Als Luftakrobatin flog Vivi Paul-Roncalli bis vor ein paar Jahren selbst regelmäßig durch die Manege. Nun übernimmt sie an anderer Stelle Verantwortung.
Tochter von Bernhard PaulVivi Paul soll irgendwann Direktorin des Circus Roncalli werden

Der Kostümfundus des Circus Roncalli ist einer der Lieblingsorte von Vivi Paul-Roncalli.
Copyright: Alexander Schwaiger
Die Regale erzählen einen Teil der Geschichte des Circus Roncalli. Fünf Jahrzehnte Manege sind im Kostümfundus des Unternehmens auf Bügeln und in beschrifteten Kisten untergebracht. Rokoko-Roben neben Paillettenjacken, Blumenkostüme und unzählige der rot-goldenen Roncalli-Uniformen. Die Welt der bunten Kostüme zog Vivi Paul-Roncalli schon als Kind magisch an. Besonders begeisterten sie die Designs von Maria Lucas, der im vergangenen Jahr verstorbenen Mutter aller Roncalli-Kostüme. „Ich habe Maria Lucas als Powerfrau und Künstlerin bewundert“ sagt Paul. „Durch sie habe ich eine Passion für das Thema entwickelt.“ Der Kostümfundus in einem Ehrenfelder Hinterhof ist deshalb auch heute ein Lieblingsort der ältesten Tochter von Roncalli-Gründer Bernhard Paul. „Ich würde hier gerne viel mehr machen. Aber die Zeit fehlt.“
Die Zeit, die ihr in Ehrenfeld fehlt, wird nämlich an anderer Stelle benötigt. Schon seit einigen Jahren ist Vivi Paul offiziell die Stellvertreterin ihres Vaters und bringt sich an vielen Stellen im Unternehmen ein. Irgendwann, so der Plan, wird sie gemeinsam mit ihren Geschwistern Lili und Adrian die Geschicke an der Spitze des Unternehmens übernehmen.
Circus Roncalli: Vivi Paul lernte in vielen Bereichen des Unternehmens
Vivi Paul ist ein Zirkuskind, wuchs zwischen Wohnwagen und Zirkuskünstlern auf und wirbelte als Luftakrobatin selbst durch die Manege – zuletzt 2021. Nicht immer war klar, dass sie einmal in die Fußstapfen ihres Vaters treten würde. „Als Teenager will man nicht das Gleiche wie die Eltern machen", sagt Paul. „Da hat man die wildesten Überlegungen, die sich jeden Tag ändern.“
Doch der Zirkus ist nun mal ihr Zuhause. Besonders klar wurde ihr das in der Pandemie. „Wir wussten nicht, ob es danach überhaupt weitergehen würde. Dieses Gefühl, diese Verzweiflung, hat mir gezeigt, dass ich das unbedingt mache möchte.“ Und ihr war klar: Damit es dauerhaft weitergehen kann, auch wenn sich ihr Vater irgendwann nicht mehr um alles kümmern kann, muss sie lernen. Und sie lernte: Der Kostümfundus war ihr erstes Projekt. Während der Pandemie nahm sie sich die Zeit, den Fundus an seinem neuen Standort auszumisten und zu strukturieren. Eine Aufgabe, die ihr Vater mit seiner ausgeprägten Sammel-Leidenschaft vermutlich nicht hätte übernehmen können. Aus der Krisen-Aufgabe wurde schnell eine Herzensangelegenheit.
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Als nächstes kam das Künstler-Casting als Aufgabe hinzu. Vivi Paul ging in der Zirkuswelt auf die Suche nach neuen Roncalli-Gesichtern. Zunächst nur für das Apollo Varieté in Düsseldorf, später auch für den Zirkus. Und auch sonst schnupperte sie in alle Unternehmensbereiche, um möglichst viel Wissen aufzusaugen. „Das klingt, als wäre man die ganze Zeit unterwegs. Vor allem ist es aber ein Bürojob mit vielen Besprechungen. Das war eine große Umstellung für mich. Ich kannte ja nur das Artistenleben.“

Am liebsten würde Vivi Paul-Roncalli sich noch viel mehr im Kostümfundus einbringen.
Copyright: Alexander Schwaiger
Auch wenn Vivi Paul im Zirkus-Unternehmen immer mehr Verantwortung übernimmt – das letzte Wort hat immer noch ihr Vater. Vor allem für die Jubiläumstour zum 50-jährigen Roncalli-Bestehen hatte Bernhard Paul ganz genaue Vorstellungen. Die Zusammenarbeit sei harmonisch, was nicht heißt, dass es nicht auch mal Meinungsverschiedenheiten gibt. „Es wäre unnormal, wenn wir immer genau das Gleiche denken würden, das wäre ein bisschen gruselig.“ Ihr Vater habe gemerkt, dass sie Verantwortung im Unternehmen übernehmen will. „Das macht ihn glücklich. Und er gibt mir dadurch immer mehr Vertrauen."
Zu den weniger geliebten Tätigkeiten einer stellvertretenden Zirkus-Direktorin zählen für Paul öffentliche Auftritte außerhalb der Manege, etwa das Reden vor großen Gruppen. „Mir machen andere Sachen mehr Spaß, aber ich mache es.“ Langjährige Beobachter attestieren: Auch hier geht die Entwicklung steil in die richtige Richtung.
Der Circus Roncalli ist praktisch unsere älteste Schwester
Einen langfristigen Plan, wann die Tochter den Vater auf der Direktoren-Position beerbt, gibt es nicht. Bernhard Paul, Ende Mai feiert er seinen 79. Geburtstag, hat häufig betont, er werde Zirkus machen, solange er lebe. „Der Circus Roncalli ist praktisch unsere älteste Schwester. Die wird er nicht einfach sitzen lassen, und uns drei auch nicht.“
Vivi Pauls Impulse für die Entwicklung des Circus Roncalli fließen längst in die Programme ein. Mit konkreten Zukunftsvisionen bleibt sie aber zurückhaltend. Sie wünscht sich mehr eigene Roncalli-Nummern, dass Künstler zum Zirkus kommen, auf ihre bekannte Nummer verzichten und gemeinsam mit Experten für Musik und Kostüm etwas komplett Neues entwickeln. Grundsätzlich gehe es in Zukunft darum, die Roncalli-Ästhetik und die Liebe zum Detail zu erhalten, ohne stehenzubleiben. „Wir müssen auch respektieren, dass sich der Mensch verändert hat.“ Durch die hohe Bildschirmzeit am Handy sei es schwieriger geworden, die Aufmerksamkeit der Menschen zu bekommen. „Wir müssen die Leute fesseln und ihnen auch in den kommenden Jahren immer wieder etwas Neues bieten.“