Der geniale Jazz-Trompeter wäre am 26. Mai 100 Jahre alt geworden. Niemand hat die Musik so oft verändert wie er. Eine Würdigung.
100. GeburtstagWie Weltraummusik aus Köln Miles Davis beflügelte

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„Nun, ich habe fünf oder sechs Mal die Musik verändert“, soll Miles Davis während eines Dinners im Weißen Haus der Gattin eines Politikers geantwortet haben, die ihn gefragt hatte, womit er sich denn seine Einladung verdient habe. Laut einer zotigeren Variante dieser Anekdote war es Nancy Reagan höchstselbst, die seine Verdienste anzweifelte. Was sie denn so Besonderes geleistet habe, setzte Davis in dieser Version hinzu, außer mit dem Präsidenten zu schlafen?
Das ist mit großer Wahrscheinlichkeit frei erfunden. Der Trompeter und die First Lady sollen sich ganz ausgezeichnet verstanden haben. Doch seine steile Behauptung – nicht nur ein Genre, sondern die Musik an sich gleich mehrfach verändert zu haben –, die ist die reine Wahrheit. An diesem Dienstag wäre der streitbare Jazz-Gott 100 Jahre alt geworden, in seinen 65 Erdenjahren hatte er so viele waghalsige Haken geschlagen, dass man in seinem Werk noch immer Neues entdecken kann: Aussichten auf eine Zukunft, die noch nicht von der Gegenwart überholt wurde.
Mehr Raum für die Dunkelheit
Hätte Miles Davis nach dem Zweiten Weltkrieg sein Instrument eingepackt, oder sich im Stil seiner ersten Erfolge eingerichtet, diesen bestenfalls verfeinert, er wäre als Bebop-Hipster eine Legende geblieben, beinahe auf einer Höhe mit quecksilbrigen Solisten wie Charlie Parker und Dizzy Gillespie, mit denen er Mitte der 1940er zusammen spielte.
Stattdessen trat er auf die Bremse, reduzierte die Anzahl der Noten pro Takt radikal, ließ weite, offene Räume zu, machte Platz für die sich ausbreitende Dunkelheit. Als „Birth of the Cool“ wurden später die Aufnahmen seines Nonetts veröffentlicht, mit dem er zwischen 1948 und 1950 zum ersten Mal die Musik verändert hatte. Ist das noch Jazz?, hatten damals Kritiker gefragt, die sich vielmehr an Maurice Ravel und andere französische Impressionisten erinnert fühlten.

Der amerikanische Jazzmusiker Miles Davis in jungen Jahren.
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Davis ging dann tatsächlich nach Paris, wo er sich als Künstler endlich ernst genommen fühlte (und eine Affäre mit Juliette Gréco hatte). Zurück in den USA geriet seine Heroinabhängigkeit außer Kontrolle und eine Zeit lang beutete er als Zuhälter Frauen aus, um sich über Wasser zu halten. Aber die fieberhafte Suche nach neuen Wegen beeinträchtigte das kaum: Mit seinem Album „Walkin’“ (1957) etablierte er den Hard-Bop-Stil, die Härte des Blues kehrte in die Musik zurück, der Klang existenzieller Verlassenheit blieb. Davis benutzte jetzt den Harmon-Dämpfer, spielte nah am Mikrofon.
Ganz sanft klang das, vibratolos und verloren, und doch nicht ohne metallische Schärfe. Dieser Ton überdauerte alle Neuerfindungen, die Verlorenheit verfolgte ihn, egal, in welche Richtung er sich wandte. Ob es der modale Jazz war – der Solist löst sich vom tonalen Zentrum – oder der elektrifizierte. Ersterer gipfelte in „Kind of Blue“, dem meistverkauften Jazz-Tonträger überhaupt, letzterer löste mit „In a Silent Way“ (1969) und mehr noch mit „Bitches Brew“ (1970) den größten Schockmoment in Davis’ musikalischer Laufbahn aus. Als „Fusion“ verlieh diese Wendung dem dahinsiechenden Jazz auch kommerziell zu neuem Leben.
So kommt Karlheinz Stockhausen ins Spiel
Jenseits der allgemein anerkannten Meisterwerke gibt es freilich einen noch spannenderen Davis zu entdecken. Etwa auf „In the Corner“ (1972) – halb europäische Avantgarde, halb schwarzer Funk. Der britische Cellist Paul Buckmaster hatte seinem Bandleader Karlheinz Stockhausens elektronische Kompositionen „Telemusik“, „Hymnen“ und „Gruppen“ empfohlen. Davis verarbeitete diese „weird space music“ aus Köln sogleich zu seinem eigenen Gebräu, zur Mixtur aus serieller Musik, schwerem Funk und Ornette Colemans federleichten Free-Jazz-Höhenflügen – der Ur-Ur-Großvater, wie ein US-Kritiker erst in diesem Jahrtausend erkannte, von Hip-Hop, House, Jungle und Post-Rock.
Auch die ruppigen, unversöhnlichen Alben vor seinem langen Rückzug Mitte der 70er – „Get Up with It“, „Agharta“, „Pangea“, „Dark Magus“ – stießen lange auf Unverständnis, auch beim allgemeinen Publikum, das unter Buhrufen aus Davis’ Konzerten flüchtete. Der Trompeter benutzte jetzt ein Wah-Wah-Pedal, klang noch fremder und verzerrter als je zuvor. Den Kritiker John Szwed erinnern diese Aufnahmen an Theodor Adornos Aussage über den späten Beethoven: Zu hören sei das Verschwinden des Musikers im Werk, eine Verbeugung vor der eigenen Sterblichkeit.
Man hört auch einen ungebremsten, aggressiven Gestaltungswillen, eine brodelnde, unverschämt raumfordernde Musik und eine Band, die spielt wie ein einziger, angespannter Muskel. Man hört den Noise-Rock der 80er, die elektronischen Kakophonien eines Aphex Twin in den 90er Jahren.
Und wer weiß schon, was man in 100 Jahren in Miles Davis’ Musik hören wird? Er hat nicht nur die Musik fünf oder sechs Mal verändert, er wird sie immer weiter verändern. Er bleibt seiner Zeit auf ewig voraus.
