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Krebskranke Eltern„Er hatte doch gesagt, dass er für mich kämpfen wird“

8 min
Mutter und Kind sitzen auf einer Wiese, man sieht sie nur von hinten.

Wenn ein Elternteil an Krebs erkrankt, brauchen auch die Kinder Unterstützung, um mit der veränderten Situation klar zu kommen. An der Uniklinik Köln gibt es dafür eine Anlaufstelle.

Wenn Eltern an Krebs erkranken, wiegt etwas noch schwerer als die Angst vor der Krankheit: Die Sorge um das Wohl des Kindes.

Ihr Vater, so sagt sie, war ein starker Mann. Einmal ist er ihrem Drachen hinterhergerannt, der ihr bei heftigem Wind aus den Händen geglitten war, und dabei in einen Stacheldraht gestürzt. Die vielen Wunden, die er davontrug, hat er einfach weggelacht. Von Montag bis Donnerstag hat er alle Arbeit weggeschafft, der Freitagnachmittag gehörte seiner Tochter und dem Schwimmbad. Sie war sein „Papa-Kind“. Er hat ihr eine „Bilderbuch-Kindheit“ beschert. Auch als die Krankheit schon dabei war, seinen Körper von innen aufzufressen und er sich nur noch mit den Armen am Treppengeländer in den ersten Stock hochziehen konnte, kam da kein Klagen über seine Lippen. „Mein Vater hat nie geweint.“

Irgendwann kam dann dieser Mai, Stefanie war gerade 15 Jahre alt und sie hatte keine Lust auf Basketball. Zufällig hörte sie mit, wie ihre Mutter sie bei der Trainerin mit den Worten entschuldigte, ihr Vater liege im Sterben. „Ich war unglaublich zornig, habe sie angeschrien: Wie kannst du so etwas sagen?“ Dass dieser zähe Mann irgendwann nicht mehr da sein könnte, lag außerhalb jeglicher Vorstellungskraft. Eine Woche später war er tot. 

Fast dreißig Jahre liegt dieser Maitag zurück, als ihr Leben brutal auseinandergerissen wurde in ein Vorher und ein Nachher. Stefanie ist heute Anfang 40 und sitzt in der Uniklinik Köln. Blondes halblanges Haar, das schwungvoll wippt, wenn sie den Kopf bewegt, ein sommerlich gestreifter Pullover, ein analytischer Blick aus hellen Augen, der so wirkt, als würde die Frau dahinter sich nicht so leicht etwas vormachen lassen. Und doch hat sie dieses eine Mal ihre Hoffnung in einer Absolutheit über das Wissen gestellt, dass sie heute noch Schwierigkeiten hat, zu verstehen, was damals genau passiert ist.

„Ich war 14 Jahre alt, als ich das Röntgenbild meines Vaters sah. Ich hatte keinerlei medizinische Ausbildung, aber ich sah sofort, dass die gesamte Knochenstruktur quasi verschwunden war. Es sah aus, als hätte sich sein Becken aufgelöst. Und trotzdem war ich sicher, dass er gesund wird. Er hat schließlich gesagt, dass er für mich und meine Mutter kämpfen wird.“ Verwunderung liegt in ihrer Stimme, ein bisschen Trotz. An seinem letzten Weihnachtsfest musste er immer wieder den festlich gedeckten Tisch verlassen, um sich im Badezimmer zu übergeben. Auf Krücken schleppte er sich den Flur entlang, wegen der Metastasen konnte er sich kaum über die Toilette beugen. „In meinem Kopf sind tausend solcher Szenen, die sich für immer in mein Gehirn eingebrannt haben.“ Die Schmerzen versuchte er da immer noch wegzulachen. Über die Möglichkeit eines Abschieds wurde nie gesprochen.

