Abo

Kölner Karneval„Glück, dass noch nichts passiert ist“ – Keine Kontrolle der überfüllten Kneipen

6 min
11.11.2025
Köln:
Reportage über den Kneipenkarneval zur Sessionseröffnung „Elfter im Elften“ in der Südstadt und dem Belgisches Viertel.
ausgelassene Stimmung um 11.11 Uhr in der Ubierschänke
Foto: Martina Goyert

Sessionsauftakt 2024 in der Ubierschänke in der Südstadt: Volle Kneipe um 11.11 Uhr.

Nach dem verheerenden Feuer in Crans-Montana stellt sich die Frage nach der Sicherheit im Kölner Kneipenkarneval. 

Eine bittere Erkenntnis nach der Brandtragödie an Silvester in Crans-Montana ist, dass man oft erst dann über Verstöße spricht, wenn die Katastrophe schon passiert ist. Für Köln stellt sich nicht nur die Frage, wie Clubs und Kneipen in Sachen Brandschutz aufgestellt sind (wir berichteten), sondern auch, wie sicher der Kneipenkarneval ist. „Hier ist an Karneval noch nie etwas passiert. Ist das Glück? Jede Kneipe ist zu voll an Karneval. Wenn Panik ausbrechen würde, würde man erst danach darüber reden, wie man handeln müsste“, sagte ein Gastronom, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte.

Eine Redakteurin des „Kölner Stadt-Anzeiger“ schildert ein Erlebnis aus einem größeren Lokal in der Südstadt am Karnevalswochenende 2024. „Der schlauchförmige Raum war derart überfüllt, dass im hinteren Bereich kaum noch Luft zu bekommen war. Viele Gäste waren stark alkoholisiert, sodass sich die Menschen innerhalb ihrer Gruppen gegenseitig schützen mussten, um nicht angerempelt und zu Boden gestoßen oder gar eingequetscht zu werden.“ Das bedrückende Gefühl, eingeklemmt zu sein, sei schließlich so überwältigend geworden, dass sie ins Freie flüchtete und die Feier verließ.

Der Wirt des Chlodwigeck
Robert Hilbers
Köln
03.01.2020

Robert Hilbers im Chlodwigeck in der Südstadt (Archivbild)

An eine brenzlige Situation erinnert sich auch Robert Hilbers, Betreiber des Chlodwigeck in der Südstadt: Der Geisterzug zog 2017 an Karnevalssamstag durch die Südstadt und endete am Chlodwigplatz. „Es gab einen Moment kurz vor Massenpanik. Die Leute drinnen bei uns wollten unbedingt nach draußen, aber draußen wurde es immer knubbeliger. Draußen und drinnen war es zu voll, es waren zwei Wellen, die einander geschwappt sind. Es ist glimpflich ausgegangen“, sagt Hilbers.

Das Chlodwigeck gehört zu den beliebtesten Adressen an den Tollen Tagen, Hunderte Menschen warten stundenlang auf Einlass. Dieser läuft laut Hilbers mit zwei Türstehern routiniert ab. „Die haben einen Zähler, wenn der 180 Personen anzeigt, ist Schluss. Wenn voll ist, ist voll. Das Aggressionspotential steigt auch, wenn es zu eng ist“, so Hilbers. An einem gut besuchten Samstag kämen sonst 100 bis 120 Personen in die Kneipe, an Karneval werden Tische und Möbel extra weggeräumt, um Platz zu schaffen.

Kölner Wirt über volle Kneipen: „Einmal ist eine Frau kollabiert“

Es gebe drei Möglichkeiten, seine Kneipe bei Aufregung oder Gefahr zu verlassen, sagt Detlef Weisweiler von der Ubierschänke in der Südstadt: Neben dem Haupteingang führt eine Tür in der Herrentoilette nach draußen, eine weitere Tür im Lokal lässt sich allerdings nur nach innen öffnen, so Weisweiler. Seit 1998 ist er im Kneipenbetrieb. DJ und Bon-Verkäufer sitzen im Laden so hoch, dass sie einen guten Überblick haben und sofort per Ansagen und Musikunterbrechung in einen potenziellen Konflikt eingreifen könnten. „Bei möglichen Gefahren denke ich weniger an Brände als daran, dass einer kollabieren könnte“, sagt der Wirt.

11.11.2025, Köln: Mitarbeiter des Ordnungsamtes späten Nachmittag bei der Karneval Sessionseröffnung am 11.11. auf der Zülpicher Straße in Köln. Foto: Thilo Schmülgen

Mitarbeiter des Ordnungsamtes am späten Nachmittag beim Sessionsauftakt am 11.11.2024 an der Zülpicher Straße (Symbolbild)

Früher war Weisweiler Mitbetreiber im Alcazar im Belgischen Viertel. „Da ist mal eine Frau kollabiert, die haben wir dann zusammen mit Gästen durchs Fenster getragen, es gab dort das Problem der Frischluftzufuhr.“ In der Ubierschänke habe es so etwas Ähnliches noch nicht gegeben. „Wir haben zwei Türsteher und einer von uns Betreibern ist immer dabei.“ Rund 130 Gäste könnten sich im Laden aufhalten, ähnlich sei es bei Konzerten. „Natürlich ist es an Karneval relativ voll. Aber wir wollen es so voll haben, dass sich die Menschen noch bewegen können und zur Theke kommen, sonst verkaufen wir auch nichts mehr. Es ist ökonomisch unsinnig, den Laden zu voll zu machen.“

