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Olympia-Bewerbung„Wir müssen verlorengegangenes Vertrauen wieder aufbauen“

Michael Mronz, Kölner Sportmanager und IOC-Mitglied, zu Gast beim „Kölner Stadt-Anzeiger“.

Michael Mronz, Kölner Sportmanager und IOC-Mitglied, zu Gast beim „Kölner Stadt-Anzeiger“.

Michael Mronz, Kölner Sportmanager und IOC-Mitglied, über die Chancen einer deutschen Olympiabewerbung. 

Herr Mronz, Sie leben in Köln. Haben Sie beim laufenden Ratsbürgerentscheid schon für oder gegen die Beteiligung der Stadt an einer Olympiabewerbung gestimmt?

Michael Mronz: Ich habe mit „Ja“ gestimmt. Ebenso hätte ich mit „Ja“ gestimmt, wenn ich in München, Hamburg oder Berlin leben würde, die auch Olympische und Paralympische Spiele ausrichten wollen. Je kraftvoller und überzeugender eine Bewerbung, desto besser für das IOC und die gesamte olympische Bewegung.

Sie haben 2016 die Idee Olympischer Spiele an Rhein und Ruhr mit der Nutzung größtenteils vorhandener Sportstätten aufgebracht und einige Jahre vorangetrieben. Jetzt sind Sie IOC-Mitglied und gehören deshalb auch dem Präsidium des Deutschen Olympischen Sportbundes an. Fällt es Ihnen schwer, nun neutral sein zu müssen?

Meine Aufgabe ist es, mit dafür zu sorgen, dass Deutschland mit dem bestmöglichen und erfolgversprechendsten Konzept an den Start geht.

Aber sich nicht offen für die einstmals eigene Rhein-Ruhr-Idee auszusprechen, ist doch sicher nicht einfach.

Wenn ich das – in Anlehnung an den Fußball – beschreiben darf: Früher habe ich am Erfolg eines Klubs gearbeitet, jetzt gilt meine ganze Kraft dem Nationalteam. Wir haben als Deutschland eine große Chance. Die Begeisterung in der Bevölkerung ist spürbar: In einer aktuellen Umfrage haben sich 74 Prozent der Menschen in Deutschland für Olympische Spiele ausgesprochen. In München stimmten 66 Prozent für die Bewerbung. Schon der Bewerbungsprozess sorgt dafür, dass der Sport wieder dort ankommt, wo er hingehört – in der Mitte unserer Gesellschaft. Ich empfinde es als Privileg, jetzt im Team für Deutschland daran zu arbeiten, das beste Konzept zu entwickeln.

Viele Menschen halten wenig vom Internationalen Olympischen Komitee, es hat – ähnlich wie der Fußball-Weltverband Fifa – keinen besonders guten Ruf. Wie erleben Sie das als eines von 106 IOC-Mitgliedern?

Die Wahrnehmung ist in Deutschland speziell. Wir sehen insgesamt, dass nur wenige Institutionen hierzulande einen durchweg guten Leumund genießen. Man sollte sich auf das konzentrieren, was wir als globale Organisation tatsächlich für den Sport weltweit leisten: 90 Prozent unserer Einnahmen geben wir an den organisierten Sport weiter. Ein Fünftel der internationalen Sportverbände kann in seinem Land überhaupt nur deshalb Sport anbieten, weil das IOC die entsprechenden Mittel zur Verfügung stellt.

Und doch kosten Olympische Spiele die Ausrichter Milliarden Euro, während das IOC hohe Gewinne macht.

In Paris hat das IOC 1,9 Milliarden Euro zur Durchführung der Spiele beigesteuert. Und der Veranstalter hat 70 Millionen Euro Gewinn gemacht.

Mit der reinen Durchführung. Der französische Rechnungshof beziffert die Ausgaben für die Spiele aber insgesamt auf rund 6,6 Milliarden Euro. Das ist dann inklusive der Kosten für Sicherheit und Infrastrukturmaßnahmen.