Manche Krisen holen einen wieder ein

Stefanie hat jahrzehntelang versucht, dieses Trauma zu überwinden. Sie hat mit Freunden gesprochen, versucht, therapeutische Hilfe zu finden. Als das alles nicht klappte, weil ein Freundinnennachmittag, auf dem hauptsächlich über Jungs und Liebesprobleme gesprochen wird, eben keine professionelle Hilfe ersetzt und Therapien für Kinder krebserkrankter Eltern in den 1990er Jahren irgendwie noch nicht vorgesehen waren, hat sie versucht, einfach weiterzuleben. Das Loch mit Erlebnissen zu stopfen. Mit Fleiß, einem exzellenten Abitur, mit großen, hellen Lebensentwürfen, einem Mann, einem Kind. „Ich konnte irgendwann wieder nach vorn gucken. Konnte Glück zulassen, Freude, eine Perspektive.“

Aber manche Krisen lassen sich nicht einfach abschütteln, auch dann nicht, wenn man richtig Gas gibt. Sie lauern im Rückspiegel und holen einen immer wieder ein. Bei Stefanie haben sie es vor vier Jahren einen Tag vor Heiligabend geschafft. Eine Routineuntersuchung ergab den Verdacht, der sich in den ersten Tagen des neuen Jahres bestätigte. Der Krebs. Wieder. Diesmal in ihrem eigenen Körper.

Ein zweiter Riss, eher eine Erdplattenspaltung. „Ich hatte ohnehin Angst zu sterben. Aber die Tatsache, dass ich Mutter bin, hat diese Angst einfach zigfach potenziert. Ich weiß, wie schlimm es ist, einen Elternteil zu verlieren. Die Vorstellung, mein Kind nun selbst nicht großziehen zu können, es alleine lassen zu müssen, war das Allerschlimmste. All die Nebenwirkungen der Chemotherapien, auch der Haarverlust, waren wirklich nichts dagegen.“

Die Mutter organisiert Ersatz

Stefanie und ihr Mann wollten alles richtig machen. Die Krankheit zu verschweigen oder zu verharmlosen, erschien ihnen falsch. „Wir haben Lisa sofort gesagt, dass ich schwer krank bin. Dass ich starke Medikamente brauche. Dass ich lange Zeit auch ausfallen werde, sowohl bei der Arbeit als auch im Haushalt als auch als Spielgefährtin oder bei Ausflügen.“ Stefanie ist manchmal so schwach, dass sie morgens kaum aus dem Bett robben kann und sofort wieder liegen muss, sobald die Tochter im Kindergarten ist.

Was ihr dennoch gelingt: Sie organisiert Ersatz. „Wir haben uns oft mit mehreren Kindern und deren Müttern getroffen. Ich war zwar nicht mehr dabei, aber die anderen haben Lisa mitgenommen und deshalb hat sich für sie gar nicht so viel geändert.“ Schließlich war Stefanie auch vorher nicht immer dabei, wenn sie da auch nicht im Bett, sondern bei der Arbeit war. Auch Stefanies Mutter und ihr Schwiegervater übernehmen Ausflüge und tägliche Hilfen. „Lisa hat es gar nicht so sehr hinterfragt, warum plötzlich der Opa mit ihr in den Zoo gegangen ist. Am Ende war sie im Zoo – das war die Hauptsache.“

Trotzdem entwickelt Lisa irgendwann Ängste. „Gerade wenn ich im Krankenhaus war, haben sich schlimme Szenen abgespielt, weil sie sich nicht von mir trennen wollte. Und auch heute erschrickt sie immer sehr, wenn ich mir zum Beispiel den Fuß anstoße und fragt mich dann dauernd, ob es mir auch gut gehe.“

Stefanie will, dass sich ihr Schicksal nicht wiederholt. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich ihr Wunsch erfüllt, ist hoch. Die Krebsmedizin hat sich seit den 1990er Jahren sehr weiterentwickelt, sie hat keine Metastasen, die Chancen, dass sie ihre Tochter bis weit in deren Erwachsenenleben begleiten wird können, stehen gut. Aber der Tod ist nicht das einzige, wovor Stefanie die Tochter bewahren will. Sie will auch, dass sie therapeutisch nicht allein gelassen wird. Die psychotherapeutischen Angebote haben sich in den vergangenen 30 Jahren zwar weiterentwickelt, befinden sich gerade aber unter dem Spardruck des Gesundheitssystems wieder in der Krise. „Es ist unglaublich schwer, einen Therapieplatz zu finden.“

Hier kommt Regine Dülks ins Spiel. Sie ist Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin und Familientherapeutin und leitet die „Initiative Kinder krebskranker Eltern“, ein Gemeinschaftsprojekt der Uniklinik Köln und des Vereins Lebenswert. Etwa zwanzig Kinder und Jugendliche pro Woche hilft sie, mit der schweren Erkrankung eines Elternteiles zurechtzukommen, darunter ist nun auch die mittlerweile sieben Jahre alte Lisa, Stefanies Tochter. Manche kommen nur dreimal, andere mit Pausen viele Jahre lang.

