Die Stadt Köln sieht nach acht Wochen erste Entlastungen. Viele Anwohner bestätigen Verbesserungen, andere fühlen sich stärker beeinträchtigt.
Suchthilfe-StrategieWas der neue Konsumraum in Kalk über Kölns Drogenproblem verrät

An der Neuerburgstraße in Kalk befindet sich der Drogenkonsumraum.
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Der neue Drogenkonsumraum an der Neuerburgstraße in Kalk entlastet die Lage im Umfeld offenbar teilweise. Zugleich zeigt sich dort aber beispielhaft, wie fragil Kölns gesamte Suchthilfe-Strategie ist: Es fehlt an Personal und Standorten, die Öffnungszeiten sind zu kurz – und rechtliche Lösungen für den Umgang mit Crack-Konsum und Kleinhandel fehlen weiterhin.
Differenziertes Urteil im Umfeld
Acht Wochen nach der Eröffnung des neuen Drogenkonsumraums in Kalk zieht die Stadt Köln eine positive Bilanz. „Die Annahme des Drogenkonsumraums verläuft erwartungsgemäß – eine Entlastung des öffentlichen Raums ist inzwischen zu beobachten“, sagt eine Stadtsprecherin auf Anfrage. In der Nachbarschaft klingt das Urteil beim Vor-Ort-Besuch dieser Redaktion differenzierter: Viele berichten von weniger Spritzen und Entlastung – andere fühlen sich unsicherer als zuvor.
Wie aufgeladen das Thema ist, zeigt sich daran, dass kaum jemand den eigenen Namen nennen will, die meisten Befragten äußern sich nur anonym. Die Mitarbeiterin einer nahegelegenen Apotheke sagt, sie habe den Eindruck, dass sich die Situation in Kalk verbessert habe. „Es werden auf jeden Fall weniger Injektionsnadeln gekauft als früher“, sagt sie. Im Konsumraum stehen sterile Spritzen zur Verfügung.
„Es ist manchmal etwas laut und manche Leute, die zu dem Raum gehen, wirken auffällig, aber für mich selbst ist das kein Problem“, sagt eine Anwohnerin der Neuerburgstraße. Sie wohne seit zwölf Jahren dort, eine Verschlechterung durch den Drogenkonsumraum stelle sie nicht fest.
„Wir finden hier keine Spritzen mehr, das ist sehr schnell besser geworden“, sagt Elizaveta Khan vom Kalker Buchladen, die auch das Integrationshaus in Kalk leitet. Sie befürworte den neuen Drogenkonsumraum und sehe jetzt die Wohnungslosigkeit als das größere Problem in Kalk. Es komme aber auch darauf an, wen man frage. Es gebe vor Ort auch Menschen, die den Konsumraum ablehnen.

Der neue Drogenkonsumraum in Kalk bei der Eröffnung im Mai 2026.
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Dazu gehört ein Anwohner der Sieversstraße, der angibt, er wohne bereits seit 40 Jahren in Kalk. „Das Problem konzentriert sich jetzt auf eine Stelle“, sagt er. Es habe bereits vorher in der Nachbarschaft eine Unzufriedenheit mit der Drogenszene gegeben, jetzt sei sie noch größer geworden. Die Vermüllung habe zugenommen, es seien viele suchtkranke Menschen im Viertel unterwegs. „Die Unsicherheit ist da – ich würde am liebsten wegziehen, aber mein Sohn geht hier zur Schule, deshalb bleiben wir.“
Ein anderer Anwohner winkt gleich ganz ab, zu dem Drogenkonsumraum wolle er eigentlich nichts sagen. Nur so viel: Man glaube offenbar, den Leuten in Kalk alles zumuten zu können, sagt er und verschwindet in einem Mehrfamilienwohnhaus.
Das Sozial- und Gesundheitsdezernat untermauert seinen positiven Eindruck mit Zahlen: Im Monat Juni gab es demnach in dem Drogenkonsumraum 602 Konsumvorgänge, also rund 20 pro Tag. Zum Vergleich: Im Gesundheitsamt am Neumarkt gab es 2025 im Schnitt täglich 137 Konsumvorgänge. „Sowohl Besucherzahlen als auch Konsumvorgänge steigen in Kalk von Woche zu Woche“, sagt die Stadtsprecherin. Streetworker und das „Aufsuchende Suchtclearing“ würden auf das neue Angebot hinweisen, darüber hinaus informierten Flyer und die sozialen Medien darüber.
Am Wochenende geschlossen
Für den Betrieb des Kalker Drogenkonsumraums stehen derzeit 10,5 Vollzeitstellen zur Verfügung. Beschäftigt sind alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter laut der Stadt beim Verein Vision, der sich selbst als eine Einrichtung der Drogenselbsthilfe bezeichnet und schräg gegenüber dem Raum seinen Sitz hat. Das vorhandene Personal reicht aus, um von Montag bis Freitag, jeweils von 10 Uhr bis 18 Uhr zu öffnen. Am Wochenende ist der Raum vorerst geschlossen, bis Ende des Jahres soll sich das ändern.
Die begrenzten Öffnungszeiten sind nicht nur ein Detail des Kalker Standorts. Sie verweisen auf das zentrale Problem der Kölner Suchthilfe: Es steht viel zu wenig qualifiziertes Personal zur Verfügung – und es gibt laut der Stadt zudem viele Kündigungen. Anfang Juni reduzierte Sozialdezernent Harald Rau deshalb die Öffnungszeiten im Drogenkonsumraum am Hotspot Neumarkt. Am Wochenende ist dieser nun ebenfalls vollständig geschlossen.

