Das Herzzentrum will mit dem neuen Kölner Ecmo-Netzwerk krankenhausübergreifend die Rettung einer sehr speziellen Patientengruppe optimieren.
Überleben nach HerzinfarktKölner Uniklinik peilt internationalen Spitzenwert an

Peter Wessling (Mitte) vor der Kölner Uniklinik mit Herzskulptur und den Herzspezialisten Stephan Baldus (l.) und Lenard Conradi.
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Seine Frau habe ihm Bilder der gemeinsamen Kinder gezeigt und nach deren Namen gefragt. „Da habe ich schnell geschaltet, in welcher Situation ich bin“, erzählt Peter Wessling. Es war keine gute, sein Herz hatte versagt. Aber in diesem Moment mit den Fotos hatte der inzwischen 58-Jährige das Schlimmste bereits überstanden. Nach fünf Tagen Bewusstlosigkeit und maximaler Hilfe durch hoch spezialisierte Mediziner und Pflegekräfte sowie modernste Maschinen im Herzzentrum der Uniklinik Köln war er auf dem Weg zurück ins Leben.
Heute, gut zwei Jahre später, posiert Wessling putzmunter mit den beiden Chefärzten Stephan Baldus (Kardiologie) und Lenard Conradi (Herzchirurgie) vor einer großen Herzskulptur vor der Uniklinik. Er präsentiert sich gern als perfektes Beispiel für den Nutzen des neuen Ecmo-Netzwerkes, das die Uniklinik aktuell mit den rechtsrheinischen Krankenhäusern in Merheim, Kalk und Porz sowie dem St. Vinzenz im Kölner Norden aufbaut.
Der Anschluss an eine Ecmo verschafft den Herzchirurgen Zeit
Ecmo, das steht für Extracorporeal Membrane Oxygenation, zu deutsch: Herz-Lungen-Maschine. Wird ein Patient an eine Ecmo angeschlossen, übernimmt diese die Funktion von Herz und Lungen, reichert also das durchlaufende Blut mit Sauerstoff an und pumpt es dann wieder durch den Körper. Nach einem Herzinfarkt kann das eine Möglichkeit sein, den Patienten auch dann zu retten, wenn sein Herz durch eine Reanimation nicht wieder in den normalen Rhythmus gelangt. Der Anschluss an die Ecmo kann den Herzchirurgen die nötige Zeit verschaffen, um den Defekt am Herzen zu beheben.
Bei Peter Wessling ist das bestmöglich gelungen. Er konnte sich nach der Prozedur sofort an die Namen seiner Kinder erinnern und war mit seiner Familie schon wieder in den Bergen auf einer Skiroute unterwegs. Bleibende Schäden habe er nicht davongetragen, sagt der Kölner.

Peter Wessling und eine Herz-Lungen-Maschine – eine solche Ecmo hat ihm im Herzzentrum der Uniklinik Köln nach einem Herzinfarkt das Leben gerettet.
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Ein Wunder-Heilmittel für Menschen nach Herzinfarkt ist der Anschluss an eine Ecmo allerdings nicht. Die Methode kommt nur für einen sehr kleinen Patientenkreis infrage, in Köln sind das nach Angaben der Uniklinik rund 50 pro Jahr. Ein Menschenleben auf diese Art zu retten, sei „die höchste Stufe der Komplexität in der Notfallversorgung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen“, sagt Stephan Baldus, Leiter des Herzzentrums an der Kölner Uniklinik und Chef der Kardiologie.
