Abo

Art Cologne 2022So umweltfreundlich kann der Kunstmarkt sein

Lesezeit 4 Minuten
Ein Performance-Künstler mit weißer Schleppe und Pfosten geht durch eine Messehalle der Kunstmesse Art Cologne.

Ein von der Kölner Temporary Gallery angestifteter Performance-Künstler wirbt im Müllkostüm für mehr Nachhaltigkeit auf der Art Cologne.

Art-Cologne-Chef Daniel Hug will die traditionsreiche Kölner Kunstmesse demokratisieren. Bei der Pressekonferenz wollen aber alle nur wissen, ob die Klimaaktivisten kommen. Ein legendärer Galerist sieht die Messe aus anderen Gründen „bei null“. Kunst gibt es auch zu sehen. Ein Rundgang.

Mehr Demokratie wagen, hat Art-Cologne-Direktor Daniel Hug dieses Jahr als Losung ausgegeben, was auf die traditionsreiche Kölner Kunstmesse gemünzt bedeutet, dass man nicht schon auf den ersten Metern von den sündhaft teuren Angeboten der großen Umsatzkönige erschlagen wird. Stattdessen dient nun eine vom Dach gefallene Fernsehantenne als Blickfang, die Flint Jamison für den jungen Düsseldorfer Galeristen Max Mayer modifiziert und auf dem Hallenboden arrangiert hat. Die rostige Alltagsskulptur empfängt schon lange nichts mehr, dafür sendet sie jetzt selbst, nämlich stumme Signale, die man mit einem analogen Radio hören könnte, hätte man zufällig eines dabei. Für das künstlerische Rheinland hat das Werk einen hohen nostalgischen Zusatzwert – sie zierte früher das Galeriehaus des legendären Düsseldorfer Kunsthändlers Alfred Schmela.

Wir sind die umweltfreundlichste Kunstmesse weltweit
Art-Cologne-Chef Daniel Hug

Er wolle die jungen und mittelständischen Galerien fördern, hatte Hug auf der Pressekonferenz gesagt, dabei freilich verschwiegen, dass ihm die früher mit Ständen an der Schlossallee hofierten Megagalerien teilweise stiften gehen. Aber das sind Detailfragen für Experten, die angereiste Presse interessierte sich vor allem für Hugs eigentlich triviale Warnung an die radikalen Klimaschützer, auf der Messe könnten Anschläge auf ungeschützte Kunstwerke teuer werden. Hug wiegelte ab, verwies darauf, dass Kunstmessen nicht ins Beuteschema der Aktivisten passten und betonte, dass die Sicherheitsvorkehrungen nicht verstärkt worden seien. Bei dieser Gelegenheit erfuhr man auch, dass die Öko-Art-Cologne seit 20 Jahren dieselben Stellwände für den Messeaufbau verwendet; lediglich die Tapeten müssten jedes Jahr erneuert werden. „Wir sind die umweltfreundlichste Kunstmesse weltweit“, schloss Hug sein Friedensangebot an die Letzte Generation.

Selbstredend hatte Hug zuvor die obligatorischen Hassmails erhalten. Die waren zu erwarten gewesen, dagegen kam die mündliche Sendung des Galeristen Michael Werner an die Messe überraschend. Auf die Gründe für die bevorstehende Schließung seiner Kölner Filiale angesprochen, rechnete Werner, eine ähnlich legendäre Figur wie Schmela, mit der Art Cologne, der kulturlosen Stadt Köln und dem Museum Ludwig ab. Die seien allesamt „von einhundert auf null“ gegangen, so Werner zu dieser Zeitung. Kleiner Trost: So sei es fast überall, aber in Köln eben extrem.

Alles zum Thema Letzte Generation

Als langjähriger Kölner im Exil hat Michael Werner selbstredend jedes Recht, maßlos zu übertreiben, zumal seine Präsentation auf der diesjährigen Art Cologne zu den besten und mutigsten Auftritten gehört, die man hier seit langem gesehen hat. Während andere Händler lieber einen Querschnitt durchs eigene Sortiment präsentieren, setzt Werner ausschließlich auf Papierarbeiten, über 300 an der Zahl, darunter Werke von Baselitz, Broodthaers, Fautrier, Penck, Polke, Kirkeby und Höckelmann.

Daneben wirkt die Auslage der Exilkölnerin Monika Sprüth geradezu einfallslos. Die diesjährige Trägerin des Art-Cologne-Preises hat ihren üblichen Bauchladen internationaler Meisterstücke dabei, etwa einen farbensprühenden Fraktalteppich von Thomas Ruff und eine Regalarbeit des Düsseldorfer Jubilars Reinhard Mucha. Über die eigene Ehrung geht sie unfeierlich hinweg, es gibt am Stand keinen Blick zurück aufs Lebenswerk und auch kein Kölngedöns. Das spricht für Sprüths geschäftstüchtige Bescheidenheit; ein bisschen schade ist es aber auch.

Der Iraner Pourea Alimirzaee kämpft gegen toxische Männlichkeit

Längst gehört Sprüth Magers zu jenen weltweit agierenden Galerien, die auch eine „demokratisierte“ Art Cologne als Zugmaschinen dringend braucht. Bei Kamel Mennour oder Thaddaeus Ropac gibt es ebenfalls vieles, was der Kunstwelt teuer ist, für die Entdeckungen sind im Feld der 190 in die Koelnmesse gereisten Händler dann eher andere zuständig. Christian Nagel etwa zeigt in einer Förderkoje große Leinwände des Iraners Pourea Alimirzaee, der die toxische Männlichkeit (nicht nur) in seiner Heimat mit „weiblichen“ Werten wie wuchernden Haaren, beschützenden Gesten und dekorativen Hintergründen bekämpft. Das klingt nach einem Klischee, bis man es vor sich sieht.

In der unteren Halle mit den gediegeneren Werten war es zum Auftakt der Messe noch etwas ruhig. Hier findet man traditionell die Klassiker der Moderne und die teuersten Gemälde auf der Messe – in diesem Jahr nehmen Werke von Gerhard Richter und Claude Monet die Spitzenplätze ein. Geradezu eine Insel der Stille bildete zunächst das neue Sonderprogramm Art & Object mit Designstücken, Antiquitäten und einigen alten Meistern. So konnte Hug in aller Ruhe die vorwiegend in den 1960er Jahren entstandenen Arbeiten der Textilkünstlerin Sofie Dawo betrachten. Dawos Teppichmuster ähneln auf verblüffende Weise der technikaffinen Zerokunst, deren Raumfahrtutopien hier etwas wunderbar heimeliges bekommen.

Auf der geschlossenen Michael-Werner-Skala steht die 55. Art Cologne sicherlich eher bei Hundert als bei null und realistischerweise irgendwo dazwischen. Sie sieht wieder sehr gut aus, wirklich basisdemokratisch ist sie trotz der neuen Hallenplanung nicht geworden, aber das widerspräche auch der raubtierkapitalistischen Natur der Kunst. Hier frisst das Bessere das Gute und stiehlt ihm nicht einfach nur die Schau.

Art Cologne, 17. bis 20. November 2022, Messeplatz 1, Halle 11, Eingang Süd, Do.-Sa. 11-19 Uhr, So. 11-18 Uhr. Eintritt: 27 Euro, Karten nur Online. 

KStA abonnieren