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Wartezeiten werden in Zukunft noch länger

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Dr. Matthias Schlochtermeier bildet junge Ärzte aus.

Elena K., 58 Jahre alt, hat rasende Rückenschmerzen. Der Hausarzt hat ihr Medikamente verschrieben, doch die Schmerzen lassen nicht nach. Ihre Terminanfrage bei einem Orthopäden brachte folgendes Ergebnis: „Dann kommen Sie doch in sechs Wochen am Donnerstag um 10 Uhr in die Praxis.“ Sechs Wochen lang konnte und wollte die 58-Jährige die Schmerzen nicht ertragen und setzte alle Hebel in Bewegung. Sie schaffte es nach nervenaufreibenden Telefonaten, dass sie bei einem anderen Orthopäden „schon“ in drei Wochen an der Reihe war. Solche und ähnliche Geschichten scheint jeder erzählen zu können, den man fragt, wie lange er denn auf einen Facharzt-Termin warten musste.

Gewürzt werden diese Schilderungen oft mit dem Zusatz: „Ich bin ja auch nur Kassenpatient.“ Keiner bezweifelt diese Erlebnisse von Patienten, aber auch an den Angaben der anderen Seite bestehen keine Zweifel: Es gab noch nie so viele Ärzte wie heute. Der Stand der medizinischen Versorgung ist dementsprechend gut, wird aber nicht so bleiben, denn 50 Prozent der praktizierenden Mediziner sind 55 Jahre und älter, das Ende ihrer Tätigkeit ist absehbar.

Damit einher geht, dass sowohl in Facharzt- als auch in Hausarzt-Praxen Engpässe in naher Zukunft programmiert sind. Unter anderem, weil Medizinstudenten vor allem dem Beruf als Hausarzt nicht allzu viel Positives abgewinnen können, die angebliche Arbeitsbelastung als zu hoch einschätzen, eine mögliche 24-Stunden-Erreichbarkeit nicht akzeptieren wollen und eine Wohnortverlagerung in weniger angenehme Standorte einer Stadt oder gar aufs Land ablehnen.

Ein volles Wartezimmer – die Patienten müssen viel Geduld haben.

Zudem sind rund 80 Prozent derjenigen, die Medizin studieren, Frauen. Sie wollen und wählen einen Alltag als Medizinerin, der ihnen Zeit und Raum gibt, sich Familie und Kindern zu widmen. Und sowohl männlichen als auch weiblichen Studierenden ist gleichermaßen wichtig: Mehr Work-Life-Balance und weniger Selbstausbeutung, wozu zweifelsfrei die Forderung gehört, dass qualitative Arzt-Patienten-Gespräche anteilig genauso gut bezahlt werden sollen wie Kernspintomographie, Röntgen, Computertomographie und weitere technische Leistungen.

Der, der das professionell beobachten und einschätzen kann, ist selbst Mediziner: Dr. Matthias Schlochtermeier, 48 Jahre alt, im Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung Rhein-Erft, Lehrbeauftragter an der Universität zu Köln in der Ausbildung für angehende und bereits praktizierende Hausärzte und selber seit 17 Jahren als Hausarzt tätig. Aufgrund der Arztdichte und eines niederschwelligen Angebots, das im europäischen Vergleich aus Sicht der Verantwortlichen seinesgleichen sucht, habe der Patient mit der Zeit ein hohes Anspruchsdenken entwickelt.

Aber kein Arzt könne 24 Stunden am Tag und das sieben Tage die Woche in Bereitschaft sein, „oftmals auch für Bagatelle-Erkrankungen“, so Schlochtermeier. Und mit Blick auf die nahe Zukunft ergänzt er: „Ab 2030, spätestens 2035, haben wir eine Bevölkerungsstruktur, in der die Jungen fehlen und die Zahl der Alten ständig steigt. Das heißt: Nur wenige zahlen ins Gesundheitssystem ein, deutlich mehr werden es in Anspruch nehmen.“ Fazit: „Spätestens dann kollabiert das System. Und alle Verantwortlichen wissen das.“

Wachsende Ansprüche an eine stetig bessere medizinische Versorgung könne man aber nicht den Patienten vorwerfen, sondern „dem Gesundheitssystem, das keine ordentlichen Rahmenbedingungen schafft, sondern immer da, wo sich Probleme auftun, zusätzliche Geldmittel investiere, weil bisher genügend Geld vorhanden sei, was die Probleme verdeckt, aber nicht löst“.