Über Gästezahlen werde sie keine Auskunft erteilen, sagt Paulina Rduch von der Kneipe Zum Goldenen Schuss im Belgischen Viertel. Rduch und ihr Team achten nach eigenen Angaben auf gute Luft im Laden. „Wir haben ein Klimagerät, das auch gut kühlt und eine funktionierende Lüftung“, so Rduch. Theke und Tür kommunizierten durchgehend, um die Lage einzuschätzen. „Ein guter Gradmesser ist, wie voll es an den Toiletten ist. Wenn es zu voll im Laden ist, verhängen wir einen Einlasstopp.“

Brandschutzexperte plädiert für Kontrollen auch bei Kneipen für unter 200 Personen

Wie viele Menschen sich gleichzeitig in einer Kneipe aufhalten dürfen, wird bereits im Bauantrag festgelegt. Dabei bewertet unter anderem ein Sachverständiger für Brandschutz, wie viele Personen dort sicher Platz finden können, wie ein Stadtsprecher erläutert. Kontrollen, ob diese Höchstzahl im laufenden Betrieb eingehalten wird, gibt es allerdings in der Regel nicht. Grundsätzlich gilt: „Die Verantwortung, dass die Versammlungsstätte jederzeit für Besucherinnen und Besucher sicher zu benutzen ist, hat der Gesetzgeber in NRW dem Betreiber auferlegt“, so der Stadtsprecher.

Eine Prüfpflicht für das Bauaufsichtsamt besteht nur bei Veranstaltungsstätten, die für mehr als 200 Personen zugelassen sind. Auch an Karneval, wenn viele Kneipen augenscheinlich aus allen Nähten platzen, finden laut Stadtsprecher keine routinemäßigen Kontrollen durch Bauaufsichts- oder Ordnungsamt statt – es sei denn, der Stadt werden konkrete Hinweise auf eine Überfüllung gemeldet.

Als Versammlungsstätte gilt der Ort erst bei einer Personenzahl ab 200. Ab dieser Zahl wird auch ein umfangreicheres Brandschutzkonzept verlangt. Carsten Rössig, Brandschutz-Experte und -dienstleister mit Sitz in Düsseldorf, sagt: „Ich finde, dass auch Kneipen für unter 200 Personen routiniert kontrolliert werden sollten. Kitas und andere Einrichtungen werden auch regelmäßig überprüft; ich habe auch schon erlebt, dass in der Bar die Kabel von der Decke hängen.“ Rössig ist mit seiner Firma oft in Köln und in ganz NRW aktiv. „Es ist nie ausgeschlossen, dass der Betreiber selbst auch Bohrer und Hammer in die Hand nimmt“, so Rössig.

Kölner IG Gastro über überfüllte Kneipen an Karneval: „Wirte sind sensibel für die Stimmung“

Maike Block von der IG Gastro in Köln

Maike Block von der IG Gastro in Köln

Die in der Baugenehmigung definierte, zulässige Personenzahl darf sich temporär ändern, wenn für Karnevalspartys die Möbel weggeschafft werden und plötzlich mehr Platz zur Verfügung steht. Das ist ohne Baugenehmigung möglich, bestätigt ein Stadtsprecher auf Anfrage. Dass ein Restaurant an Karneval kurzzeitig ebenfalls zur Partylocation mutiert, liegt daran, dass Lokale in Köln einige Male im Jahr ihre Betriebsart kurzzeitig geduldet verlassen dürfen – so kann man zum Beispiel auch als Speisegastronomie ein Jubiläum feierlich begehen. Die Karnevalstage seien damit auch abgedeckt, so erzählt es IG-Gastro-Geschäftsführerin Maike Block aus der Praxis.

Wieviel mehr Personen es während einer temporären Umnutzung sein dürfen – dafür könne sie keine genaue Formel benennen, da es vom Einzelfall und den konkreten baulichen Gegebenheiten vor Ort abhänge, sagt Block. „Tische sind extrem raumgreifend und Stolperfallen. Der Bürgerladen Fette Kuh zum Beispiel hat 32 Sitzplätze, wenn die an Karneval feiern, schätze ich, dass 80, 90 Personen darin einen Stehplatz finden.“

Wirte berichten ihr auch, dass die Stadt an Karneval dennoch stichprobenartige Überprüfungen durchführt, wenngleich nicht auf Überfüllung hin: Beispielsweise kontrolliere das Ordnungsamt, ob Notausgänge frei oder ausreichend beleuchtet sind, oder ob Alkohol an Jugendliche ausgeschenkt werde, so Block.

„Der Kneipenkarneval ist ziemlich einzigartig in dieser Form und dadurch sehr schützenswert. Die Gastronomen haben dafür eine Sensibilität. Man kennt es: Wenn im Laden die Stimmung kocht, alle auf dem Peak sind, wird plötzlich ‚In der Kaffeebud‘ gespielt und die Leute stöhnen: Aber dann war es nötig“, sagt Block. Nach der Pandemie habe sich das Ausgeh- und Trinkverhalten der Gäste ohnehin verändert. „Grundsätzlich gibt es ein höheres Sicherheitsverständnis und -bedürfnis. Leute, die ängstlich sind, meiden solche Locations und Events noch eher.“