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Unterwegs mit der AWB75.000 Weihnachtsbäume warten in Köln auf die Entsorgung

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180 Sammelplätze und Haustürservice: Wie sich Köln von den Weihnachtsbäumen verabschiedet und sie in Biomasse verwandelt.

Wie sieht er aus, der vorbildliche Weihnachtsbaum, der kurz nach dem Besuch der Heiligen Drei Könige aus der Wohnung geflogen ist und am Straßenrand auf seine Abfuhr wartet? Benjamin Kubitschek hat da sehr präzise Vorstellungen. Wenn seine Besitzer schon zu bequem sind, ihr Bäumchen zu einem der 180 Sammelplätze zu schleppen, die in den Veedeln noch bis zum 13. Februar als Auffanglager dienen werden, sollte er wenigstens gut sichtbar vor der Haustüre liegen.

Die Regeln sind eindeutig: ohne Kugeln, Lametta, Lichterketten, mit der Spitze zur Straße, nicht größer als 2,10 Meter, keinesfalls in eine Baumscheibe gequetscht, wegen der Tretminen, die Hundebesitzer dort leider immer noch hinterlassen. „Am besten kleine Sammelstellen bilden. Dann sehen wir sie besser“, sagt der Disponent der Abfallwirtschaftsbetriebe.

In der Innenstadt wird begonnen, dann geht es raus in die Stadtteile

Oh du Fröhliche! Für Kubitschek lässt sich der erste Tag gut an. Am frühen Morgen hat er neun Müll- und einen Eckenwagen auf die erste Abholtour geschickt. Ohne Eckenwagen geht es nicht. Mit dem kommt man rückwärts auch noch in die engste Gasse. Vor allem in Höhenhaus ist das wichtig. Doch so weit sind wir noch lange nicht. Geografisch ist die Sache klar. „Wir beginnen in der Innenstadt und arbeiten uns immer weiter nach außen vor.“

Da geht es lang: Marcel, Hakan und Andreas studieren die Weihnachtsbaumroute durchs Veedel.

Da geht es lang: Marcel, Hakan und Andreas (v.l.) studieren die Weihnachtsbaumroute durchs Veedel.

Donnerstag um acht. Die erste Sammelstunde ist vorbei. Auf dem Severinskirchplatz kuscheln mindestens hundert Ausrangierte miteinander. Dicht an dicht, fein säuberlich abgelegt, als hätten sie in der Nacht die Reste der Weihnachtsstubenwärme miteinander geteilt, bevor sie ihre letzte Fahrt auf den Hof der Abfallverwertungsgesellschaft nach Niehl antreten, um dort geschreddert und zu Biomasse verarbeitet zu werden.

Andreas, Hakan und Marcel, das Sperrmüllwagen-Trio, scheint zufrieden. Je kleiner das Bäumchen, desto weiter der Flug in die Ladeluke, in der es knackt und kracht, wenn Äste zerbrechen und Stämme zermalmt werden. Das macht den Männern sichtlich Spaß.

AWB bietet Haustürservice für 5000 Straßen

75.000 Bäume haben die Abfallwirtschaftsbetriebe (AWB) vergangenes Jahr auf diese Weise entsorgt, damals aber auch viel Kritik einstecken müssen, vor allem im Rechtsrheinischen, weil es dort zu wenig Sammelplätze gab und die Termine erst spät im Januar lagen.

Daraus haben die AWB ihre Lehren gezogen. Und so geht Benjamin Kubitschek im Abfuhrjahr 2026 auf Nummer sicher. Weil es den Haustürservice in jeder der rund 5000 Kölner Straßen nur einmal gibt, hören alle zehn Müllwagen-Trupps auf sein Kommando. Wenn eine Kolonne ihr Veedel durchkämmt hat, muss sie die Kollegen im benachbarten Veedel unterstützen.

Es kann ja auch mal dazwischenkommen. Wie bei der Crew, die wir begleiten. Bei der Abfahrt vom Severinskirchplatz muss der Fahrer improvisieren. Ein Sensor, der beim Rückwärtsfahren vor möglichen Hindernissen warnt, streikt.

Trittbrettfahrer: Die AWB haben ihre Sperrmüllfahrzeuge für die Baumabfuhr mit Trittbrettern nachgerüstet.

Trittbrettfahrer: Die AWB haben ihre Sperrmüllfahrzeuge für die Baumabfuhr mit Trittbrettern nachgerüstet.

