbandswechsel nahe zu legen. Mit viel Ruhe, Geduld und Einfühlungsvermögen sprechen sie mit ihm. Er hebt den Kopf, wirkt kurz wach, sackt dann aber immer wieder zusammen. Schließlich willigt er ein, sich zu einem Behandlungsraum des MMD schieben zu lassen – aber nur, wenn er dort eine Zigarette bekommt. Das gelingt, im Hof vor dem Sprechstundenzimmer findet sich ein Spender.

Hauke Bertling, Stadtarzt und Leiter des Mobilen Medizinischen Dienstes der Stadt Köln, in einem Ambulanzzimmer im Café Victoria.

Hauke Bertling, Stadtarzt und Leiter des Mobilen Medizinischen Dienstes der Stadt Köln, in einem Ambulanzzimmer im Café Victoria.

Für Neumann und Sievers geht es weiter zum Appellhofplatz. Der ist an diesem Tag von der Drogenszene verlassen. Die beiden kennen jeden Winkel, der gern genutzt wird, doch heute treffen sie dort niemanden an.  „Die Szene wandert“, sagt Neumann. Dabei spiele eine Rolle, wo Polizei und Ordnungsamt besonders präsent sind oder wo die Drogendealer sich gerade aufhalten.

Viel los ist dafür auf dem Hohenzollernring rund um die dortige Substitutionspraxis. Einer der „Klienten“, so nennen Neumann und Sievers die Menschen, um die sie sich kümmern, sitzt auf dem Stuhl eines noch geschlossenen Restaurants. Der Besitzer holt seinen Stuhl und schimpft vor sich hin. Einerseits zurecht, sagt Sievers. Andererseits: „Das Leben auf der Straße ist wahnsinnig anstrengend, die Menschen haben kaum Gelegenheit, sich auszuruhen, mal die Füße hoch zu legen. Jetzt hat er gerade gesessen, da wird er wieder vertrieben.“   

Auch hier gibt es einen Patienten im Rollstuhl. Sein Fuß ist dick geschwollen. Von einer alten Verletzung, sagt Sievers. Eigentlich müsste der Mann zu einem Orthopäden, aber er hat keine Krankenversicherung. Und beim MMD gibt es Fachärzte für Innere Medizin oder Psychiatrie, aber niemanden mit tiefergehenden orthopädischen Kenntnissen. „Wir bräuchten eine Liste mit Fachärzten, die bereit wären, diese Patienten kostenlos zu behandeln“, sagt Sievers. 

Heute ist der Tag
Mexi, die einen Alkoholentzug beginnen möchte

Mexi, auch dieser Name ist geändert, steht vor der Substitutionsambulanz und wirkt, als habe sie auf Luca Neumann gewartet. „Heute ist der Tag“, sagt sie zur Begrüßung. Sie meint: Heute ist der Tag, an dem sie sich für einen Alkoholentzug anmelden möchte. Mit Neumanns Hilfe. „Wenn du sicher bist, gehe ich den Weg mit dir“, sagt die Sozialarbeiterin. Sie hätten das seit mehreren Wochen diskutiert, aber bisher sei Mexi nie ganz überzeugt gewesen. Heute ist sie es. Sie will es versuchen. Erst mit dem Alkohol. Dann vielleicht auch mit den Drogen. 

Mexi hat es schon mal probiert. Und ist wieder auf der Straße gelandet. So ist es oft. „Die wenigsten kommen da wieder raus“, sagt Dörthe Schmerkotte. Sie ist seit 25 Jahren Stadtärztin beim MMD. Die Behandlung suchtkranker Menschen sei im Grunde eine Palliativbehandlung. Es geht nicht um Heilung, sondern um eine Linderung des Leids. 

Zu krank für die Straße, aber nicht krank genug fürs Krankenhaus

Dabei soll auch die Krankenwohnung im „Notel“ der Spiritaner-Stiftung helfen. Zusammen mit einer Notschlafstelle befindet sie sich in der Victoriastraße unmittelbar neben dem Café Victoria, wo die Drogenhilfe Köln Mahlzeiten, Begegnung und Beratung anbietet und wo der MMD in einem Ambulanzzimmer seine Sprechstunden abhält. 108 Patientinnen und Patienten wurden hier 2025 aufgenommen und behandelt, sechs Betten stehen zur Verfügung. Ein ähnliches Angebot für wohnungslose Menschen gibt es am Salierring in Trägerschaft der Diakonie. Hier erfolgten 410 Behandlungskontakte bei 25 oft pflegebedürftigen Patientinnen und Patienten. 

Die Plätze seien für Menschen, die „zu krank für die Straße, aber nicht krank genug fürs Krankenhaus“ seien, sagt Daniel Sänger, der Leiter der Krankenwohnungen der Spiritaner-Stiftung. Sich bei einer Grippe mal ein paar Tage ins Bett zu legen, entspreche nicht der Lebensrealität auf der Straße, sei aber sehr förderlich für die Genesung.

„Und Durchfall möchte man auf der Straße auch nicht haben“, ergänzt Dörthe Schmerkotte. Fieberhafte Infektionskrankheiten, chronische Wunden und Nachbehandlungen nach Krankenhausaufenthalten seien die häufigsten Aufnahmeanlässe. Wenn sie sich etwas wünschen könnten, wären das mehr solcher Betten, sagen alle Beteiligten. Gern auch barrierefrei, denn die Krankenwohnung befindet sich im vierten Stock, einen Aufzug gibt es nicht. Sänger erklärt: „Wir haben eine steigende Not in der Stadt, wir müssen regelmäßig Gäste wegschicken.“

Luca Neumann und Mirko Sievers begegnen dieser Not bei ihrer Arbeit tagtäglich. Trotzdem mögen sie, was sie tun, das wird deutlich. Es gehe darum, Menschlichkeit zu zeigen, sagen beide. Sascha werden sie nicht retten können. Aber sie können hinsehen, hingehen, Hilfe anbieten. Und wenn das auch mal nur ist, den Rollstuhl auf die andere Straßenseite zu schieben.