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„Mehr Glück kann man nicht haben“Jens Kreuch überlebt schweren Herzinfarkt im Krankenhaus Merheim

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Jens Kreuch und seine Partnerin Sylvia Greulich.

Jens Kreuch und seine Partnerin Sylvia Greulich.

Nach einer ambulanten Routine-OP setzen bei dem 48-Jährigen Herzschlag und Atmung aus. Das hätte jederzeit woanders passieren können – aber so konnte er gerettet werden. 

Die Aneinanderreihung von Zufällen, die Jens Kreuch das Leben rettete, nahm schon vor zwei Jahren ihren Anfang. Damals übersah ein LKW-Fahrer ihn beim Abbiegen, er stürzte mit dem Fahrrad und zog sich einen Schlüsselbeinbruch zu. „Eigentlich muss ich mich bei ihm bedanken“, sagt Kreuch heute, zwei Monate nach einem schweren Herzinfarkt. 

Denn der 48-Jährige hat nur überlebt, weil er genau in jenem Moment, als sein Herz und seine Atmung aussetzten, ohnehin auf einem OP-Tisch im Krankenhaus Merheim lag – für einen Routine-Eingriff, bei dem eine Titanplatte an seinem Schlüsselbein entfernt wurde. Diese war ihm nach dem Fahrradunfall eingesetzt worden und hätte an Ort und Stelle bleiben können, wenn sie nicht Schmerzen verursacht hätte. Der zweite Zufall. 

Eigentlich wollte sich der gebürtige Kölner wie nach dem Schlüsselbein-Bruch in einer kleinen Klinik außerhalb der Stadt operieren lassen. Doch die Chirurgen dort waren nicht sicher, ob der Bruch wirklich verheilt war und Kreuch kam für eine Zweitmeinung nach Merheim – wo man dann auch gleich die Entfernung der Platte vornahm. Und wo Kreuch sich in einem Haus voller Spezialisten und mit acht Behandlungsplätzen an Herz-Lungen-Maschinen befand. Zufall Nummer drei. „Mehr Glück kann man nicht haben“, sagt Kreuch. 

Was genau passiert ist, hat Jens Kreuch nicht mitbekommen. Seine Erinnerung setzt erst nach Verlassen der Intensivstation wieder ein

Er ist an diesem Tag Anfang Januar zum ersten Mal wieder ins Krankenhaus Merheim gekommen, um seine Geschichte zu erzählen und all seine Retter zu treffen. Er hat drei Tüten mit süßen Leckereien für die verschiedenen Stationen und einen dicken Kloß im Hals mitgebracht. „Es kommt alles hoch, ich habe schon wieder Tränen in den Augen“, sagt Kreuch. Was am 12. November genau passiert ist, müssten allerdings andere erzählen. „Ich habe ja nichts mitgekriegt.“

Die beteiligten Ärzte und Fachkräfte berichten gern. Sie sind begeistert davon, wie gut und geistig fit Kreuch alles überstanden hat. Und sie sind auch ein bisschen stolz auf ihre Arbeit an jenem Tag.

Der Chirurg Sebastian Imach hatte seinen Job mit der Titanplatte erledigt und war mit seinen Kollegen „abgetreten“, so nennen sie das im Operationssaal, wenn jemand den OP-Bereich verlässt. Die Narkoseärztin Alexia Tsakmakidis blieb bei Kreuch und war gerade dabei, ihn wieder wach werden zu lassen. Alles lief gut. Kreuch atmete bereits wieder selbstständig und öffnete die Augen, die Ärztin zog den Beatmungsschlauch.

Da passierte es. Kreuch sei blau angelaufen und zusammengesackt, erzählt Tsakmakidis. Sie versuchte sofort, ihn mit einer Beatmungsmaske zu beatmen, spürte aber einen Widerstand. Also gab sie Kreuch wieder Narkosemittel, „damit die Körperspannung nachließ und ich ihn beatmen konnte“. Er hatte ja noch einen venösen Zugang liegen. Ein weiterer Teil der Zufallskette, die ihm das Leben rettete. 

Die Chirurgen kehren zurück und übernehmen die Herzdruckmassage bei Jens Kreuch

Laut rufend alarmierte Tsakmakidis die Kollegen, Chirurg Imach und sein Team kamen zurück und übernahmen die Herzdruckmassage. „Der Vorteil in dieser Situation war, dass da relativ viel Erfahrung im Raum war“, sagt Imach. Kreuch wurde schließlich bei laufender Reanimation quer über das Gelände von Haus 23, wo die ambulanten Operationen stattfinden, zur Lungenintensivstation im Haupthaus transportiert.

Dort schlossen ihn Christian Karagiannidis, Leiter des Ecmo-Zentrums, und seine Kollegin Bianca Benthues an eine Herz-Lungen-Maschine an. Bei weiterhin laufender Reanimation wurden Kreuch dazu dicke Kanülen in die Beinarterien eingeführt, um sein Blut ab- und wieder einzuleiten. Ecmo steht für „Extrakorporale Membran­oxygenierung“ und meint eine Maschine, die die Funktion von Herz und Lunge übernimmt und damit die Versorgung des Körpers mit Sauerstoff sicherstellt. „Heroisch“ nennt es Andreas Böhmer, Oberarzt in der Anästhesie in Merheim, dass Karagiannidis dieses Manöver unter den vorliegenden Bedingungen gelungen ist.  