Regine Dülks, leitende Therapeutin für Kinder krebskranker Eltern.

Regine Dülks, leitende Therapeutin für Kinder krebskranker Eltern, sagt: „Kinder können Schicksalsschläge wie eine elterliche Krebserkrankung verarbeiten und auf der Seite des Lebens bleiben, wenn sie dabei begleitet werden und nicht aus dem Blick geraten.“

Dülks spielt mit Puppen Operationen nach, sie lässt sie ihre Angst malen, oder im Sandkasten nachbauen, sie bespricht aber auch, wie im schlimmsten Fall ein guter Abschied gelingen kann. Was will ich noch sagen? Will ich am Sterbebett sitzen? Vormachen jedenfalls will sie den Kindern nichts. „Viele Eltern möchten ihre Kinder schützen, vor belastenden Lebensereignissen wie einer Krebserkrankung. Doch über Sorgen und Ängste mit Kindern nicht zu sprechen schützt ihre Kinder nicht wirklich. Sie bekommen in der Familie mit, wenn etwas nicht stimmt und ihre Fantasien sind oft schlimmer als die Realität. Deshalb ist die altersgerechte transparente und offene Kommunikation über die elterliche Erkrankung so wichtig und hilft den Kindern, ihre Ängste, mit denen sie sonst alleine gelassen sind zu teilen, sie ernst zu nehmen und zu verringern.“ sagt Dülks.

Den Kinder altersgerecht zu erklären, was genau bei einer Krankheit oder einer Krebstherapie passiert, sei zudem immer hilfreich. Wissen reduziere die Angst und befreie von Ohnmacht. Auch Schuldgefühle ließen sich dadurch abbauen. „Viele Kinder denken ja, sie seien schuld, dass es der Mama schlecht geht, weil sie vielleicht zu anstrengend waren.“ Wichtig sei ihr auch, dass Kinder krebskranker Eltern weiter das Schöne im Leben zulassen könnten. Spielen. Fröhlich sein. Witze erzählen. Quatsch machen. Alltag. Denn genau der gebe Stabilität und Sicherheit. „Kinder können Schicksalsschläge wie eine elterliche Krebserkrankung verarbeiten und auf der Seite des Lebens bleiben, wenn sie dabei begleitet werden und nicht aus dem Blick geraten.“

Lisa, so sagt ihre Mutter, freut sich auf die Termine mit Regine Dülks. Schon nach dem ersten Besuch sei viel Anspannung von ihr abgefallen. Gerade weil ihre Mutter immer darauf bedacht ist, Stärke zu zeigen, war sie sich eine Zeit lang nicht mehr ganz sicher, ob man ihr nicht doch etwas vormachte. Von einer externen Person gesagt zu bekommen, dass es der Mutter nun viel besser gehe, habe sie erleichtert. Als Stefanie und ihr Mann sie bei Dülks abholten, sei sie auf sie zugerannt und habe gesagt: „Mama, jetzt muss ich mir endlich nicht mehr so viele Sorgen um dich machen.“


Das Benefizkonzert der KammerMusikKöln zugunsten des Projekts „Kinder krebskranker Eltern“ (in Kooperation mit der Uniklinik Köln und dem Verein LebensWert e.V.) findet am Sonntag, den 21. Juni 2026 um 18:00 Uhr in der Trinitatiskirche in Köln statt.

Spenden für „Kinder krebskranker Eltern“: Uniklinik Köln, IBAN: DE04 3702 0500 0008 1500 00, BIC: BFSWDE33XXX, Bank für Sozialwirtschaft Köln, Verwendungszweck: PSP-8001-9381-0011