Sicherheitskosten sind Kosten, die in unserer Gesellschaft immer wieder entstehen: Ob bei einem G7-Gipfel, bei großen Demonstrationen oder Fußballspielen. Es wäre nicht konsequent, diese Aufwendungen in anderen Bereichen als selbstverständlich zu akzeptieren, bei einer internationalen Sportgroßveranstaltung wie den Olympischen Spielen aber zu kritisieren.

Michael Mronz im Gespräch.

Michael Mronz im Gespräch.

Aber man hätte diese Kosten nicht, wenn man nicht Olympiaausrichter wäre.

Natürlich entstehen Kosten nur, wenn ein Großereignis tatsächlich stattfindet. Aber das gilt ebenso für ein Fußballspiel. Wenn eine breite Mehrheit der Bevölkerung — wie aktuell 74 Prozent der Deutschen — signalisiert, dass sie sich Olympische Spiele in Deutschland wünscht, ist das ein deutliches Statement. Und als Demokratie sind wir gut beraten, die Interessen der Bürgerinnen und Bürger ernst zu nehmen und entsprechende Chancen zu nutzen.

Es kostet aber nicht nur die Sicherheit Geld.

In Paris sind 1,3 Milliarden Euro für die Rekultivierung der Seine ausgegeben worden. Doch das war kein Projekt, das für die Olympischen Spiele ins Leben gerufen, sondern durch die Spiele realisiert wurde: Die Idee stammt bereits vom damaligen Pariser Bürgermeister Jacques Chirac Ende der 80er Jahre. Das ist bloß bis zu den Olympischen Spielen nie realisiert worden. Und damit sind wir beim entscheidenden Punkt und einer besonderen Stärke der Olympischen Spiele: Sie setzen ein fixes, verbindliches Zieldatum. Genau das ist auch bei uns in Deutschland ein Kernthema. Wir sind ein Land der Dichter und Denker, hier werden unglaublich viele Patente angemeldet. Aber wir sind nicht gut darin, bei der Umsetzung Zieldaten einzuhalten.

Es drängt sich der Gedanke an die Kölner Oper auf.

Da gibt es Beispiele aus allen Städten, die Olympische Spiele ausrichten wollen. In München ist die zweite Stammstrecke, in Köln die Oper, in Hamburg die Elbphilharmonie und in Berlin der Flughafen. Mit einem festen Zieldatum klappt so etwas besser, das hat die Fußball-WM in Deutschland brillant gezeigt. Alle Stadien waren 2006 fertig. Das ist die Kraft, um die es geht.

Glauben Sie wirklich, dass Köln das hinbekommen würde?

Ja, natürlich.

Empirisch spricht vieles dagegen. Warum glauben Sie trotzdem daran?

Weil Köln – wie auch die anderen Regionen – auf vorhandene und bewährte Infrastruktur zurückgreifen wird. Das IOC akzeptiert heutzutage keine Bewerbungen mehr, die nicht nachhaltig sind. In Köln erleben wir tagtäglich, wie Parallelveranstaltungen problemlos bewältigt werden: Die Lanxess-Arena ist in Betrieb, gleichzeitig wird im Rhein-Energie-Stadion Fußball gespielt, und die Stadt läuft trotzdem reibungslos. Das ist gelernte Praxis und wird auch bei Olympischen Spielen nicht anders sein.

Ein Olympisches Dorf und ein Leichtathletikstadion müssten aber gebaut werden.

Und das verzögere die Entwicklung von Kreuzfeld, sagen Kritiker. Ich sehe das jedoch anders: Wenn wir die Olympischen Spiele 2036 oder 2040 ausrichten dürften, wäre die eigentliche Herausforderung, Kreuzfeld überhaupt rechtzeitig fertigzustellen – angesichts der bekannten Planungsgeschwindigkeit in Deutschland. Die Spiele und ein festes Zieldatum wären eine Riesen-Chance für Kreuzfeld.

Im Oktober 2023 wurde Michael Mronz während der 141. IOC-Session als neues Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) vereidigt.

Im Oktober 2023 wurde Michael Mronz während der 141. IOC-Session als neues Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) vereidigt.

Was macht sie optimistisch, dass Deutschland an der Reihe sein könnte beim IOC? Für Paris 2024, Los Angeles 2028 und Brisbane 2032 waren die Spiele jeweils schneller vergeben, als Deutschland überhaupt richtig die Hand heben konnte.

