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OptimistinGamer hielt ich für minderbemittelt, sozial inkompatibel und mindestens verhaltensauffällig

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Die Gamescom startet. Und die Frage ist: Kann man Toleranz einüben?

Meine Lieblingsmesse ist die Gamescom nicht direkt. Zocker waren mir schon immer suspekt. Aber es entwickeln sich zarte Bande. Man muss nur geduldig dranbleiben.

Der Prinz fiel mir immer durch seine ungesunde türkisfarbene Gesichtsfarbe auf. Wenn er ungeschickt in die Messerfalle stürzte, schmatzte der Lautsprecher und über das Türkis ergoss sich pinkfarbenes Blut in großen Mengen. Wenn ich an meine bescheidene Zockerkarriere als Kind zurückdenke, dann kommt mir immer dieser blutende persische Prinz in den Sinn, dazu noch die Winterolympiade 1988 mit psychedelischem Geflöte vor zitterndem olympischen Feuer und einem Abfahrtsskifahrer, der bei Joystick-Unachtsamkeiten mit einem saftigen Schmatzen wie eine umfallende Holzlatte im Schnee landete. Game over. Zu Hause wurde ein PC erst angeschafft, als wir Kinder unsere Facharbeiten für das Abitur schreiben mussten. Aber im Keller meiner Nachbarin Gabi versammelte man sich schon Mitte der 1980er in der Dunkelheit vor dem winzigen flackernden und stinkenden Atari-Bildschirm.

Noch heute ereilt mich eine Instant-Depression, wenn ich an diese Stunden zurückdenke. Meistens sind wir Gott sei Dank relativ schnell wieder aus der tristen Höhle aufgetaucht und haben im schlammigen Graben am Rande der Siedlung stinkendes Kräuterparfum hergestellt oder sind um Haaresbreite einer Bande imaginierter Piraten entkommen.

Die Beziehung begann traumatisch

Die Geschichte der Beziehung zwischen den Computerspielen und mir begann als kompletter Reinfall und ich habe mich Jahrzehntelang von den traumatischen Anfangsjahren nicht erholt. Ich besaß nie einen Gameboy, habe mir selbst nie ein Computerspiel gekauft und machte riesige Bögen um Menschen, die absurde Dinge taten wie Lan-Partys zu feiern oder sich zum Zocken zu treffen. Ich hielt sie für minderbemittelt, sozial inkompatibel und mindestens verhaltensauffällig. Mein erstes Kind bettelte jahrelang um einen Nintendo, erst letztens habe ich einen Weihnachtswunschzettel des mittlerweile erwachsenen Mädchens zu Hause gefunden, auf dem sie hoch und heilig verspricht, jeden Tag zu lesen und rechnen zu üben, wenn sie ein solches Gerät erhalten könnte. Ich habe ihr den Wunsch erst zu ihrem 20. Geburtstag erfüllt.

Unbestritten bleibt: Zu viel Gezocke macht Menschen seltsam. Dennoch war mir schon immer bewusst, dass mein Verhalten vor nervigem Kulturpessimismus nur so trieft. Ich ahne, dass ich mich schon in jungen Jahren wie meine eigene Großmutter angehört haben muss und heute – selbst im Oma-Alter – bin ich auch nicht mehr sicher, ob ich auf meine Gaming-Aversion jemals stolz sein konnte.

Im Laufe der Zeit ist jedenfalls eine gewisse Altersmilde in mein Gehirn eingezogen. Und auf meine Beziehung zum Gaming konnte sich die im Schlepptau daherkommende Toleranz positiv auswirken. Irgendetwas scheint sich entwickelt zu haben. Wie das bei Beziehungen sehr häufig der Fall ist, wenn man nur geduldig (oder in diesem Fall wegen ständig neuer Gaming-begeisterter Kinder gezwungenermaßen) dranbleibt. Vielleicht hat sich das Angebot verbessert, wahrscheinlich gelang es mir im Laufe der Zeit aber auch nur, die funkelnden Steine in einem großen Haufen Mittelmaß zu entdecken.

Ein paar Strahlen soziale Kompetenz zum Beispiel: Die Pandemiejahre hat das mittlere Kind vielleicht nur deshalb so gut überstanden, weil es beim gemeinsamen Online-Zocken mit den Schulfreunden nicht nur irgendwelchen Figuren auflauerte, sondern sich eben auch über Gott und die Welt unterhalten konnte. Im Grunde wie damals im schlammigen Graben oder auf dem Schulhof nur eben übers Headset.

Claudia Lehnen

Claudia Lehnen

Claudia Lehnen, geboren 1978, ist Chefreporterin Story/NRW. Nach der Geburt ihres ersten Kindes begann sie 2005 als Feste Freie beim Kölner Stadt-Anzeiger. Später war sie Online-Redakteurin und leitet...

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Wenn ich heute mit dem Jüngsten vor dem Bildschirm sitze, dann ertappe ich mich dabei, dass ich zumindest die Sport-Spiele irgendwie anregend und tatsächlich gemeinschaftsfördernd erlebe. Spielerischer Wettbewerb, der den Ehrgeiz von Generationen entzündet: Sie glauben ja gar nicht, was bei uns zu Hause los ist, wenn wir im Doppel die „extrem-stark“-Tennis-Ladies in fünf Sätzen besiegen. Oder wenn beim Golfen jemand den Birdie schafft. Dann rennt mindestens einer jubelnd durch die ganze Wohnung, Oma und Enkel, Vater und Sohn, Mutter und Tochter liegen sich in den Armen und beglückwünschen sich zu Taktik und Reaktion. Manchmal lohnt es sich jedenfalls dranzubleiben und ganz genau hinzusehen. Die Depression aus den 1980er Jahren scheint zumindest in solchen Momenten weit weg im Atari-Keller zurückgeblieben zu sein.