Der Roman „Die Prophezeiung der Muscheln“ beschreibt die Odyssee des gebürtigen Jordaniers Mohamed S. Zarini, der in Köln eine zweite Heimat fand.
Buchdebüt mit 88 JahrenKölner Arzt schreibt seine Lebensgeschichte

Erika und Mohamed Zarini sind seit 53 Jahren verheiratet.
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Nicht die „Einsamkeit...“, sondern die „Freiheit des Langstreckenläufers“* erscheint als passendes Gleichnis für Mohamed Saeed Zarini in Anlehnung an eine Persönlichkeit, die allen Widrigkeiten zum Trotz ihre Ziele verfolgt. Der Pensionär wurde 1937 im Jordantal geboren und beschloss bereits als Jugendlicher, in die Welt zu ziehen, um einer vorausgesagten Bestimmung zu folgen. In Köln fand der Sohn eines Straßenbauers und einer Hausfrau in den 1960er und 70er Jahren seine berufliche und familiäre Erfüllung. Der Herzchirurg im Ruhestand blickt nun literarisch auf seine Reise zurück.
Im Teenageralter prophezeite ihm eine Wahrsagerin die Zukunft als angesehener Bürger in einem fernen Land. Zudem würde er dort seine Herz-Königin finden. Im Alter von 88 Jahren hat der Müngersdorfer nun mit „Die Prophezeiung der Muscheln“ seinen Debüt-Roman veröffentlicht. „Alles, was mir von der Frau – sie hieß Rabiha – als 15-Jähriger geweissagt wurde, trat ein. Es ist genau so geschehen“, berichtet Zarini über das Ereignis, das sein Leben verändern sollte.
Die Prophezeiung der Muscheln
„Sie hatte ein schönes Gesicht mit schwarzen Augen und dunkelrot gefärbten Lippen. Das Kleid reichte bis zu den Füßen. Um ihre Taille hatte sie einen roten Gürtel, der vorn mit einem Knoten gebunden war. Ihr schwarzes Kopftuch hatte sie um den Hals gelegt und um die Stirn trug sie ein Band. (…) Rabiha fasste die Muscheln in beide Hände, und während sie diese schüttelte, sollte ich meinen vollen Namen nennen. ‚Saeed Ben Jusef‘, antwortete ich. Dabei warf sie die Muscheln in meine Richtung auf den Boden. Ein-, zwei-, dreimal studierte sie die auf dem Boden zerstreuten Objekte und mein Gesicht… “, beschreibt der Autor im ersten Kapitel jene Momente, als wären sie erst gestern geschehen.
Das Schicksal klopfte damals an einem heißen Augusttag in Person der Nuriye (arab. f. Wahrsagerin) an die Pforte der Familie und bat um etwas Geld gegen die Offenbarung der Zukunft. „Das war mein Glück und gleichzeitig die Verzweiflung meiner Mutter, denn durch die Betonung der Ferne konnte es sich bei der großen Liebe nun wirklich nicht um meine Cousine handeln, die natürlich in der Nähe lebte“, erzählt der ehemalige Herzchirurg, der noch vor drei Jahren als Arzt praktizierte. Im besten Fall hätten seine Eltern mit einer Ausbildung zum Lehrer gerechnet. Doch angetrieben von der Vision Rabihas wollte der junge Mann mehr. Ein Medizinstudium sollte es sein, um später anderen Menschen helfen zu können, denn Zarini erlebte von klein auf die Übergriffe der britischen Besatzer und das Aufbegehren der Einwohner gegen die damit verbundene Gewalt.
Auch sein Vater wurde ein Opfer der Machtkonstellationen, geriet gar zwischen die Fronten, da ihm von einheimischen Widerstandskämpfern die Kollaboration mit den Fremdherrschern vorgeworfen wurde. Infolge von Kriegen in der Region musste die Familie fliehen. „Es ist eigentlich vollkommen irrsinnig, Grenzen zwischen den Menschen zu ziehen oder gar über ein Leben zu bestimmen. Wir müssten uns doch überall ohne Schwierigkeiten begegnen und näherkommen können“, wundert sich der Zeitzeuge auch heute noch über die Konflikte zwischen den Nationen. Nach seinem Abitur arbeitete der Absolvent unter anderem als Fremdsprachenlehrer für einen Scheich. In der Lektüre beschreibt der Autor seine Wahrnehmung der irrealen Lebensverhältnisse zwischen Arm und Reich.
Odyssee nach Köln
So freundet er sich beispielsweise mit einem Sklaven an, der ein vielversprechender Fußballspieler ist, aufgrund seines Status jedoch seine Träume nicht wahrwerden lassen kann. Gegen den Willen seiner Familie schlägt Zarini die lukrativen Angebote für langfristige Lehrtätigkeiten aus und sammelt genug Geld, um ein Medizinstudium in Europa aufnehmen zu können. Anbahnenden Romanzen erteilt er nach eingehender Untersuchung, ob es sich vielleicht um die angekündigte Erfüllung handelt, stets eine Absage. Einer Odyssee im Zug über den Balkan nach Österreich und schließlich in die BRD folgt das gescheiterte Unterfangen, an der Berliner Charité Fuß zu fassen.
Wiederum auf Umwegen gelangt der Migrant nach Köln und findet in Lindenthal ein Zimmer. Bei Aufenthalten in der Innenstadt ist der Student oftmals vor dem Schaufenster der Buchhandlung Gonski anzutreffen. Hier verliert er sich in Tagträumen, einmal seinen eigenen Roman in der opulent dekorierten Auslage zu sehen. Bei einer lokalen Karnevalsveranstaltung der medizinischen Fakultät wird er schließlich seiner großen Liebe gegenüberstehen: Erika, der das Buch gewidmet ist. Das Paar ist nun seit über 53 Jahren verheiratet.
Zarinis Werk besticht durch authentische Schilderungen und die darin oft eigene Situationskomik, etwa bei der Auswahl einer geeigneten Krawatte für die Hochzeit oder den Missverständnissen im Zusammenhang mit Sitten und Gebräuchen. Ferner steht die Erzählung für die Sehnsucht nach einem friedlichen und wertschätzenden Zusammenleben der Kulturen. Vor allem ist es jedoch die Leidenschaft des Protagonisten, der unbeirrt seinen Weg über tausende Kilometer verfolgt, die zu begeistern vermag.
Der unprätentiöse, fließende Erzählstil in oftmals kurzen Sätzen sorgt für Leichtigkeit trotz schwieriger Themen. „Ich bin Rabiha unendlich dankbar für die Hoffnung, die sie in mich streute, als ich selbst hoffnungslos war. Ohne ihren Besuch in unserem Dorf wäre ich heute nicht hier“, so der vierfache Vater und zehnfache Großvater. Das zweite Buch über eine erlebnisreiche Autofahrt von Wien nach Istanbul ist fertig. Und auch für die Fortsetzung der Lebensreise des Mohamed S. Zarini ist das Manuskript bereit für neue Zeilen. Das Werk ist neben einer deutschen Übersetzung auch auf Arabisch erschienen.
*„Die Einsamkeit des Langstreckenläufers“, Erzählungen, Alan Sillitoe, 1959
„Die Prophezeiung der Muscheln“, Mohamed S. Zarini, Medu Verlag, 2026, 255 S., 14,95 Euro, ISBN 978-3-96352-168-3