Es gibt weltweit drei Regionen, in denen noch nie Olympische Spiele stattgefunden haben: Indien, der Mittlere Osten und Afrika. Dazu kommen starke Bewerber aus Europa, mit Ungarn, mit der Türkei. Aber Deutschland bringt Eigenschaften mit, die im IOC einen hohen Stellenwert haben: Wir leben in einem rechtssicheren Raum, wir sind vertragstreu, wir leben in einer friedlichen Region. Außerdem haben wir Organisationstalent und sind in der Lage, aus großen Ereignissen besondere Momente zu machen. Es ist jetzt entscheidend, dass wir mit einer Stimme sprechen. Das haben wir als Deutschland in der Vergangenheit bei Bewerbungen um Olympische Spiele oft vermissen lassen. Sport, Sportpolitik, Politik, Gesellschaft und Wirtschaft müssen mit einer Stimme sprechen. Das ist jetzt unsere Kernaufgabe. Dann sind wir auch international ein vertrauenswürdiger Partner. Viele Jahre waren wir das nicht, wir müssen verloren gegangenes Vertrauen wieder aufbauen. Ich glaube, das kann uns gelingen, ich spüre eine Geschlossenheit im Land.

Es können also eigentlich nur Kritiker und Nörgler noch vermasseln?

Nein, ich halte Kritik für wichtig und wertvoll. Durch kritische Fragen und konstruktive Anregungen können wir uns weiterentwickeln und besser werden. Mir ist aber wichtig, dass wir auf Basis von Fakten diskutieren und nicht pauschalisieren. Wir sollten im Dialog bleiben. Wenn jeder für sich den Anspruch hat, schon alles zu wissen, dann verlieren am Ende alle. Deshalb hilft uns auch der Wettbewerb unter den vier Regionen, so kann jedes einzelne Konzept noch besser werden. Das hilft uns, national für Deutschland mit dem besten Konzept an den Start zu gehen.

Worauf legt das IOC besonders wert?

Das IOC legt großen Wert auf Nachhaltigkeit und darauf, dass möglichst viele Athletinnen und Athleten gemeinsam im Olympischen Dorf wohnen. Das ist ein zentrales Element der Sommerspiele und gehört zur Kern-DNA der Olympischen Bewegung. Dahinter steht ein tiefer Gedanke: Wir verstehen uns beim IOC als größte Friedensbewegung der Welt. Wir können keinen Frieden schaffen, aber wir können zeigen, wie Frieden und Verständigung aussehen. 206 Nationen haben in Paris friedlich unter einem Dach gelebt. Im Wettbewerb sind sie gegeneinander angetreten, aber mittags oder abends haben sie gemeinsam in der Mensa gegessen. In einer Zeit, wo wir als Gesellschaft immer weiter auseinanderdriften, müssen wir Gelegenheiten schaffen, bei denen Kommunikation wieder entstehen kann. Der Sport hat weltweit eine einzigartige Kraft: Er folgt überall den gleichen Regeln – ganz unabhängig von politischen Systemen oder kulturellen Unterschieden. Genau diese verbindende Wirkung macht Olympische Spiele so besonders.

Und dann wird bei den Winterspielen in Mailand/Cortina der ukrainische Skeleton-Pilot Wladyslaw Heraskewytsch vom IOC disqualifiziert, weil er Bilder von Sportkollegen, die im Krieg gegen Russland gestorben sind, auf dem Helm trägt. Verstehen Sie das unter einer Friedensbewegung?

Es ging nie um die Botschaft an sich, es ging immer um den Ort. Emotional kann ich Wladyslaw Heraskewytsch komplett verstehen. Unsere Regeln sind klar, das Spielfeld kann während des Wettkampfes nicht für solche Botschaften genutzt werden. Stellen Sie sich vor, wo das hinführen würde.  Es gibt weltweit etwa zwei Milliarden Menschen, die im Krieg oder unter kriegsähnlichen Zuständen leben. Olympische Spiele sollten ein Ort sein und bleiben, unsere gemeinsame Sprache aufrechtzuerhalten. Das funktioniert nicht, wenn wir dort Kriege und Konflikte hineintragen, die selbst in der Uno nicht gelöst werden können.

