Experten sprechen von der stummen Epidemie. Wie ein neues Nierenzentrum in NRW chronische Nierenerkrankungen erforschen und damit Patienten helfen will.
Zentrum für NierenerkrankteGemeinsam gegen die stille Epidemie

Zusammen mit der Blase bilden die Nieren das menschliche Harnsystem.
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Professor Thomas Benzing ist Direktor der Klinik für Innere Medizin an der Uniklinik Köln und einer der führenden Nephrologen Deutschlands. Zusammen mit Kollegen in Aachen und Düsseldorf hat er ein ehrgeiziges Projekt ins Leben gerufen: ein Center of Excellence in Nephrology, das gegen chronische Nierenerkrankungen ankämpft.
Herr Benzing, fragt man Menschen danach, um welche ihrer Organe sie sich sorgen, dann kommt da als Antwort das Herz, der Darm, das Gehirn. Die Niere nennt da kaum jemand. Ist sie so gesund wie wir glauben?
Thomas Benzing: Bei vielen eben nicht. Mehr als zehn, wahrscheinlich sogar 15 Prozent der Bevölkerung leiden unter einer chronischen Nierenerkrankung – aber nur etwa zwei Prozent wissen, dass sie betroffen sind. Stellen Sie sich vor: Ein Patient hatte einen Herzinfarkt, kennt seine Cholesterinwerte, überwacht seinen Blutdruck. Aber ob seine Nieren funktionieren? Das hat er nie überprüfen lassen. Dabei ist eine eingeschränkte Nierenfunktion einer der stärksten Risikofaktoren für genau solche Katastrophen: Herzinfarkte, Schlaganfälle, Herzinsuffizienz.
Das klingt nach Zeitbombe.
Genau. Und hier kommt das Verrückte: Die Nierenerkrankung verursacht zusammen genommen mehr Jahre schwerer Krankheit und Leiden als alle Krebsarten zusammen. Gleichzeitig verschlingt sie über 20 Prozent der Kosten im gesamten deutschen Gesundheitssystem. Und niemand redet wirklich darüber. Das ist die stumme Epidemie, von der wir sprechen.
Warum sind die Nieren so bedeutsam?
Das lässt sich recht gut erklären. Die Nieren halten das Stoffwechselgleichgewicht im gesamten Organismus, in allen Organen: Körperwasser, Körpervolumen, Elektrolyte, Blutdruck, Sauerstoffversorgung, Stoffwechsel und Giftstoffe, Säure-Base-Haushalt, Konzentration der Körperflüssigkeiten – all das wird durch die Nieren reguliert und in einem stabilen, gesunden Gleichgewicht gehalten. Hierfür filtrieren die Nieren sagenhafte 180 Liter an Primärharn pro Tag. Das ist die Menge eines ganzen Schwimmbads im Leben eines Menschen.
Was passiert, wenn die Filtration nicht richtig klappt?
Bereits eine leichte Einschränkung dieser Filtrationsfunktion beeinträchtigt das Stoffwechselgleichgewicht und erhöht das Risiko für Schlaganfall, Herzinfarkt, Demenz oder andere Komplikationen wie Infektionen. Das Herz funktioniert nicht mehr richtig, die Blutgefäße leiden, die Knochen, die Lunge, die Leber. In der Corona-Krise starben Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion überproportional häufig, nicht weil das Virus die Lunge zerstörte, sondern weil die Niere ihnen nicht mehr half, den Stoffwechsel zu regulieren. Das ist ein bisschen so, als würde der Dirigent in einem Orchester ausfallen. Dann bricht alles zusammen.

Thomas Benzing ist Direktor der Klinik für Innere Medizin an der Uniklinik Köln und einer der führenden Nephrologen Deutschlands.
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Wenn die Niere so wichtig ist, warum haben wir dann gute Behandlungen nicht längst entwickelt?
Das ist die zentrale Frage, aber hier kommt ja nun unser neues Zentrum ins Spiel. Das Problem ist: die häufigen Nierenerkrankungen werden durch eine unglaublich hohe Zahl an ganz unterschiedlichen Erkrankungen verursacht, die zum Teil selten sind. Dadurch gibt es viel zu wenige gezielte Studien und bislang zu wenige für die Patienten maßgeschneiderten Therapien. Ein Patient könnte eine Autoimmunerkrankung haben wie Lupus, der andere eine Gefäßentzündung, der nächste eine Schädigung durch Diabetes und hohen Blutdruck, wieder einer hat eine genetische Mutation. Bis jetzt konnten wir diese Mechanismen nicht wirklich erfassen. Wir sagten dem Patienten: „Leider ist Ihre Nierenfunktion schlecht, wir stellen den Blutdruck ein." Mehr konnten wir nicht tun.
