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Festival „InMotion“ in der PhilharmonieHier tanzen auch die Musiker

Das Scottish Ensemble macht einiges anders: Es spielt auswendig, im Stehen – und bewegt sich beim Spielen auch über die Bühne.

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Das Scottish Ensemble beim InMotion-Festival

Beim ersten Konzert des neuen „In Motion“-Festivals hatte es noch die erwartbare Arbeitsteilung gegeben: Die Spieler und Sänger tanzten nicht, und die Tänzer spielten und sangen nicht. Diese Trennung entfiel jetzt beim zweiten Konzert, mit dem das für seine innovativen Grenzüberschreitungen bekannte Scottish Ensemble aus Glasgow sein Debüt in der Kölner Philharmonie gab. Die gespielten Kompositionen – Schostakowitschs achtes Streichquartett in Rudolf Barschais Bearbeitung für chorische Streicherbesetzung und Tschaikowskys Serenade opus 48 – tanzten die Musiker auch. Genauer: Sie bewegten sich nach einer Choreografie von Örjan Andersson in ausgefeilten Figurationen und sukzessiv veränderten Gruppenmustern über das philharmonische Podium.

Nicht durchweg, die Einsatz- und rhythmische Präzision, die für schnelle Sätze erforderlich ist, erzwang dann auch mal ein Auf-der-Stelle-Stehen. Der Input war – jenseits des hohen professionellen Standards – auch so noch eindrucksvoll genug: Die Musiker unter ihrem Konzertmeister Jonathan Morton spielen durchweg auswendig, und das Multitasking von Partiturbeherrschung, Aufführung und Aktion hat es so oder so in sich. Sicher: Opernsänger müssen das auch Abend für Abend hinkriegen. Aber die Anforderungen wachsen natürlich noch, wenn alle Mitglieder einer Stimmgruppe gleichzeitig exakt dasselbe spielen müssen. Schließlich entbindet die choreografische Auflösung nicht von der Homogenitätsforderung der Musik.

Ein weithin gelungener Auftritt

Der „Mehrwert“ für den Zuhörer und -schauer? Man könnte ihn unter Verweis auf Wagners „Parsifal“ mit dem Satz „Zum Raum wird hier die Zeit“ umschreiben. Dabei ist Musik ja von Haus aus – und gerade diese Erkenntnis wurde am Donnerstagabend eindringlich vermittelt – durchaus nicht nur eine Zeit-, sondern auch eine Raumkunst: In einer Partitur stehen die Bässe unterhalb der Violinen, und die dem Dux folgenden Fugeneinsätze sind dort rechts von ihm platziert. Die Bewegungschoreografie des 21-köpfigen Scottish Ensemble vollzieht somit „nur“ nach, was in der Choreografie der fünf Streicherstimmen auf dem Notenblatt bereits angelegt ist. Sonst bekommt man das ausschließlich zu hören – jetzt konnte man es auch sehen.

Klar, mitunter geschah das Nächstliegende: Die Walzerrhythmen vor allem bei Tschaikowsky triggerten die (freilich nicht paarweise) walzende Bewegung der Musiker über das Podium. Aber so einfach ist die körperenergetische Umsetzung nicht immer zu haben. Schostakowitschs bedrückende Düsternis forderte auch andere, nicht durch ein Idiom vorgegebene Impulse: solche der Polarisierung und aggressiven Konfrontation der Gruppen, auch dompteurhafte Gesten des Konzertmeisters gegenüber der wie in Schockstarre verharrenden Kommunität. Stalin spricht zum Volk? Wer weiß, dies alles ist zweifellos in hohem Maße unbestimmt. Aber das Bewegungsprinzip ermöglicht eben auch die vielsagende Darstellung des Verlöschens und Absterbens von Bewegung.

Nicht verschwiegen sei, dass sich die choreografischen Effekte dann irgendwann auch verbrauchen. Aber für eine gute Stunde vermochten die Gäste das Publikum vollauf bei der Stange zu halten. Auch dies also ein weithin gelungener Auftritt im neuen Format!