Das macht das IOC nicht unbedingt sympathischer.

Bei manchen Entscheidungen geht es nicht um Sympathiepunkte, sondern um den Respekt allgemeiner Regeln. Ich finde, es ist sehr gut nachvollziehbar, dass wir keinem offenen Regelbruch zustimmen können. Die IOC-Präsidentin Kirsty Coventry hat mit dem Athleten gesprochen und ihre Emotionen klar zum Ausdruck gebracht.

Sie hat ihren Tränen freien Lauf gelassen. Aber will man eine IOC-Präsidentin weinen sehen, die schlicht anders hätte entscheiden können?

Nein, sie konnte nicht anders entscheiden.

Man hätte den Helm als Ausdruck der Trauer und nicht als politisches Statement werten können.

Hätte Wladyslaw Heraskewytsch seinen Helm nicht unbedingt auf der Bahn während des Wettkampfes, also im sogenannten Field of Play tragen wollen, wäre es etwas anderes gewesen. Er hätte seinen Helm mit in die Mixedzone nehmen können, den Bereich, in dem nach einem Wettbewerb Athleten und Presse zusammentreffen. Das wollte er nicht.

Ist es angemessen, dass sich Deutschland auch für die Austragung der Spiele 2036 bewirbt? Das Jahr gilt als heikel, weil 100 Jahre zuvor, 1936, die Nazis die Olympischen Spiele in Berlin für ihre Sache nutzten.

Ich kann nur sagen: International ist das kein Thema. Und ich verweise auf die Abstimmung in München: 66 Prozent der Menschen haben mit Ja gestimmt für 2036, 2040 oder 2044. Sollten wir für 2036 den Zuschlag bekommen, müsste die Frage lauten: Wie gehen wir als Deutschland damit um? Hätte das IOC an der Stelle grundsätzliche Bedenken, dann hätten wir in Deutschland Hinweise darauf bekommen. Diese Hinweise gibt es aber nicht.

Müsste Köln bei seinem Ratsbürgerentscheid die 66 Prozent von München toppen, um eine Chance zu haben im nationalen Vergleich?

Berlin führt keine Abstimmung durch, denn Berlin kennt Volksentscheide, die von der Politik selber ausgehen nicht. Dennoch ist Berlin genauso ein Kandidat wie München, Hamburg oder Köln-Rhein-Ruhr. Das Ergebnis einer Bürgerbefragung ist daher nicht das allein entscheidende Kriterium im Auswahlprozess. Entscheidend sind vielmehr die sportfachlichen und inhaltlichen Qualitäten der jeweiligen Konzepte. Am Ende werden die stimmberechtigten Mitglieder bei der außerordentlichen Mitgliederversammlung des DOSB am 26. September auf Grundlage aller relevanten Aspekte entscheiden, welche deutsche Stadt sie international ins Rennen schicken.

Paris wird von allen Seiten gelobt, besonders in Erinnerung bleiben wird sicherlich Beachvolleyball unter dem Eiffelturm. Wenn Sie Ihre Sportveranstalter-Gedanken frei schweifen lassen, was schwebt Ihnen dann für Köln vor?

Paris hat bildlich den vom IOC angestoßenen Veränderungsprozess zum Ausdruck gebracht. Die Spiele müssen zu einer Stadt oder zu einer Region passen – nicht umgekehrt. Es geht nicht mehr darum, große Bauten für die Ewigkeiten zu schaffen, sondern das Motto lautet: Nutze das, was vorhanden ist. In allen vier deutschen Konzepten macht man sich Gedanken darüber, wie die Spiele in die vorhandene Infrastruktur reinpassen können. Daneben steht Köln für Offenherzigkeit und Lebensfreude. Wer hier zu Besuch ist und in eine Kneipe geht, wird in kürzester Zeit Teil des Geschehens – diese herzliche, einladende Atmosphäre ist typisch für die Stadt. Das sollte sich im Konzept für Olympische und Paralympische Spiele widerspiegeln.