Die sind aber existent. „Köln“, so Schlochtermeier, „ist seit 30 Jahren für Neuzugänge von Ärzten gesperrt, weil die Versorgung auf dem Papier zu 100 Prozent und mehr gedeckt ist, unabhängig davon, in welchen Stadtteilen die Mediziner egal welcher Fachrichtung ihre Praxis haben.“ Die Deckelung auf einen 100-Prozent-Bedarf habe man den vormaligen Gesundheitsministern Horst Seehofer, CSU (1992-1998), und Ulla Schmidt, SPD, (2001-2009) zu verdanken.

Verschärfend kam hinzu, dass niedergelassene Ärzte aus den Problemvierteln in die nobleren Stadtteile wie Lindenthal und Junkersdorf gingen, weil dort dank eines größeren Potenzials an Privatpatienten die Verdienstmöglichkeiten besser sind. „Diese Abwanderung ist seit rund drei Jahren nicht mehr möglich“, sagt Schlochtermeier. Allerdings muss die Kassenärztliche Vereinigung bei Abwanderungsgedanken den Riegel vorschieben, der Gesetzgeber hat dafür lediglich den Weg geebnet.

Das mag all diejenigen nicht trösten, die wochenlang auf einen Facharzttermin warten, und der Zorn wird auch nicht gemindert durch den Hinweis darauf, dass es nun mal politisch so gewollt sei, dass der Patient einen Anfahrtsweg zum Arzt von 40 bis 60 Kilometern akzeptieren müsse, was für die Landbevölkerung längst Alltag sei. „In Köln aber erreicht man im Umkreis von fünf Kilometern jeden erdenklichen Facharzt, einen Hausarzt sogar im Umkreis von zwei Kilometern“, gibt Schlochtermeier zu bedenken. Und noch etwas grätscht in den Patientenanspruch nach einem zeitnahen Termin beim Facharzt: Leitlinien, die auf rund 80 Prozent der Patienten zuträfen.

Beispiel: Für die 58-jährige Rückenschmerz-Patientin Elena K. sieht die Leitlinie vor, dass es zu verantworten wäre, zumindest vier Wochen lang fachärztlich nicht zu therapieren, sondern mit gezielter Bewegung und Schmerzmitteln zu versuchen, die Beschwerden einzudämmen. Das alles könne der Hausarzt verordnen. Matthias Schlochtermeier plädiert demzufolge für ein hartes Primärarztsystem wie in Holland und England, wo der Hausarzt die Facharzt-Versorgung nach der Notwendigkeit steuert und „nicht nach Wunschkatalog“. Damit könne man verhindern, was in Köln und anderswo bei geschätzten zehn Prozent der Fachärzte Normalität zu sein scheint: Es wird über Bedarf behandelt. Fachärzte können ihre Nachfrage selber regeln, indem sie Patienten so oft es ihnen sinnvoll erscheint wieder einbestellen, was zu vollen Terminkalendern und langen Wartezeiten für andere Patienten führt. Schlochtermeier weiß, dass „auch in Köln das Problem der Überbehandlung existiert. Es gibt mittlerweile Anwälte, die Ärzte wegen Überbehandlung verklagen – und sie bekommen Recht“.

Wer nicht warten will, bis ein Termin in weiter Ferne beim Facharzt frei wird, wählt oftmals die Notfallambulanzen in den Kliniken, die zunehmend mit Patienten verstopft sind, die eben kein Notfall sind. „Die Spitzenzeiten dort sind werktags von 9 bis 12 Uhr. Da hat jede Praxis geöffnet“, so Schlochtermeier, der hinzufügt: „Man sollte mal die Krankenhäuser fragen, warum sie diese Patienten behandeln?“ Zudem böten Ärzte für Schmerzpatienten feste Sprechzeiten an. Es gebe aber auch Schmerzgeplagte, die den radikalen Weg einschlügen: Sie setzten sich trotz der Einwände des Praxispersonals ins Wartezimmer und machten keine Anstalten zu gehen, bis sie zum Facharzt vorgelassen würden. Einen Patienten aber gegen seinen Willen wegzuschicken, da müsse man schon ein breites Kreuz haben, so Schlochtermeier.

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Gesundheits- Check

Matthias Schlochtermeier, Hausarzt

Matthias Schlochtermeier