Weil der Nutzfahrzeughandel keinen Sperrmüllwagen mit Weihnachtsbaumabfuhr-Sonderzubehör bereithält, haben die Abfallwirtschaftsbetriebe improvisiert und die Trittbretter, von denen die Müllwerker auf- und abspringen können, in Eigenregie ergänzt. Trittbretter mag der dahinterliegende, höchst empfindliche Sensor leider gar nicht und muss deshalb gelegentlich neu justiert werden.

Wenn wir Sperrmüll fahren, brauchen wir die Trittbretter nicht
Benjamin Kubitschek, Disponent

„Wenn wir Sperrmüll fahren, brauchen wir die Trittbretter nicht“, sagt Disponent Kubitschek. „Da haben wir größere Entfernungen. Aber bei jedem Weihnachtsbaum aus dem Auto raus und wieder rein, wäre viel zu aufwendig.“

Sensor justiert, weiter geht’s. Fahrer Andreas ist zufrieden. Und so kommt es am Donnerstag auf der Severinstraße gegen 10.45 Uhr doch noch zum Treffen der Giganten. Drei Müllwagen für zwei Weihnachtsbäume an der U-Bahnstation Kartäuserhof, die sich in Höhe des Odeon-Kinos hinter einer Leuchtreklame ziemlich gut versteckt haben. Wenn das kein Einschüchterungsversuch ist. Ihr entkommt uns nicht.

Voll geschmückt mit Kugeln und Lichterketten am Rand der Josephstraße. Diesen Baum lassen die Männer der AWB zurück.

Voll geschmückt mit Kugeln und Lichterketten am Rand der Josephstraße. Diesen Baum lassen die Männer der AWB zurück.

Danach trennen sich die Wege. Privat, sagt Fahrer Andreas, habe er mit den Weihnachtsbäumen abgeschlossen. Oder besser: seine Frau. „Dieses Mal hatten wir noch einen. Aber jetzt ist Schluss. Der macht einfach zu viel Dreck.“ Rein beruflich sehe er das anders. „Die Bäume sind ein Wirtschaftsfaktor und sichern Arbeitsplätze. Unsere doch auch.“

Geschmückter Weihnachtsbaum wird nicht mitgenommen

Das Trio biegt nach rechts in die Josephstraße, stoppt vor einem der seltenen Weihnachtsbaum-Exemplare, die gegen alle gültigen Abfuhrregeln verstoßen. Eingequetscht in einer Baumscheibe, mit Kugeln und dem üblichen Firlefanz behängt, zwei Lichterketten, batteriebetrieben, und einem roten Stern. Fehlt nur noch Lametta. Ein Anarchist, der alle Regeln sprengt und zu spontanen Solidaritätsadressen von Passanten führt, die den Müllmännern gelten. „Also, das gibt es doch gar nicht.“

Doch. Das gibt es. Zwar selten, aber immer noch. So viele Augen kann die Crew gar nicht zudrücken und lässt das Exemplar zurück. Am Ende wird es wohl die Müllabfuhr entsorgen müssen.

Müllwagen-Treffen im Severinsviertel: Zwei Trupps rollen durch die schmalen Straßen auf der Suche nach Bäumen.

Müllwagen-Treffen im Severinsviertel: Zwei Trupps rollen durch die schmalen Straßen auf der Suche nach Bäumen.

So wie die Bäume, deren Besitzer vor lauter Ordnungsliebe oder Pedanterie das Häckseln schon vor der Abfuhr übernommen haben. Ein zweigloser Stamm, der in der Kälte vor sich hinzittert, während es sich die Äste in einem blauen Müllsack vor Wind und Wetter geschützt so richtig gemütlich machen. „Plastiktüten nehmen wir grundsätzlich nicht mit“, sagt Disponent Kubitschek. Und Riesenbäume auch nicht. „Da kriegen wir Probleme mit der Presse. Weil die Stämme zu dick sind.“

Wer will das schon? Probleme mit der Presse. Deshalb bitten Kubitschek und AWB-Sprecher Jörg Daniel eindringlich, die Kölnerinnen und Kölner daran zu erinnern, den Baum am Abfuhrtag allerspätestens um sieben Uhr morgens an den Straßenrand zu stellen. Möglichst in Kleingruppen. Gut sichtbar. Bei so vielen Bäumen und so vielen Straßen könne man den Haustürservice nur einmal anbieten. Er endet am 23. Januar. Machen wir doch gern.

„An den Sammelstellen schauen wir bis zum 13. Februar immer wieder mal vorbei“, verspricht der Disponent. Das ist elf Tage nach Mariä Lichtmess, dem Fest der Darstellung des Herrn im Tempel. Elf Tage Karenzzeit für die ganz besonders katholischen Exemplare unter den Bäumen. Wie sich das gehört, im hillije Kölle.