Aber jetzt ändert sich das?
Zumindest stehen wir jetzt an der Schwelle. In unseren drei Top-Zentren Köln, Aachen und Düsseldorf wollen wir jeden Patienten auf molekularer Ebene analysieren. Wir entnehmen eine Gewebeprobe aus der Niere, sequenzieren sie auf Einzelzellebene, nutzen Computer, um herauszufinden: Was treibt diese Erkrankung bei genau diesem Patienten? Und dann können wir sagen: Du brauchst dieses spezifische Medikament. Oder: Du passt in diese Studie für ein neues Therapeutikum. Das ist Präzisionsmedizin, wie wir sie auch aus der Onkologie kennen. Wir haben sehr konsequent und entschlossen an diesem Konzept gearbeitet und gerade in Köln ein weltweit sichtbares Zentrum der Nierenforschung etabliert, das wir nun mit zwei weiteren Top-Zentren zusammenschließen.
Ist dann auch eine vollständige Heilung möglich?
Nicht immer. Es gibt Erkrankungen wie Lupus, bei denen wir früh handeln und die Niere komplett retten können. Gefäßentzündungen, sogenannte Vaskulitiden, können wir heilen, wenn wir schnell eingreifen. Aber es gibt auch Fälle, wo Nierenfunktion bereits verloren ist. Da können wir nur verhindern, dass es noch schlimmer wird.
Warum wissen Patienten nicht, dass sie betroffen sind?
Weil die Niere praktisch nie wehtut. Bei echten Nierenproblemen merkt man oft überhaupt nichts. Die Erkrankung läuft stumm ab. Deswegen müssen wir mehr testen: Im Grunde tun es einfache Labortests, die zum Beispiel Kreatinin im Blut und die Ausscheidung von Eiweiß im Urin messen. Das sollte jeder mal beim Hausarzt überprüfen lassen.
Und wenn da was nicht stimmt?
Dann muss man früh handeln und entschlossen therapieren. Aber jeder Mensch kann auch selbst etwas tun: Auf regelmäßige Schmerzmittel verzichten – die zerstören kranke Nieren besonders schnell. Manche Säureblocker sind problematisch, bestimmte Antibiotika. Risikofaktoren sollte man minimieren: regelmäßige körperliche Bewegung, kein Übergewicht, Blutdruck kontrollieren, auf Diabetes checken.
Kann man die Dialyse heute verhindern?
Das ist das große Ziel. Aber schon dann, wenn wir die Zahl der Patienten verringern, die eine Dialyse brauchen, sinkt die Belastung und die Chancen auf eine Transplantation für diejenigen, die es benötigen, steigen. Dass wir zu wenig Spenderorgane haben, ist bekannt. Wenn wir die Patienten verringern, die ein Organ brauchen, haben diejenigen, die wirklich eins brauchen, viel bessere Chancen. Auch entwickeln wir im neu etablierten Zentrum innovative Transplantationsmethoden, von denen unsere Patienten profitieren.
Was genau bringt das Center of Excellence für die Patienten?
Wir bündeln die Kraft von drei international hoch renommierten nephrogolischen Kliniken. Dadurch können unsere Patienten noch früher eine zielgerichtete Behandlung erhalten. Nehmen wir an, wir haben in Köln einen Patienten mit einer sehr seltenen Nierenerkrankung und in Düsseldorf die passende Studie dazu. Dann können wir das zusammenbringen. Auch die Transplantationsdaten legen wir zusammen. Das geballte Wissen macht uns zu einem international führenden Zentrum, wie es das in dieser Form in ganz Europa nicht gibt.
Das klingt gut. Aber der Druck, sich diesen Erkrankungen zu widmen, ist auch ziemlich hoch, nehme ich an.
In der Tat. Global sind 850 Millionen Menschen betroffen. In Europa mehr als 75 Millionen, davon allein in Nordrhein-Westfalen mehr als zwei Millionen. Und die Zahlen steigen. Bedingt durch die Überalterung, aber auch den Lebensstil, die falsche Ernährung, die fehlende Bewegung. Experten weltweit sprechen von einer „kidney health crisis". Diese Welle können wir nur aufhalten, wenn wir herausfinden, was genau die Erkrankung bei jedem einzelnen Patienten auslöst. Wir haben in Köln ein herausragendes Zentrum aufgebaut, und die Möglichkeit, das nun durch den Zusammenschluss mit Aachen und Düsseldorf nochmals auf ein ganz anderes Level zu bringen, erfüllt uns mit großer Freude.
