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Kölner PhilharmonieEine Attacke auf die Publikumsohren – gegen alle Widerstände

Das Eröffnungskonzert des neuen Festivals „In Motion“ gelingt spektakulär – eine Hip-Hop-Crew aus der Pariser Banlieue tanzt zu Rameaus Barockmusik.

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Tänzer führen eine Choreografie auf.

In der Kölner Philharmonie traf Rameau auf Hip-Hop.

In der Schlussstrecke (der regulären Aufführung, die ohne scharfe Trennung in den üppigen Zugabenreigen überging) gibt es nur noch Musik, die Tänzer haben das Podium der Kölner Philharmonie verlassen. Aber imaginär, in den Impulsen, Charakteren und Bewegungsfiguren ist der Tanz nach wie vor da. Klar, das liegt auch an der Musik selbst: Jean-Philippe Rameaus „Les Indes Galantes“ (Die galanten Inder) von 1737 ist schließlich eine Ballettoper, Tanz und Klang sind da institutionell verschwistert. Dabei ist bei letzterem eine instrumentale Farbendramaturgie am Werk, die mit dem zeitgenössischen deutschen Barock wenig bis nichts zu tun hat. Die Traversflöten etwa hoch über dem Generalbass verzaubern den Hörer in einer Weise, die ihm aus Deutschland und Italien unbekannt ist. Hinzu kommt selbstredend das allgegenwärtige Schlagwerk – da gibt es spektakuläre Effekte, die Bach so einfach nicht draufhat.

Aber es geht auch um den Aufführungsstil: Das französisch-schweizerische Originalklangensemble Cappella Mediterranea unter seinem (am Cembalo mitwirkenden) argentinischen Gründer und Leiter Leonardo García Alarcón spielt zweifellos hochprofessionell, aber gleichzeitig auch mit jener archaisch-entfesselten Wildheit und Leidenschaft, die die distinguierten Usancen vieler Barockaufführungen sprengt. Das ist dann zuweilen auch nicht mehr im engeren Sinne schön, dafür aber charakteristisch. Hier wird eine Attacke auf die Publikumsohren geritten, die alle Widerstände zum Einsturz bringt.

Enthusiastische Reaktion des Publikums

Das gilt für den kompletten Eröffnungsabend des neuen, heuer viertägigen KölnMusik-Festivals „In Motion“, das auf ungewohnte Weise klassische Musik mit modernen Tanzformen und beide mit heterogenen Publikumsschichten zusammenbringen will. „Mission accomplished“ darf man fürs Erste feststellen nach dem langen Mittwochabend, der bereits um 19 Uhr begann und erst kurz vor 22 Uhr endete. Und von den Anwesenden noch zu später Stunde meistenteils enthusiastisch gefeiert wurde.

Für die „modernen Tanzformen“ steht in dieser Produktion die französische Streetdance-Compagnie Structure Rualité, deren Name sich aus „rue“ (Straße) und „réalité“ (Realität) zusammensetzt. 2002 von der Choreografin Bintou Dembélé gegründet und bis heute von ihr geleitet, hat sie ihren Sitz in der Pariser Problemvorstadt Saint-Denis. Rameau und Hip-Hop – hier kommen in der Tat Sphären zusammen, die genealogisch mehr trennt als verbindet. Das gilt synchron wie diachron. Synchron stoßen da bildungsbürgerliche Hochkultur und die Lebenswelt der Benachteiligten und gegen diese Benachteiligung Aufbegehrenden zusammen. Anders als im Fall des Orchesters und des Chores – des fabelhaften Choeur de chambre de Namur – wirken in der Compagnie auch viele Peoples of Colour mit, in ihren farbig-fantasievollen Straßenklamotten, die übrigens das Missfallen einzelner Philharmoniebesucher fanden.

Rameaus Oper wird einem zeitgemäßen antikolonialistischen Diskurs nicht gerecht

Diachron ist einfach festzustellen, dass die (locker-revuehaft gefügte) Handlung von Rameaus Oper – nun ja, wie soll man es sagen? – erwartbar einem zeitgemäßen antikolonialistischen und antirassistischen Diskurs nicht gerecht wird. Worum geht es? Hebe, Göttin und Beschützerin der Jugend, veranstaltet ein Fest mit Liebespaaren aus vier Nationen (Frankreich, Italien, Spanien, Polen). Da erscheint Bellona, die Göttin des Krieges. Sie überredet die Paare, der Liebe abzuschwören und Ruhm suchend in den Krieg zu ziehen. Hebe ruft Amor zu Hilfe, der seine Liebesgötter in ferne Länder außerhalb Europas entsendet, damit sie dort mit ihren Pfeilen neue Paare zusammenbringen. Die Reiseziele der Amoretten werden gesammelt als „Indien“ bezeichnet, ein damals für exotische, unbekannte Länder gebräuchlicher Sammelbegriff.

In den folgenden vier Akten geht es also in die Türkei, zu den Inkas nach Peru, nach Persien und zu den „Wilden“ nach Nordamerika, wo es jeweils dann zu Liebesbeziehungen zwischen Europäern und Eingeborenen kommt. Diese Handlungsmotive wurden von den jeweils mehrere Rollen besetzenden Gesangssolisten Amandine Sanchez, Ana Quintans, Mathias Vidal und Edwin Crossley-Mercer so stimmenprächtig wie in der Aktion nachdrücklich umgesetzt. Das war wirklich große Oper, die die Szene im engeren Sinn überflüssig machte. Rauch- und Lichteffekte, Sonnen- und Vulkanimitationen, dazu immer wieder die gesamtkunstwerkliche Einbeziehung des philharmonischen Rundes taten diesbezüglich ein Übriges.

Structure Rualité dreht den Spieß um

Aber es hilft ja nichts: Die Handlung der Oper ist – noch einmal: für ihre Entstehungszeit erwartbar – durchdrungen von orientalistischen Klischees und westlichen Projektionen auf gewaltsam kolonialisierte Weltregionen. Das kann man heute in der Tat kaum mehr eins zu eins und ohne inwendig mitgelieferten Kommentar aufführen. Wie verhält sich zumal die Tanzcompagnie aus Saint-Denis zu diesem Sujet? Nun, sie tut etwas, das man als inverse Kolonialisierung bezeichnen könnte: Sie dreht den Spieß um und macht Rameaus Musik virtuos tanzend zu ihrer eigenen. Da erfolgte auf dem Podium immer wieder, etwa zum berühmten „Danse des sauvages“ mit seiner rauschhaften Exaltation, eine körperlich erfüllte und sich als solche mitteilende, übrigens von ausagierter Aggression nicht freie Anverwandlung des vermeintlich oder tatsächlich Fremden.

Sicher, diese Produktion enthält auch ein politisches Statement, ein Bekenntnis zu Inklusion und Gleichberechtigung. Ein von der AfD und ihren Vorstellungen von deutscher Kultur infiziertes Publikum dürfte sich bei solchen Darbietungen eher unwohl fühlen. Dass sie in Köln möglich sind und in Magdeburg vielleicht bald nicht mehr – über das eine kann man erfreut, über das andere muss man tief besorgt sein.