Chorweiler – Kaum waren die Bielefelder Studenten in Chorweiler angekommen, lief ihnen auf dem Pariser Platz auch schon ein glühender Lokalpatriot über den Weg. Das war Martin Joppien, der vom Einkaufen kam und sich bereitwillig auffordern ließ, vom Leben in Chorweiler zu berichten. Seit 19 Jahren wohne er im Viertel, identifiziere sich voll und ganz, sei in Heimersdorf aufgewachsen, erzählte der 51-Jährige, der als Paketzusteller arbeitet. Der Stadtteil habe zwar einen schlechten Ruf, der entspreche aber nicht der Realität. Manche Communitys schotteten sich eher ab als andere, im Allgemeinen sei das multikulturelle Miteinander jedoch von Offenheit geprägt. Die jungen Leute hörten mit Interesse zu.
In Bielefeld gebe es mit Baumheide einen vergleichbaren Stadtteil, ebenfalls mit Hochhausbebauung und sozialen Problemen, die Gegensätze seien aber weniger scharf, sagte später Marie-Féline Malavasi (19), Geschichtsstudentin im zweiten Semester. Die Gruppe mit 33 Teilnehmern, begleitet von den Dozenten Friederike Neumann und Alexey Tikhomirov, war ein Geschichtsgrundkurs der Universität Bielefeld auf zweitägiger Exkursion in Köln. Das Thema hieß „Religiöse Pluralität in Vormoderne und Moderne“.
In Köln ging es darum, das Zusammenleben der Religionen in der Gegenwart zu erkunden. Besucht wurden unter anderem die Keupstraße, die Zentralmoschee in Ehrenfeld, das NS-Dokumentationszentrum. Einen Tag verbrachte die Gruppe in Chorweiler, der Stadtteil war deshalb Ziel, weil hier überdurchschnittlich viele Religionsgemeinschaften ansässig sind, von denen sich drei – evangelische, katholische und jüdische Gemeinde – am Pariser Platz sogar einen Gebäudekomplex teilen.

Die beiden Pfarrer Bernhard Ottinger-Kasper (v.l.) und Ralf Neukirchen berichteten den Studenten aus Bielefeld vom Zusammenleben der Religionen in Chorweiler (Bild links). Gruppenbild mit Martin Joppien (4.v.l.), einer Zufallsbekanntschaft (Bild Mitte). Friederike Neumann und Alexey Tikhomirov, Geschichtsdozenten von der Uni Bielefeld, machten Pause im türkischen Imbiss an der Lyoner Passage (r.).
Copyright: Karine Waldschmidt
Bernhard Ottinger-Kasper, evangelischer Pfarrer, nahm die Besucher in Empfang, Pfarrer Ralf Neukirchen von der Gemeinde Hl. Johannes XXIII. stieß dazu. Anschließend wechselte die Gruppe zum jüdischen Begegnungszentrum. Am Nachmittag ging es zur Ditib-Moschee in Feldkassel. Außerdem fand ein Gespräch mit Bezirksbürgermeister Reinhard Zöllner statt. Der evangelische Pfarrer Die drei monotheistischen Religionen Christentum, Islam und Judentum hätten dieselbe Wurzel, nur die kulturelle Ausprägung sei verschieden, sagte Bernhard Ottinger-Kasper, Pfarrer der evangelischen Gemeinde. „Wir Christen sind im jüdischen Ölbaum eingepfropft.“ Demonstrativ trug er ein T-Shirt mit dem hebräischen Zeichen für L’Chaim (Auf das Leben) – einige Studenten erkannten es prompt. Die evangelische Gemeinde zählt 5000 Mitglieder, etwa die Hälfte ist gebürtig aus Russland. Der Sonntagsgottesdienst in der Kirche am Pariser Platz sei mit 100 Gläubigen in der Regel gut besucht, so der Pfarrer. Die Zusammenarbeit der Gemeinden in Chorweiler sei nicht besonders eng, auch wenn man etwa im Arbeitskreis „Frieden“ Kontakte pflege. „Man lebt eher freundlich nebeneinander her.“
Seit dem Amtsantritt von Rainer Maria Woelki als Erzbischof wehe wieder „ein scharfer Wind“. Mit den Katholiken in aller Öffentlichkeit einen ökumenischen Gottesdienst zu feiern, sei momentan nicht möglich. Das Negativimage von Chorweiler sprach Ottinger-Kasper ebenfalls an, es habe keine Berechtigung: „Ich bin hier seit 32 Jahren Pfarrer, in der Zeit wurde mir einmal ein Rad geklaut und ein Fenster eingeschlagen, die Leute leben hier sehr gern, es geht relativ friedlich zu, es gibt kaum Knatsch.“ Der katholische Pfarrer Ralf Neukirchen, der katholische Pfarrer, kam auf sein Lieblingsprojekt zu sprechen, die Friedensglocke. Vorführen konnte er sie nicht, sie tat gerade Dienst in Pesch. Kurz nach seinem Amtsantritt im Oktober 2013 habe er erfahren, so Neukirchen, dass der Namensgeber der Gemeinde, Papst Johannes XXIII., heiliggesprochen werden sollte. Der Papst hatte 1963 vor dem Hintergrund der Kubakrise eine Friedensenzyklika veröffentlicht.
Das Fest der Heiligsprechung nahm Neukirchen zum Anlass, um Ende April 2014 bei einer großangelegten Aktion auf dem Pariser Platz öffentlich eine Kirchenglocke gießen zu lassen – der Clou ist, dass sie mobil ist, weil sie in einem transportablen Fahrgestell hängt. Die Chorweiler Friedensglocke reist seither durch die Gegend, kann gegen eine Spende von jedermann angefordert werden. Parallel erschien damals die „Chorweiler Friedenserklärung“, die unterzeichneten nahezu alle im Stadtbezirk aktiven religiösen Gemeinschaften. Die Botschaft sei, so Neukirchen: „Man kann an einem Ort zusammen leben, ohne eigene Überzeugungen aufgeben zu müssen.“ Der Leiter des jüdischen Begegnungszentrums