Auf dieser als Spielplatz ausgewiesenen Grünfläche am Perlengraben soll das neue Suchthilfezentrum in der Kölner Innenstadt entstehen.
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Statt die Hilfsstellen angesichts des zunehmenden Crack-Konsums in Köln auszubauen, wird das Angebot jetzt teilweise sogar zurückgefahren. Dabei stehen eigentlich alle Zeichen auf Ausbau: Das künftige Suchthilfezentrum am Perlengraben in der Innenstadt soll durchgängig geöffnet sein, sieben Tage die Woche, 24 Stunden am Tag. 200 suchtkranke Menschen sollen hier gleichzeitig Betreuung finden.
Dafür benötigen die Stadt und ein möglicher Trägerverein mehr als 100 Fachkräfte. Woher sie bis zur geplanten Eröffnung im August 2027 kommen sollen, ist noch unklar. Die Stadt Köln sagt, sie arbeite „mit Hochdruck an der Rekrutierung neuen Personals“. Der Betrieb des Suchthilfezentrums soll pro Jahr zehn Millionen Euro kosten.
Erschwerend kommt hinzu, dass das eine Suchthilfezentrum nicht ausreicht, es sollen mindestens zwei weitere hinzukommen. Sozial- und Gesundheitsdezernent Harald Rau könne sich in Köln sogar noch mehr als drei dieser Einrichtungen vorstellen, sagte er am vergangenen Mittwoch im Deutschlandfunk. Zürich gilt in Köln seit Jahren als Vorbild für eine stärker integrierte Drogenhilfe. Dort gibt es derzeit vier Kontakt- und Anlaufstellen: drei für Menschen mit Wohnsitz in Zürich, eine für Menschen ohne Wohnsitz in der Stadt.
Stadt nennt keinen konkreten Termin
An dieser Stelle kommt der neue Drogenkonsumraum in Kalk wieder ins Spiel. Rau plant, diesen ebenfalls zum Suchthilfezentrum mit Ruheräumen und Beratungsangeboten auszubauen. Bereits jetzt gibt es laut der Stadt vor Ort weitere Angebote, darunter Ruhemöglichkeiten und Vermittlung in Hilfsprogramme. „Diese Angebote werden stetig weiterentwickelt“, sagt die Stadtsprecherin. Einen konkreten Termin für den Ausbau zum Suchthilfezentrum nennt die Stadt auch auf Nachfrage nicht. Vor der Eröffnung des Suchthilfezentrums am Perlengraben wird dort allerdings dem Vernehmen nach nichts passieren.
Für das dritte Kölner Suchthilfezentrum gibt es derzeit weder einen Standort, noch einen Zeitplan. Dabei drängt die Zeit. Der Suchtforscher Daniel Deimel hatte zuletzt im Gespräch mit dieser Redaktion kritisiert, dass derzeit viele Einzelmaßnahmen passieren würden, die allerdings nicht ausreichend aufeinander abgestimmt seien. Köln brauche „ein klares Konzept, in dem alles ineinandergreift“.

Das schwarze Zelt auf dem Vision-Gelände in Kalk
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Der Drogenkonsumraum in Kalk hatte bundesweit für Aufsehen gesorgt, weil, wie berichtet, auf der gegenüberliegenden Straßenseite in einem schwarzen Zelt mutmaßlich ein Kleinhandel mit Drogen stattfinden soll. Die Debatte um das Zelt verweist auf eine Grundsatzfrage, die Köln bislang nicht gelöst hat: Wie lässt sich Suchthilfe organisieren, wenn schwer abhängige Menschen weiterhin auf illegale Märkte angewiesen sind?
Der Verein Vision hatte das schwarze Zelt, das weiterhin steht, offiziell als Treffpunkt aufgestellt – was sich im Inneren abspielt, wird offenbar nicht kontrolliert. Ein kontrollierter oder geduldeter Umgang mit Kleinstmengen gilt in Zürich als ein Schlüssel für das Funktionieren der Suchthilfezentren.
So kann die Polizei außerhalb des Zentrums konsequent gegen Dealer vorgehen, ohne dass die Menschen mit schwerer Abhängigkeit in Not geraten. Da es bei Crack bislang keine Ersatzstoffe gibt, sind sie darauf angewiesen, den Originalstoff zu bekommen. Das Hindernis: Der Handel mit Betäubungsmitteln ist nach geltendem Recht verboten. Das gilt auch für den Kleinhandel.
Um diese Situation aufzulösen, setzt sich der Kölner Polizeipräsident Johannes Hermanns für eine Gesetzesänderung ein, um bei ärztlich festgestellter Schwerstabhängigkeit die ärztlich verordnete Abgabe von Drogen in Drogenkonsumräumen zuzulassen. „Das würde vielen Dealern die Geschäftsgrundlage entziehen“, sagte Hermanns im Gespräch mit dieser Redaktion.