„Dass die Anästhesie sofort und so professionell reagiert und immer dafür gesorgt hat, dass irgendwie ein Kreislauf da war, das war das Entscheidende“, betont Karagiannidis: „Das kann man nicht stundenlang machen, aber für eine dreiviertel Stunde geht das. Und das ist der Grund, warum Herr Kreuch heute laufen und sprechen kann.“ 

Die Wiederbelebungsmaßnahmen in den ersten fünf Minuten sind entscheidend für einen Herzinfarktpatienten

Es komme immer auf die ersten fünf Minuten an. Deshalb sei es auch so wichtig, dass Ersthelfer bei Menschen, die einen Herzinfarkt erleiden, beherzt mit der Wiederbelebung beginnen. „Wenn die ersten fünf Minuten nicht funktionieren, funktioniert der ganze Rest nicht“, sagt Karagiannidis.

Deshalb schließt der Experte Patienten nach einem Herzinfarkt auch nur in ganz bestimmten Fällen an eine Herz-Lungen-Maschine an: „Wenn der Mensch zu lange keinen Kreislauf hatte, dann kann man diesen mit der Maschine zwar wiederherstellen, aber am Ende bringt das nichts, weil das Gehirn zu lange zu wenig Sauerstoff bekommen hat.“

Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind nach Angaben des Robert-Koch-Instituts die führende Todesursache in Deutschland, sie verursachen demnach 40 Prozent aller Sterbefälle. Zu den wichtigen Herz-Kreislauf-Erkrankungen zählen die koronare Herzkrankheit, der Herzinfarkt und der Schlaganfall. 2024 starben nach Angaben des Statistischen Landesamtes in NRW 64.758 Menschen an Kreislauf-Erkrankungen, darunter 5817 an einem akuten Herzinfarkt. Rauchen, Übergewicht und körperliche Inaktivität gehören zu den beeinflussbaren Risikofaktoren. 

Bei Jens Kreuch deutete allerdings nichts auf einen möglichen Herzinfarkt hin. „Es gab keine Anzeichen, er hatte Null Risiko – und dann passiert so was“, sagt Karagiannidis: „Das hätte im Kaufland an der Theke passieren können, und dann wäre es nicht so gut gelaufen.“ Die koronare Herzkrankheit, also eine Verengung der Herzkranzgefäße, ist bei ihm wohl erblich bedingt. Sein Vater starb an einem 14. November vor gut 20 Jahren an einem Herzinfarkt, er war damals 48, so alt wie der Sohn heute.

Würde ihr Partner noch derselbe sein wie vor dem Infarkt? Sylvia Greulich wusste das lange nicht

Nachdem der Zustand von Kreuch mit Hilfe der Herz-Lungen-Maschine stabilisiert worden war, gingen die Kardiologen Amir Teshome und Janis Kany auf Ursachensuche und fanden das verstopfte Gefäß an Kreuchs Herz. Sie machten es wieder durchgängig und stützten es mit einem Stent.

Ob ihr Partner wieder derselbe sein würde, wenn er aufwacht, wusste Kreuchs Partnerin Sylvia Greulich in den darauffolgenden zweieinhalb Wochen allerdings nicht. Die Ärzte hatten sie auf mögliche Probleme vorbereitet. Es konnte ja niemand mit Sicherheit sagen, ob sein Gehirn während der langen Phase der Reanimation tatsächlich genug Sauerstoff abbekommen hatte.  

Dass Jens Kreuch nun so aufrecht und klar bei Sinnen mit seinen Süßigkeitentüten vor ihnen steht, begeistert die Mediziner sichtlich. Eine Woche nach dem Herzinfarkt schlug sein Herz wieder so zuverlässig, dass er von der Herz-Lungen-Maschine genommen werden konnte. Nach zweieinhalb Wochen konnte Kreuch die Intensiv-Station verlassen – und erst da setzt seine Erinnerung wieder ein.

„Aber die ersten Tage danach sind auch total verschwommen, ich habe immer noch halluziniert und Stuss erzählt“, sagt Kreuch. „Aber dass Sie jetzt neurologisch wieder so gut beieinander sind, ist wirklich bemerkenswert“, erklärt ihm Karagiannidis: „Das schaffen nicht viele, das ist wirklich unglaublich gut.“ Kreuch sagt: „Ich warte immer noch, dass irgendwas fehlt. Aber es ist alles da.“ 

Was da mit ihm passiert ist, könne er noch immer ganz schlecht einordnen. „Ich bin ständig am Weinen, es ist eine Katastrophe, ein Wechselbad der Gefühle.“ Der Herzinfarkt hätte ja auch allein im Auto auf dem Weg zu seinem achtjährigen Sohn passieren können, der bei Kreuchs Expartnerin lebt. Oder im Supermarkt um die Ecke. Beim Training im Gym. Bei der Arbeit in einer Auto-Glaserei. Aber das Herz von Jens Kreuch hat im bestmöglichen Moment aufgegeben.