Im internationalen Durchschnitt erreichten 20 bis 25 Prozent der so behandelten Patientinnen und Patienten wieder einen körperlich und geistig guten Zustand, sagt Baldus. Nur knapp jeder Vierte also. Die Erfolgsquote an der Kölner Uniklinik liege bei 25 Prozent, weltweit führend sei Minnesota mit 30 Prozent. „Das klingt wenig“, sagt Lenard Conradi, der Chef der Herzchirurgie: „Aber die Alternative ist ja ein nahezu hundertprozentiges Versterben. Diese Methode ist die einzige Option für diese Patienten.“
Beim Einsatz der Ecmo ist die Zeit der größte Gegenspieler der Ärzte
Die Behandlungsmethode ist hoch komplex, sehr teuer und bindet in den Krankenhäusern viele Ressourcen. Trotzdem werde sie, wenn es angebracht ist, ohne Wenn und Aber eingesetzt, sagt Baldus. Diskussionen über die Kosten des deutschen Gesundheitssystems spielten in solchen Notfallsituationen keine Rolle. Er könne sich gut vorstellen, was seine Behandlung gekostet habe, sagt Wessling. „Aber diese Zahl ist irrelevant für mich, ich lebe und kann hoffentlich noch rund zehn Jahre arbeiten und meine Familie versorgen. Das allein zählt.“
Der größte Gegenspieler der Ärzte bei der Rettung von Menschenleben mit Hilfe der Ecmo ist die Zeit. Bleibt ein Herz stehen, bricht im Körper die Sauerstoffversorgung zusammen. Ab da zählt jede Minute. Je schneller die Reanimation einsetzt, der Transport ins Krankenhaus läuft, dort der Anschluss an die Ecmo erfolgt – desto größer ist die Überlebenswahrscheinlichkeit. „Das Gehirn ist mehr als alle anderen Organe auf Sauerstoff angewiesen“, sagt Conradi: „Und deshalb nimmt das Gehirn als allererstes Schaden, wenn kein Sauerstoff mehr zur Verfügung steht.“ Spätestens nach fünf Minuten ohne funktionierenden Kreislauf trete ein irreversibler Hirnschaden ein.
Der Zusammenbruch muss unter Beobachtung erfolgt sein
Deshalb kommt der Einsatz einer Ecmo bei Herzinfarktpatienten nur unter sehr streng gefassten Bedingungen infrage. Unter anderem muss der Zusammenbruch des Patienten beobachtet und es muss sofort mit einer Reanimation begonnen worden sein. Die Ärzte aus dem Herzzentrum der Uniklinik wollen das als Appell an die Bevölkerung verstanden wissen. Wer den Zusammenbruch eines Menschen miterlebt, kann dessen Überlebenschancen durch eine sofortige Laien-Reanimation deutlich erhöhen. Das passiere aber immer noch zu selten in Deutschland.
Der Anschluss an eine Ecmo muss dann innerhalb von 60 Minuten erfolgen. Nach der Ankunft des Patienten in der Klinik werden im Optimalfall zehn Minuten benötigt. Aber nur, wenn speziell geschulte Teams nach einem Anruf aus dem Krankenwagen vor Ort schon alles vorbereitet haben. Um das für Patienten aus ganz Köln zu schaffen, reicht die Uniklinik als einziger Standort nicht aus, mancher Weg wäre zu weit. Deshalb sollen im Norden und rechtsrheinisch weitere Zentren mit hoher Expertise entstehen.
In Paris wird die Ecmo zum Patienten transportiert
Die französische Hauptstadt Paris etwa geht einen anderen Weg. Dort werden Ecmo und Spezialisten zum Patienten transportiert, der Anschluss kann mitten auf der Straße erfolgen. Studien dazu, ob das zu besseren Erfolgen führt, gebe es bislang nicht, sagt Baldus. In Köln sei man überzeugt: „Der Nutzen der perfekten Umgebung im Krankenhaus überwiegt den leichten zeitlichen Versatz.“ Heißt: Lieber noch 20 Minuten durch den Transport verlieren, als den Anschluss der Ecmo unter möglicherweise nicht optimalen Hygienebedingungen zu wagen.
„Wir werden alle Patienten, die innerhalb dieses Netzwerkes mit der Ecmo behandelt werden, in einem Register sammeln“, kündigt Baldus an. Man wolle aus den Fällen lernen und sich gegenseitig helfen, besser zu werden. Ziel sei es, in Köln bundesweiter Vorreiter für diese Art der Notfallbehandlung zu werden und die Erfolgsrate von 30 Prozent aus Minnesota zu erreichen – oder gar zu überbieten. „Mit einer ungewöhnlichen Partnerschaft unterschiedlicher gesundheitsversorgender Einrichtungen wollen wir die optimale Notfallversorgung für diese Patienten hinbekommen“, sagt Baldus, „das ist unsere Vision“.
Wessling hatte an einem Abend im Februar 2024 über Schmerzen in Brust und Arm sowie Übelkeit geklagt. Seine Frau schickte ihn an die frische Luft und rief den Notarzt. „Als die Tür des Rettungswagens zu ging, war er noch ansprechbar“, erzählt sie. Dann sei im Innern Hektik ausgebrochen. „Da war ich weg“, sagt Wessling. „Kammerflimmern“, sagt sie. Ihr Mann musste im Rettungswagen reanimiert werden, so habe man es ihr später erzählt. „Ich weiß nichts mehr“, sagt er. Bis zu den Bildern.
