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Das Ende der Wahrheiten

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Der 9. November 1989 war zunächst ein ganz normaler Tag. Ich arbeitete damals in der Parlamentsredaktion des „Kölner Stadt-Anzeiger“ in Bonn und wohnte in Köln. Von den Ereignissen in Berlin erfuhr ich durch die 19-Uhr-Nachrichten im ZDF. Plötzlich sagte der Sprecher, dass alle DDR-Bürger von sofort an über alle Grenzübergänge in den Westen ausreisen dürfen. Ich konnte es kaum glauben.

Also setzte ich mich ins Auto und fuhr ins Büro. Dort war gerade unser Büroleiter eingetroffen, und wir standen beide etwas ratlos herum. Erst mal Achselzucken. „Was machen wir jetzt? Irgendetwas müssen wir tun.“ Also sind wir herübergegangen in den Bundestag. Dort lief eine müde Debatte über Vereinsrecht, wie sie häufig an Donnerstagabenden stattfinden, und es war kaum noch jemand da. Unter den Politikern herrschte die gleiche Sprachlosigkeit wie unter uns Journalisten. Damit hatte nun wirklich niemand gerechnet, und selbst die gewieftesten Kollegen, die sonst auf alles eine Antwort hatten, wussten nichts zu sagen. Das, was da gerade passierte, erfüllte uns mit Hilflosigkeit, aber auch mit großer Unsicherheit.

Was wird jetzt? Einheit ja oder nein? Wenn ja, in welcher Form? Es war das Ende aller bisher bekannten Wahrheiten.

Ein Blick auf die Titelseiten des 10. November: Die Mauer ist auf – eine Weltsensation

Ich weiß nicht einmal mehr, ob wir an diesem Abend überhaupt noch etwas geschrieben haben. Am nächsten Tag sind wir natürlich rotiert. Der eine Kollege ging ins Kanzleramt, der andere zur SPD. Und ich habe mich um den Rest gekümmert, da und dort etwas aufgeschnappt, bin rübergegangen zur Ständigen Vertretung der DDR in der Adenauerallee. Dort war gerade ein Arzt aufgeschlagen, der erst fünf Wochen vorher aus der DDR in den Westen übergesiedelt war. Jetzt wollte er zurück in den Osten, weil er mit dem System in der Bundesrepublik nicht klarkam.

In den nächsten Wochen hielt ich mich mehr in Berlin als in Bonn auf. Ich habe 1963/64 ein Semester Jura in West-Berlin studiert. Das war zwei Jahre nach dem Mauerbau, und ich musste jedes Mal über den Grenzübergang Friedrichstraße, wenn ich im Osten eine Vorstellung im Berliner Ensemble oder im Deutschen Theater besuchen wollte. Irgendwann habe ich gemerkt, dass die letzte Seite meines Personalausweises mit einer Vielzahl von kleinen Einstichen und Einbuchtungen übersät war. Die Grenzbeamten, erfuhr ich später, legten jeden Tag eine andere Schablone auf die Ausweise der Einreisenden und stachen mit kleinen und großen Nadeln ein Muster hinein.

Abends legten sie diese Schablone erneut auf den Ausweis und sahen anhand des aktuellen Musters: Aha, der ist von heute. Mich hat diese Praxis sehr empört, auch wenn meine Familie immer die Ostpolitik von Willy Brandt unterstützt hat. In den ersten Monaten nach dem Mauerfall war ich viel mit Politikern wie dem damaligen Bundesumweltminister Klaus Töpfer und Bundesarbeitsminister Norbert Blüm im Osten unterwegs. Mit Töpfer habe ich unter anderem ein Braunkohlekraftwerk in Sachsen-Anhalt besucht. Dort lag der Staub zwei Zentimeter hoch. Und ich habe den „Silbersee“ gesehen. Das war eine Kette von Seen, die total verseucht waren mit Quecksilber, Kadmium und Blei. Wahrscheinlich hätte einem das Wasser schneller als ein Piranha das Fleisch von den Knochen gefressen, wenn man auch nur einen Finger in diese Brühe gesteckt hätte.

Ein Blick auf die Titelseiten des 10. November: Die Mauer ist auf – eine Weltsensation

Ich habe trotz meiner häufigen Reisen in den Osten Jahre gebraucht, ehe ich begriffen habe, was die Einführung der Marktwirtschaft für viele Menschen dort bedeutet hat. Wenn die Treuhand eine Fabrik oder ein Krankenhaus schloss, verloren sie nicht nur ihren Arbeitsplatz. Sie verloren ihr ganzes Umfeld, ihre Kollegen, ihren Sportverein, ihre Einkaufsmöglichkeiten. Die Wut darüber ist bis heute zu spüren.

Für mich ist Deutschland auch 30 Jahre nach dem Mauerfall kein geeintes Land. Leider. Allerdings glaube ich nicht, dass dieses Gespalten-Sein eine deutsche Spezialität ist. Man muss nur in die USA schauen, wo die Differenzen zwischen Trump-Befürwortern und Trump-Gegnern nicht größer sein könnten. Das Gleiche gilt für Großbritannien. Dort spaltet der Brexit das Land. Ich hoffe, dass Deutschland eines Tages zu einer Einheit zusammenwächst. Dadurch, dass man aufeinander zugeht und die eigene Geschichte aufarbeitet. Ich fürchte allerdings, dass ich das nicht mehr erleben werde.

ZUR PERSON

Michael Brandt, Jahrgang 1942, ist ehemaliger Politikredakteur des „Kölner Stadt-Anzeiger“.