Die beiden Pfarrer Bernhard Ottinger-Kasper (v.l.) und Ralf Neukirchen berichteten den Studenten aus Bielefeld vom Zusammenleben der Religionen in Chorweiler (Bild links). Gruppenbild mit Martin Joppien (4.v.l.), einer Zufallsbekanntschaft (Bild Mitte). Friederike Neumann und Alexey Tikhomirov, Geschichtsdozenten von der Uni Bielefeld, machten Pause im türkischen Imbiss an der Lyoner Passage (r.).
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Ilya Rivin, gebürtig aus Weißrussland und Sozialarbeiter von Beruf, leitet seit zwei Jahren das jüdische Begegnungszentrum. Eröffnet wurde es vor zehn Jahren, als Filiale der Synagogen-Gemeinde an der Roonstraße. Aktuell leben rund 900 Juden in Chorweiler, viele Kontingentflüchtlinge aus Russland, die in den 90er Jahren übersiedelten. Anfangs sei das Zentrum Juden vorbehalten gewesen, doch längst habe man sich geöffnet, erklärte Rivin. Auch Nichtjuden hätten Zugang. Zwar gebe es eine Sicherheitsschleuse, die erachte man für notwendig, aber: „Wir versuchen offen und transparent zu sein, haben nette, schöne Kontakte zu den Christen und Muslimen im Stadtbezirk.“
Erfolgreich zum Beispiel sei ein Theaterprojekt mit dem deutsch-türkischen Verein gewesen, das habe fantastisch geklappt. Das Begegnungszentrum bietet Beratung und Freizeitangebote, es ist barrierefrei ausgelegt. „Kann man in Chorweiler Kippa tragen?“, fragte ein Student. „Schwierig, ich würde es wohl eher nicht empfehlen, auch wenn wir uns eigentlich hier sicher fühlen“, antwortete Rivin. Fälle von antisemitischem Mobbing seien aus den Schulen in Chorweiler bekannt. „Einmal hatten wir ein Gemeindefest, ein Junge wurde zufällig von Klassenkameraden gesehen und daraufhin gehänselt, seine Eltern nahmen ihn von der Schule, weil sie nicht kämpfen wollten.“ Es sei bitter, wenn immer ausgerechnet das Mobbingopfer die Folgen ausbaden müsse. In Düsseldorf bestehe ein jüdisches Gymnasium, auch in Köln gebe es eine solche Initiative, weil Eltern wollten, dass sich ihre Kinder in der Schule wohlfühlen. „Aber Segregation ist ein schwieriges Thema“, so Rivin. „Wir fühlen uns als Teil der Gesellschaft.“ Die Bielefelder Besucher „Wir waren gut vorbereitet, hatten viele Texte gelesen, durch die Begegnung ist das Thema lebendig geworden“, erklärte Marie-Féline Malavasi nach dem Besuch in Chorweiler. Es sei ihr aufgefallen, dass fast alle Gesprächspartner betonten, dass der Stadtteil doch schön wäre. „Anscheinend stehen sie ziemlich unter Rechtfertigungsdruck“, sagte sie nachdenklich. Lehramtsstudentin Dilara Erdem (19): „Das war ein echt spannender Tag.“ Das Hochhausviertel habe sie beeindruckt. „Das war krass, im Einkaufszentrum fühlte ich mich wie überall, als ich aber rauskam und die Riesenhochhäuser sah, war ich verwirrt.“ Angetan war sie vom Moschee-Besuch in Feldkassel: „Ich war vorher noch nie in einer Moschee, weil ich Alevitin bin, es war eine sehr nette Atmosphäre, es waren ältere Leute da, auch junge, das fand ich gut.“
Begeistert von Köln war die Dozentin Friederike Neumann: „Ein unglaubliches Pflaster, überall findet man Hinweise auf Religion, der städtische Raum ist religiös geradezu aufgeladen, das hat etwas Überwältigendes.“

Ilya Rivin, Leiter des jüdischen Begegnungszentrums
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